3.5 Wissenschaft: Über Strukturwandel, Gestaltungsnotwendigkeiten und neue gesellschaftliche Gräben

Internet als Auslöser eines kulturellen Wandels

Wissenschaftler haben einen sehr breiten, facettenreichen Blick auf die Thematik, der deutlich über ihre eigene Fachdisziplin hinausgeht. Die zunehmende Digitalisierung der Alltagswelt wird als große Chance, aber auch als Auslöser für einen tiefgreifenden kulturellen Wandel gesehen, der weitreichende technische, ökonomische, politische und soziale Implikationen mit sich bringt (als Beispiele werden genannt: „Internet der Dinge“, diversifizierte internetbasierte Geschäftsmodelle, ein neues Verständnis von Person, Kommunikation und sozialem Austausch).

Das Veränderungspotenzial des Internets, seine Chancen und Risiken werden sehr sorgfältig gegeneinander abgewogen, wobei am Ende der Erörterung die Chancen des Internets eindeutig über- wiegen und die Risiken als beherrschbar scheinen, wenn man sie denn tatsächlich angehen würde.

 „Im Grunde genommen geht es darum, das Internet als Geschenk zur Jahrtausendwende zu begreifen. […] Man kann dieses Geschenk annehmen und damit pfleglich umgehen oder man kann es kaputt machen, indem man damit nicht pfleglich umgeht. Und das Recht spielt hier eine wichtige Rolle, aber auf keinen Fall die wichtigste oder wesentliche Rolle, sondern es ist immer ein Zusammenhang von Recht, Wirtschaft, Technik und Sozialem.“

Wissenschaftler sind in der Lage, unterschiedliche Positionen und Wahrnehmungsebenen zum Internet einzunehmen. Sie sind selbst Teil ihres Forschungsobjektes, sehen das Internet sowohl aus der Innenperspektive als auch von „draußen“.

Wissenschaftler sind selbst begeisterte Nutzer, vor allem auch der sozialen Netzwerke und sind fasziniert von dem ungeheuren Potenzial, das sich auch durch die Verschmelzung bislang abgegrenzter Sphären (z.B. Forschung und Anwendung) ergibt; sie können sich ganz in diese eigene Welt der sogenannten „Netzgemeinde“ begeben – natürlich mit der geforderten reflektierten Distanz. Die Notwendigkeit eines Facebook-Accounts wird dabei gern als forscherischer Selbstversuch deklariert:

 „Das Problem ist, ich bin selbst in Facebook sehr aktiv, einfach deshalb, weil ich erkunden will und erkunden muss, wie funktioniert dieses Netzwerk. Weil ich darüber forsche und weil ich das auch wie eine Art Selbstversuch sehen muss, wie leichtfertig geht man tatsächlich mit Postings um, wie kompliziert sind die Privatsphäre-Einstellungen.“

Insgesamt sieht die Wissenschaft das Internet als große Bereicherung und als unabdingbar für das heutige Leben: Einerseits ganz alltagspraktisch als unterstützende Infrastruktur bei der Umsetzung von Forschung und Lehre (das Internet als Hilfsmittel bei der Informationsbeschaffung, Erleichterung der Kommunikation und Zusammenarbeit mit anderen Wissenschaftlern, E-Learning-Angebote), aber auch als Forschungsgegenstand selbst ist das Internet hochaktuell – dessen Bedeutung, wie hier häufig beklagt wird, in anderen gesellschaftlichen Bereichen (namentlich und vor allem in der Politik, aber z.B. auch Bildung und Medien) noch als viel zu nachrangig bewertet und eindimensional inszeniert wird.

„Sie brauchen an oberster Stelle, in den Regierungen, in der Bundesregierung, in den Landesregierungen wirklich führende Köpfe, die das Thema dort platzieren, wo es hingehört, nämlich absolut oben.“

Wissenschaftler gehen davon aus, dass durch das Internet tradierte Vorstellungen von Realität, Rechtsordnung, Gesellschaftsstruktur und Demokratie einem fundamentalen Wandel unterzogen werden. Sie betrachten dies durchaus nüchtern, aber mit dem Hinweis auf Gestaltungsnotwendigkeit will man verhindern, dass sich neue gesellschaftliche Gräben auftun.

