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Lanier: Friedenspreis für Rückbesinnung auf traditionelle Macht- und Produktionsstrukturen?

13. Oktober 2014

Am Wochenende wurde dem Informatiker und Autor Jaron Lanier der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. Lanier, der als Pionier des Internets Begriffe wie „Virtual Reality“ und damit das Internet als digitale Lebenswelt prägte, hat sich in den vergangenen Jahren zu einem der schärfsten Internetkritiker entwickelt. So ist die Preisverleihung des Deutschen Buchhandels an Lanier auch nur auf den ersten Blick überraschend, deckt sich doch die Skepsis breiter Branchenteile vor dem Hintergrund der tiefgreifenden Umwälzungen mit der Laniers.

So titelt dann auch etwa die Hamburger Morgenpost:

Fest steht, dass das Internet gerade vor dem Hintergrund des allseits fühlbaren Veränderungsdrucks den gewohnten Modus Operandi einflussreicher Branchen gefährdet. Dies führt zwangsläufig zu einer Gegenbewegung – unabhängig davon, ob man Entwicklungen wie Wikipedia und OpenSource als Errungenschaft oder, wie Lanier, als Geißel der Menschheit einordnen mag.

Verflogene Internet-Euphorie

Die Monetarisierung von persönlichen Informationen, die den Schein von kostenlosen Diensten wie Google und Facebook ermöglichen, und die NSA-Überwachungsskandale haben auch hierzulande zu einer Abkehr der grenzenlosen Euphorie geführt. So gestand etwa Internet-Enthusiast Sascha Lobo Anfang des Jahres medienwirksam seinen „Abschied von der Utopie“ in der FAZ ein: „Das Internet ist nicht das, wofür ich es so lange gehalten habe. Ich glaubte, es sei das perfekte Medium der Demokratie und der Selbstbefreiung. Der Spähskandal und der Kontrollwahn der Konzerne haben alles geändert.“

Jürgen Geuter sieht die Verleihung des Friedenspreises als Kriegserklärung an: „Der Friedenspreis für Jaron Lanier ist eine Kampfansage an das „Netz des Everybody“, das Internet der Kollaboration und der Crowds, das Netz, in dem dezentrale Gruppen Wissen und Kultur schaffen. Er ist eine Ablehnung von Ideen wie OpenSource und Crowdsourcing, eine Forderung der Rückbesinnung auf traditionelle Macht- und Produktionsstrukturen. Vor allem ist er das laute Betteln, alles möge doch bitte endlich wieder werden wie früher.“

Digitale Zukunft gestalten statt Verweigerung

Während die Kritik an Amazon und Google den Buchhandel verständlicherweise freut, schüttet Lanier nach Gerd Leonards Meinung jedoch das Kind mit dem Bade aus: „Die Frage ist nicht, ob diese Entwicklungen aufhaltbar sind, sondern wie wir damit umgehen, welche neuen Möglichkeiten sich dabei entwickeln und welche «digitale Ethik» in der Zukunft mit den neuen Geschäftsmodellen verwoben sein wird. Deswegen sollten auch Amazon und Google daran arbeiten, einen neuen Sozialkontrakt für diese digitale Zukunft zu entwickeln, denn Technologie hat keine Ethik – unsere Gesellschaft basiert allerdings auf ihr. Unser Augenmerk sollte deswegen auf der unausweichlichen digitalen Transformation des Althergebrachten liegen und nicht auf deren Negierung oder Verweigerung.“

Unseren Beitrag zu diesem Diskurs leisten wir mit unseren Studien zur Erfassung der veränderten Lebenswelten sowie mit unserem impulsgebendem Projekt „Digitaler Kodex“ zur Entwicklung eines verbindlichen Verhaltenkodexes im Internet.

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