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30 Jahre – Spielt die E-Mail auch künftig eine Rolle?

22. Oktober 2014

30 Jahre - Spielt die E-Mail auch künftig eine Rolle?

Vor 30 Jahren fing alles an. Persönliche Gedanken von dem Mann, der bei uns als Erster einen elektronischen Brief empfing.

Von Prof. Michael Rotert

Vor 30 Jahren, genauer am 3. August 1984, ging der erste Internet-Mailserver in Deutschland in Betrieb. Den Startschuss dazu markierte eine E-Mail aus den USA, die ich erhielt und die den Anschluss an das dortige Computer Science Network, kurz: CSNET, bestätigte – der Vorläufer des Internets, wie wir es heute kennen. In der Folge hat dieses Kommunikationsmedium einen rasanten Siegeszug hingelegt und nicht nur die Arbeitswelt nachhaltig verändert, sondern auch der privaten Interaktion eine wesentliche, neue Komponente hinzugefügt.

Heute ist die E-Mail aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Doch gilt das auch für die Zukunft? Um diese Frage beantworten zu können, muss man zunächst zu den Anfängen der E-Mail zurückkehren und sich noch einmal bewusst machen, was dieses Medium so erfolgreich gemacht hat, worin seine Stärken und Schwächen liegen – und worin die der heutigen und möglichen künftigen Alternativen.

Anfänge und Vorteile

Die E-Mail wurde 1969 als militärisches Entwicklungsprojekt der USA ins Leben gerufen. Sehr schnell breitete sie sich unter Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen aus. Bis aber eine kommerzielle Nutzung erlaubt wurde, dauerte es noch bis 1989. Doch dann brachen alle Dämme. Unternehmen auf der ganzen Welt erkannten schnell das Potenzial dieser neuen Kommunikationsmöglichkeit und setzten sie ein. Und schließlich nutzten auch immer mehr Menschen die E-Mail privat. Dazu trugen vor allem folgende Vorteile gegenüber den bis dahin gängigen Kommunikationsformen Brief und Telefon bei:

  • Schnelligkeit: Eine E-Mail erreicht den Empfänger innerhalb von Sekunden.
  • Asynchrones Medium: Eine mögliche Zeitverschiebung in der internationalen Kommunikation spielt keine Rolle. Jeder liest die Nachricht und antwortet, wenn es in seinen Ablauf passt.
  • Dokumentenaustausch: Seitdem das Anfügen von Anhängen ermöglicht wurde, lassen sich im Gegensatz zur telefonischen Kommunikation per E-Mail zum Beispiel Präsentationen oder Dokumente versenden.

Die immensen Vorteile, die die E-Mail mit sich brachte, haben dazu geführt, dass wir heute rund vier Milliarden E-Mail-Konten weltweit haben, darunter etwa 75 Prozent private. Die Zahl wird sich weiter erhöhen. Für 2017 werden knapp fünf Milliarden E-Mail-Konten insgesamt erwartet.

Geschäftliche Nutzung steigt

Bei der Nutzung bietet sich ein anderes Bild als bei der Anzahl der E-Mail-Konten. Obwohl der weitaus größte Teil der E-Mail-Konten privater Natur ist, stammt der größte Anteil des Mailverkehrs von Geschäfts- E-Mail-Konten. Dieser Trend wird sich in Zukunft noch verstärken.

Zwar wird auch die Zahl der privaten E-Mail-Konten zunehmen, aber die Anzahl der verschickten Mails von Privatkonten nimmt bereits ab und wird dies weiterhin tun. Das hat einen einfachen Grund: Privat kommunizieren die Menschen lieber in Echtzeit, und es gibt eine Reihe an Alternativen zur E-Mail, die genau diesen Punkt optimal erfüllen. Dazu zählen vor allem Social-Media-Dienste, aber ebenso SMS und andere, heutzutage eher internetbasierte Instant-Messaging-Systeme.

Für die Registrierung beispielsweise bei den Social-Media-Diensten ist jedoch ein E-Mail-Konto nötig. Das erklärt, warum die Zahl der privaten Konten weiterhin steigt, auch wenn die Anzahl der verschickten Mails jährlich um rund vier bis fünf Prozent sinkt. Im Privatbereich sind die oben erwähnten Dienste durchaus als Nachfolger der E-Mail zu sehen.

Im geschäftlichen Bereich ist das jedoch anders. Hier hat sich die E-Mail als verlässliches Medium etabliert. Während Unternehmen zwar verstärkt Social Media zu Marketingzwecken nutzen, bleibt die E-Mail in manchen Belangen das seriösere und zuverlässigere Mittel, etwa beim Versenden von Dateien und Dokumenten. Ein Chat ist denkbar ungeeignet zum Versenden einer Bewerbung oder einer Rechnung. Zudem bietet die E-Mail bessere Möglichkeiten zur persönlicheren Ansprache und damit zur Kundenbindung. So wird die Anzahl der geschäftlichen Mails auch in den nächsten Jahren um rund sieben Prozent jährlich steigen.

