2. Die Landkarte aktueller Herausforderungen im Netz – Aus der Sicht von Meinungsführern

Alle befragten Meinungsführer sind stark involviert in netzpolitische Entwicklungen und Weichenstellungen. Nicht wenige sind dabei selbst begeisterte Internet-Nutzer, die mit großem explorativen Interesse immer wieder neue Geräte, Applikationen und damit verbundene Kommunikations- und Partizipationsmöglichkeiten für sich entdecken. Entsprechend wichtig ist ihnen dieses Thema in seiner Gesamtheit; sie nehmen dabei eine verstärkte Relevanz wahr, die vor allem durch vier Entwicklungen bedingt ist:

a) Massive, beschleunigte Veränderungen im Internet innerhalb der letzten drei bis fünf Jahre: verstärkte Durchdringung des Alltags mit Online-Infrastrukturen und -Diensten; neue Formen von Daten-Skandalen; Marktkonzentration auf wenige große Unternehmen

b) Erhöhte Sensibilität für die Themen Vertrauen und Sicherheit im Internet: Wachsame Bevölkerung, neue Interessengruppen, neue Grundsatzdebatten

c) Empfundener Zeitdruck angesichts wahrgenommener „Schließungsprozesse“ im Internet: nur noch kleine Zeitfenster, um die eigenen Gestaltungsansprüche geltend zu machen und mögliche Umlenkungsprozesse in Gang zu setzen

d) Gleichzeitig: keine gemeinsame Sprache im Netz-Diskurs, d.h. noch keine Verständigung über grundlegende Ausrichtungen und Verantwortungsbereiche

Die folgenden Kapitel werden einen umfassenden Einblick in die Facetten des Netz-Diskurses gewähren. Der Fokus wird dabei auf den Herausforderungen im Kontext von Vertrauen und Sicherheit im Internet liegen. Zunächst stellt sich aber die Frage, ob die Meinungsführer diesbezüglich einen grundsätzlich anderen Blick auf das Internet haben als die Bevölkerung. Die Vergleichbarkeit ist dadurch eingeschränkt, dass Meinungsführer notwendigerweise aus einer anderen Perspektive agieren: Sie beurteilen Entwicklungen hinsichtlich der daraus entstehenden Handlungsaufforderungen für ihren Verantwortungsbereich. Teilweise haben sie hierdurch einen breiteren Blick auf Risiken im Internet, indem sie beispielsweise technische und kulturelle Aspekte verbinden; teilweise fokussieren sie stärker auf ein sehr spezifisches Feld und verfügen hier über entsprechende Detailkenntnisse. Nicht alle Meinungsführer haben somit notwendigerweise einen umfassenderen Blick auf Entwicklungen im Internet, in Summe jedoch spannen sie eine weiträumige Landkarte an aktuellen Herausforderungen auf, die das Assoziationsfeld der Bevölkerung um zahlreiche Facetten erweitert. Die folgende Abbildung zeigt die wahrgenommenen Herausforderungen mit entsprechenden Knoten- punkten und inhaltlichen Verflechtungen im Überblick:

Übersicht der wahrgenommenen Herausforderungen im Internet

Übersicht der wahrgenommenen Herausforderungen im Internet

Diese Landkarte priorisiert noch nicht die spezifischen Aufgabenfelder, sie zeigt aber relevante Knotenpunkte auf, auf die in den Gesprächen immer wieder rekurriert wird. Dies betrifft zunächst die zunehmende Abhängigkeit von Online-Infrastrukturen bei gleichzeitig bestehender Unsicherheit bezüglich ihrer künftigen Störanfälligkeiten. Kriminalität ist im Internet stark durch technische Strukturdefizite bedingt und eröffnet ein weiteres Feld, auf dem erheblicher Diskussions- und Handlungsbedarf identifiziert wird. Interessant ist die hohe Bedeutung gesellschaftlicher Herausforderungen, die sich im Spannungsfeld zwischen Nutzer- und Anbieterkulturen bewegt.

Wie sich Meinungsführer diesen Herausforderungen aus ihren Aufgabenfeldern heraus nähern, welche Ziele sie dabei verfolgen und wie sie diese erreichen, zeigen die folgenden Kapitel. Grundlegend für die jeweiligen Einstellungen ist dabei auch die grundsätzliche Haltung zu Internet und Digitalisierung. Was jeweils als Lösung für mehr Vertrauen und Sicherheit vorgeschlagen wird, hängt auch davon ab, wie man das jeweilige Verhältnis von analogem und digitalem Leben beschreibt. Hierbei lassen sich drei Muster beobachten, die den jeweiligen Positionen der Akteure zugrunde liegen:

a) Äquivalenzprinzip: Es wird auffällig deutlich betont, dass nichts neu ist an den Diskussionen, denn Sicherheitsherausforderungen gibt es sowohl online wie offline („es war doch schon immer so, …“). Demnach geht es nicht um neue Vereinbarungen und Regelungen, sondern um den Transfer und die Umsetzung bestehender Regelungen in Online-Zusammenhängen. Hierbei werden vor allem Vergleichsperspektiven in Form von Beispielen aus der analogen Welt (Straßen- verkehr, Hausbau etc.) und historischer Relativierung („jedes neue Medium hat erst einmal Hysterie erzeugt“) angeführt.

b) Additionsprinzip: Es gibt Bereiche, in denen bestehende Regelungen übertragen werden können; es bedarf aber zusätzlicher neuer Handlungsprinzipien, da längst nicht alles übertragbar ist
(z.B. Cyberwar, Clouds) und sich vor allem neue Organisations- und Denkformen ausprägen.

c) Durchlässigkeitsprinzip: In Zukunft wird man immer weniger zwischen online und offline unterscheiden, da wesentliche Industrie- und Dienstleistungsstrukturen online gesteuert sind; es wird kontinuierliche Feedbackschleifen geben, d.h. einerseits werden analoge Regeln ins Internet übertragen, andererseits werden im Internet neue Mechanismen und Regeln geschaffen und in die analoge Welt transferiert.

Im folgenden Kapitel werden zunächst die Akteure der einzelnen Sektoren hinsichtlich ihrer Wahrnehmung aktueller Entwicklungen im Internet, ihres Selbstbildes, der Einschätzung anderer Netz-Akteure und der aus ihrer Sicht wesentlichen Herausforderungen vorgestellt. Anschließend werden in den zwei Folgekapiteln die verschiedenen Perspektiven auf Sicherheit, Verantwortung und Vertrauen skizziert und mit Blick auf ihre akteursspezifischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede beleuchtet. Die Erkenntnisse werden schließlich in einem Fazit gebündelt.