 „Und diese Art des Digital Divide, die über die Inhalte und Formen der Nutzung geht, die wird sich, glaube ich, verstärken. Es gibt schon so eine Art Internet-Elite, die es schafft, den beruflichen Aufstieg oder den sozialen Aufstieg mit der Internet-Nutzung zu verbinden. Und es gibt welche, die das überhaupt nicht schaffen, sondern [das] Internet quasi als einen virtuellen Lebensraum nutzen für ihre Alltagsdinge, aber überhaupt in keiner Form eine Verbesserung des sozialen Status über das Internet erzielen. […] Weil die Ausgrenzungsmechanismen ja nicht nur virtuell sind, sondern auch weiterhin sozial. Insofern bleibt abzuwarten, inwieweit der Zwang der virtuellen Vergemeinschaftung die reale Vergemeinschaftung im wirklichen Leben überlagert.“

Beschreiben, vergleichen und einen Überblick gewinnen

Die Wissenschaft verfolgt ähnlich wie die Medien eine vergleichende, relativierende Perspektive. Dabei möchte sie allerdings weniger einen eigenen Standpunkt formulieren, sondern zunächst einmal das Feld aufspannen und künftige Herausforderungen der digitalen Gesellschaft benennen. Dies würde vor allem durch ein interdisziplinäres Vorgehen ermöglicht, das möglichst viele Facetten der Thematik beleuchtet und sie so in den gesellschaftlichen Diskurs einbringt.

Wissenschaft sieht sich zudem in der Pflicht, die Komplexität der Debatten aufzulösen, zu reduzieren und auf nachvollziehbare Fragestellungen herunterzubrechen, um dies auch einer breiteren Öffentlichkeit oder weniger informierten Entscheidern erklären zu können und zugänglich zu machen.

Teilweise sind die Wissenschaftler in ihrer Arbeit mit Entscheidern aus anderen gesellschaftlichen Sektoren, wie Politik, Wirtschaft, Medien und Recht vernetzt und möchten so Aufmerksamkeit für neue Fragen und Anforderungen schaffen, relevante Gesichtspunkte überhaupt erst aufzeigen und Lösungsansätze erarbeiten.

Die Wissenschaftler begreifen sich dabei gern als Mahner, die „den Finger in die Wunde legen“, indem sie kritische und bislang vernachlässigte Aspekte des Internets hervorheben, Querverbindungen zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Sektoren und wissenschaftlichen Disziplinen her- stellen, ergo: durch ihren breiten und fundierten Blick auf die Thematik zeigen können, wie die Verhältnisse in ihrer Gesamtschau wirklich sind.

 „Kontrolle muss man z.B. immer aus verschiedenen Seiten anschauen. Da gibt es den Staat, aber auch Google kontrolliert mein Nutzungsverhalten und sammelt darüber auch Daten. Wenn ich z.B. Homosexualität als Begriff suche, wäre das ein Teil der Daten, die Google sammelt, die man auch nutzen kann, um mich möglicherweise zu erpressen. Wenn ich ein Handy oder Smartphone habe, weiß auch Facebook immer, wo ich gerade stecke. Und wie kontrolliere ich nun Online-Unternehmen, die selbst kontrollieren, aber eben in ganz anderer Ausrichtung?“

Die Mehrheit der Wissenschaftler möchte Berater der politischen und wirtschaftlichen Entscheider sein. Sie wollen nicht nur diagnostizieren und kritisieren, sondern auch – ausgehend von ihrer jeweiligen Expertise – Lösungsansätze für drängende Problemlagen erarbeiten und diese bei den entsprechenden Entscheidern einbringen. Sie möchten gestalterisch tätig werden und aufzeigen, was in einer Langfristperspektive getan werden sollte, um somit dazu beizutragen, eine zukunftsfähige digitale Gesellschaft zu fördern. Dies ist aus ihrer Sicht noch ein längerer Weg, der aber unbedingt gegangen werden muss, denn sie machen im Alltag häufig die verblüffende Erfahrung, dass die Endnutzer quasi überhaupt nichts wissen.

 „Und dann kommen Menschen nach so einer Veranstaltung zu mir und sagen, das habe ich gar nicht gewusst, dass das so ist. Und das geht nicht. Also das ist so, als ob wir in diesem Land leben würden und wir hätten eigentlich überhaupt keine Idee davon, wie das politische System aufgestellt ist. Nun weiß ich, dass man, wenn man fragt, auch da ziemlich desillusioniert wird, aber so was wie Bundestag, Bundeskanzlerin, also das haben die Leute ja schon mal gehört. Und dann können sie vielleicht auch ein bisschen was dazu sagen. Und das muss man fürs Internet auch können. Das ist wichtig. Und da versuchen wir, einen Beitrag zu leisten.“

Alle Akteure haben Nachholbedarf in punkto Internet – mit Ausnahme der Wirtschaft

Wissenschaftler denken stets in Interdependenzen und Rückkoppelungen, alles hängt mit allem zusammen. Sie können ohne Probleme „To Do-Listen“ für diverse Akteure benennen und Aufgabenpakete verteilen. Nicht nur Themen, Gesellschaftsbereiche und ihre spezifischen wechselseitigen Abhängigkeiten sind auf ihrer Agenda, sondern auch verschiedene Akteursgruppen.