Wachstum bei mobiler Nutzung

Für die Zukunft ist vor allem die mobile Nutzung der E-Mail interessant. Für dieses und das kommende Jahr wird in diesem Bereich jeweils ein Wachstum von rund 25 Prozent erwartet, das sich danach leicht abschwächen wird. Die wichtigsten Voraussetzungen zu diesem Boom existieren bereits: Mails werden nicht mehr bis ins Endgerät übertragen, sondern bleiben auf dem Server liegen, wobei nur der beabsichtigte Empfänger Zugriff darauf hat. Der Hauptvorteil: Man kann nun mit verschiedenen Geräten auf die Mails zugreifen. Auch wenn man die Geräte austauscht, bleiben alle Mails jederzeit verfügbar. Nach wie vor ist die E-Mail der am meisten genutzte Dienst über das Internet – auch mobil.

Bei allen Vorteilen hat die E-Mail auch Nachteile, wobei einige nicht am Medium an sich liegen, sondern an den Nutzern und ihrem Umgang damit. So hat sich meist schon eine Erwartungshaltung etabliert, dass E-Mails sofort beantwortet werden müssen, obwohl es sich eigentlich um ein asynchrones Medium handelt. Durch häufig zu groß gewählte Verteiler – indem der Sender also zahlreiche Personen ins CC der Mail setzt – bekommt man auch häufig Mails, die man weder braucht noch haben möchte. Durch überhastetes Weiterleiten einer ganzen Mail-Historie werden oft auch Informationen an Leute weitergegeben, für die diese Infos nicht gedacht waren. All das sind jedoch negative Begleiterscheinungen, die nicht dem Medium angelastet werden können. Doch ein paar Nachteile bringt die E-Mail selbst mit sich, an deren Abschalten gearbeitet werden sollte:

  • Spam: Durch die einfache und kostengünstige Massenaussendung von E-Mails ist das Spam-Aufkommen so gewachsen, dass es inzwischen zu einer echten Plage geworden ist. Zwar gab es Spam, also unverlangte Werbebotschaften, schon seit dem Beginn der kommerziell genutzten E-Mail, aber damals waren solche Mails noch die Ausnahme. Heute ist das genau umgekehrt: Rund 90 Prozent des Mail-Aufkommens besteht aus Spam. Um das zu reduzieren, könnten sich die Provider besser abgleichen und bestimmte Verteiler von solchen Spam-Mails erst gar nicht zulassen. Eine weitere Möglichkeit wäre die grundsätzliche Verwendung von Verschlüsselung – auch der E-Mail-Adressen. Und Nutzer sollten ihre Adressen natürlich nicht so bereitwillig herausgeben, wie das heute noch oft der Fall ist.
  • Überwachung und Spionage: E-Mail ist ein recht unsicheres Medium, vergleichbar mit einer Postkarte. Die NSA-Affäre hat ans Licht gebracht, in welchem immensen Umfang Geheimdienste – nicht nur US-amerikanische – E-Mails scannen und mitlesen. Um dem einen Riegel vorzuschieben, sollten alle Nachrichten verschlüsselt werden, und zwar auf dem ganzen Weg vom Sender zum Empfänger, sodass sie nicht jeder mitlesen kann.
  • Posteingang: Durch die Masse der täglichen E-Mails ist der Posteingangsordner oft unübersichtlich. Bisher wurde oft nur zwischen Spam und E-Mails mit Einwilligung unterschieden – manchmal nicht mal das. Doch nun gibt es eine ganze Reihe an neuen Lösungen, die den Posteingangsordner relevanter machen wollen: Inbox, Sanebox, Mailbox und Unroll.me sind einige Beispiele dafür. Sie können praktisch die Aufgabe eines Privatsekretärs übernehmen, der die elektronische Post vorsortiert.
  • Mobile Bandbreite: Immer stärker rufen die Nutzer ihre E-Mails von unterwegs mit mobilen, internetfähigen Geräten ab. Bei größeren Anhängen oder je nachdem, auf welche Inhalte weiterverlinkt wird, sind die Ladezeiten jedoch zu lang, da die Bandbreite zu schlecht ist. Hier sollte schnell weiter nachgebessert werden.

Fazit

Ich bin mir sehr sicher, dass die E-Mail als Medium zur Nachrichtenübermittlung auch die nächsten 30 Jahre überleben wird. Persönlich wünsche ich mir mehr Privatheit für die Nutzer, die man durch eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung mit einer nutzerfreundlichen Kryptosoftware erreichen könnte, sowie weniger Spam.

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Der Autor

Prof. Michael Rotert

Prof. Michael Rotert

Foto: eco

ist Vorstandsvorsitzender des eco – Verband der deutschen Internetwirtschaft e.V.

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