In der Politik: Die Wissenschaftler diagnostizieren einen großen Mangel an Wissen und Kompetenz in Bezug auf das Internet und entsprechende zukünftige Herausforderungen. Politiker sind aus

ihrer Sicht zwar engagiert und sehen Handlungsbedarf, aber sind selten hinreichend informiert, um adäquate Entscheidungen zu treffen.

 „Auf der einen Seite ist natürlich wesentlich, erst mal in der Politik überhaupt ein Verständnis für die Zusammenhänge zu erzeugen, weil man sonst eine Fehlregulierung hat. Da muss man nur leider mit dem kleinen Einmaleins anfangen. Das ist natürlich jetzt gerade in der Netzpolitik momentan ein Megathema, überhaupt erst mal ein Grundverständnis zu bekommen ‚für dieses Internet‘. Das ist aber eine Voraussetzung. Aber das alleine reicht natürlich auch nicht. Ich muss natürlich auch schauen, und das ist ein rechtswissenschaftliches Thema, wie begründe ich eine internetrechtliche Dogmatik, also eine Normenstruktur, die in heutiger Zeit irgendwo noch eine sinnvolle Wirkung erzeugt. Also, das Thema rechtliche Steuerung. Wo kann ich rechtlich steuern und wo nicht mehr?“

Die Wissenschaftler sehen die im Internet agierenden Wirtschaftsunternehmen als eine entscheidende Akteursgruppe mit einem inzwischen enormen Machtpotenzial. Die Unwissenheit bzw. Nachlässigkeit von Politik und Anwendern nützt IT-Unternehmen, die dadurch jenseits von abgegebenen „Handlungsversprechen“ weitgehend frei und unabhängig im Internet agieren können.

 „Und da ist klar, dass Unternehmen wie Facebook und Google natürlich eine unglaubliche Macht haben, weil sie einen Großteil der Informationen, die wir ins Netz geben und die wir aus dem Netz herausnehmen, hosten. Und wenn Sie überlegen, die Kommunikation läuft jetzt immer stärker über Facebook.“

Nutzer haben aus Sicht der Wissenschaft die Pflicht, sich aufzuklären, zu informieren, ein kritisches Bewusstsein und gesundes Misstrauen im Umgang mit den neuen Medien und dem Internet zu entwickeln. Häufig genug sei jedoch das Agieren im Internet von Nachlässigkeit und Bequemlichkeit geprägt – der Nutzer bildet damit selbst das größte Risiko für seine Sicherheit:

 „Was immer der Staat macht, es wird erst mal unterstellt, der will mir was. Man hat zu manchen Unternehmen ein durch nichts begründetes Grundvertrauen. […] Einem Google, was auch immer, vertraut man Daten ohne Ende an, durch nichts begründet, nur weil es so nett ist, weil es so schick ist. Auf der anderen Seite schreit man die ganze Zeit lauthals, man will seine Privatsphäre gewahrt sehen, Hilfe, Hilfe, Hilfe!“

Der Mediensektor wirkt den Wissenschaftlern zufolge derzeit noch nicht ausreichend mit an einer fundierten Aufklärung und Sensibilisierung der Nutzer im Hinblick auf Chancen und Risiken der Internet-Nutzung. Dies könnte einerseits im Rahmen von Berichterstattung und Dokumentation, aber auch durch die Entwicklung gezielter (Weiter-)Bildungsformate zum Thema Internet geschehen.

„Für Erwachsene, da denke ich schon manchmal an so was wie den 7. Sinn. Kennen Sie das noch? […] Damals, kam dann der 7. Sinn und dann war das im Fernsehen und da hat man sich das angeschaut. Aber mittlerweile ist das Fernsehen nicht mehr das Medium der Wahl für alles […] Da müsste man, denke ich, gruppenspezifische Formate finden, […] Solche kleinen Messages, die man sich auch mal zwischendrin ansehen kann, von mir aus über YouTube, irgendwas Runterladbares, das fände ich gut.“

Aus Sicht der Wissenschaft befindet sich die Gesetzgebung derzeit noch in einem Prozess der Standortbestimmung im Hinblick auf das Internet. Als relativ neuer Bereich sind viele Positionen hier noch nicht endgültig geklärt:

 „Das ist der gesamte Schwerpunkt, IT-Sicherheit, Gefahren, Abwehr, Internet-Kriminalität, Bekämpfung. Aber auch Social Media, auch die demokratischen Prozesse, die darüber ablaufen. Die Veränderung der Gesellschaft, der Politik. Was Web 2.0 mit sich bringt. Aber auch technische Innovationen wie das Cloud-Computing und die Frage, wie sich das dann rechtskonform gestalten lässt, wie sich überhaupt technische Prozesse rechtskonform gestalten lassen.“

Die befragten Wissenschaftler sehen sich im Hinblick auf ihren eigenen Wirkungskreis in einem Dilemma: Einerseits können sie Phänomene wissenschaftlich beleuchten und kritische Aspekte in den gesellschaftlichen Diskurs einbringen; sie selbst sehen sich als wichtige Berater und Impulsgeber insbesondere für Wirtschaft und Politik – andererseits würden gerade in diesen Bereichen die Ergebnisse ihrer Forschungen oft nicht hinreichend gewürdigt und an den relevanten Stellen wirklich um- gesetzt.

 „Wissenschaft muss wahrgenommen werden, um in die Pflicht genommen werden zu können. Also ein Problem ist aus meiner Sicht, dass man in Deutschland relativ wissenschaftsfeindlich ist, also nicht bereit ist, sich mit den Ergebnissen der Forschung auseinanderzusetzen.“

Stärkung der Bedeutung von Forschung und Bestimmung von konkretem Handlungsbedarf

Wissenschaftler sehen in nahezu allen relevanten Gesellschaftsbereichen spezifische Defizite im Hinblick auf den Umgang mit dem Internet.

Aufgrund ihrer Position als Vermittler zwischen den unterschiedlichen Sektoren und ihrer Selbstsicht als kritische Begleiter des digitalen Modernisierungsprozesses sieht es die Wissenschaft deshalb als eine ihrer vordringlichsten Herausforderungen, diese Defizite überwinden zu helfen, konkreten Handlungsbedarf zu definieren und diesen in Form von Anforderungen an die relevanten und verantwortlichen Entscheider heranzutragen.

Im Bereich der Politik sehen die Wissenschaftler die Notwendigkeit, von gesetzgeberischer Seite für eine bestimmte fundamentale Grundsicherung des Netzes zu sorgen. Ausgewählte Internetbereiche müssten einfach einer staatlichen Normierung unterzogen werden und zwar solche, bei denen bereits ein breiter gesellschaftlicher Konsens über die Notwendigkeit einer Regulierung besteht. Als wichtige Bereiche werden z.B. genannt: Jugendschutz (hier insbesondere Schutz vor Cyber-Mobbing), Datenschutz (hier auch: Sicherung der Rechte an den persönlichen Daten und Transparenzpflicht der Internet-Anbieter). Auf diese Weise könnte Deutschland auch zum Vorbild für andere Nationen werden.

 „Genau die Probleme, die es gibt, in irgendeiner Form in Regulierungen umsetzen, auch auf nationaler Ebene. Da wird dann immer darauf hingewiesen, das Internet sei ein globales Medium, da könne man gar nichts machen […] Auch bei so Sachen wie Sicherung des Jugendschutzes im Facebook-Bereich. […] Es gibt, glaube ich, eine Reihe von Problemen. Gerade was ich gesagt habe, Cyber-Mobbing. Das ist ja ein Problem, was häufig in Schulklassen auftaucht. Das kann man mit nationalem Recht auch regulieren.“

„Andererseits bin ich trotzdem der Meinung, wir müssen für nationale Anbieter, für Dinge, die wir hier auch regulieren können, durchaus auch Regularien bieten. Wir haben unser nationales Datenschutzgesetz. Natürlich kann das umlaufen werden von internationalen Anbietern, die ihre Server irgendwo stehen haben und dann unserer Gesetzgebung ggf. nicht mehr unterliegen, was auch so einfach übrigens nicht stimmt. Ein Facebook und so, der das hier betreibt, ist auch der Datenschutzgesetzgebung unterworfen. Von daher, ich glaube sehr daran, dass wir uns nicht abschrecken lassen sollten von dieser Sichtweise: ach, alles ist so groß und gewaltig und wir brauchen da gar nichts versuchen, also lassen wir die Hände im Schoß. Sondern das, was uns wichtig ist, sollten wir tun, wir sollten Regularien aufsetzen, und wenn es gut klappt und gut ist, könnte es ein Export, ein Erfolgsmodell werden.“

Wissenschaftler sehen beim Ruf nach Regulierung aber immer auch die andere Seite der Medaille, nämlich die Nähe zu staatlichem Machtmissbrauch und Zensur. Regulatorische Eingriffe ins Netz müssten deshalb immer sehr sorgfältig auf Notwendigkeit und Verhältnismäßigkeit überprüft werden (z.B. Internetsperrungen als überzogenes Mittel der Regulierung).

„Regulieren und Zensieren sind aus meiner Sicht immer so nah beieinander. Und gerade wenn es dann heißt, der Staat muss machen, dann sind wir ganz schnell bei der Regierung und dann ist das ganz eng verknüpft mit Machtkonstellationen. Und das ist immer das Problem, wenn man nach Regulierung schreit, auf welche Art und Weise sichert man das dann, dass das nicht zum Machtmissbrauch gerät.“

Wichtiger noch als staatliche Regulierung sehen die befragten Wissenschaftler deshalb – gerade auch an die Akteure der Wirtschaft gerichtet – Prinzipien ausgehend von Selbstregulation und Fairness.

„Es gibt ja im Fernsehen so etwas wie eine freiwillige Selbstkontrolle, wo die Sendeanstalten selbst ihre Inhalte kontrollieren. Und das wäre aus meiner Sicht auch ein Modell für Online-Unternehmen, dass die selbst für sich auf Basis von Kategorien wie Transparenz oder Datensicherheit Kategorien entwickeln, nach denen sie mit ihren Angeboten gehen. Und das wäre aus meiner Sicht ein Modell.“

Neben Staat und Wirtschaft hat sich laut der Wissenschaft aber auch der Bildungssektor seiner Aufgabe zu stellen, nämlich zur Aufklärung und Sensibilisierung der Internet-Nutzer beizutragen. Die Entwicklung von Medienkompetenz ist eine wesentliche Voraussetzung, das Internet souverän und eigenverantwortlich zu nutzen und damit auch persönliche Risiken zu minimieren. Medienkompetenz muss deshalb in den Bildungsauftrag integriert, der Umgang mit neuen Medien auch ganz praktisch durch eine Modernisierung der Lehrmethoden eingeübt werden.

 „Das ist einfach ein Skandal – und das ist in Bayern nicht anders als in allen anderen Bundesländern auch – ein Skandal, wie wenig die Kultusminister eben die Chance des Internets und der Digitalisierung für die Bildung in den Schulen entdeckt haben. Es ist einfach ein Unsinn, mit welchen veralteten Unterrichtsmethoden, veraltetem Material man in Deutschland weiterhin unterrichtet, obwohl es inzwischen das beste Material gäbe und die besten Methoden, die motivierend sind.“

„Da könnte man auch in den Schulen arbeiten. Wir haben in Deutschland immer noch keinen Unterricht in Sachen Medienkompetenz. Das ist nicht regelhaft in den Lehrplänen. […] Der Staat kann z.B. Vorgaben machen für die Lehrpläne, dass man solche Themen wie Internet regelhaft in den Lehrplan aufnimmt.“

Jenseits konkreter Fragestellungen und Handlungsoptionen beschäftigt sich die Wissenschaft selbst mit weiterreichenden Visionen im Hinblick darauf, wie das Internet spezifische gesellschaftliche Parameter verändert und welche grundlegenden Überlegungen sich für die Gesellschaft als Ganzes daraus ergeben.

Im politischen Bereich gilt es beispielsweise, eine sinnvolle Balance zu definieren zwischen den Möglichkeiten des Internets im Hinblick auf Open Data/Open Government, also Bürgerbeteiligung und Mitbestimmung einerseits und bedingungsloser Offenheit der politischen Entscheidungsprozesse andererseits. Zum einen ist Partizipation des Bürgers aus ihrer Perspektive in der Demokratie ein Wert, den es zu schützen und zu fördern gilt. Ebenso ist es aber auch wichtig, dass bestimmte Verhandlungen jenseits der Öffentlichkeit ablaufen und Entscheidungen, wenn nötig, im „Geheimen“ von den gewählten Vertretern des Volkes getroffen werden können, um die Handlungsfähigkeit der Politik nicht zu gefährden.

„Transparenz versus Geheimnis. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, weil die Tendenz ja ganz klar dahin geht, alles offen zu gestalten, alles freizugeben. Und das halte ich für problematisch. Weil wir in unserer Kultur gar nicht auf so eine komplett offene Gesellschaft eingestellt sind. […] Dazu sind wir gar nicht reif. Es ist ja so, dass Geheimnisse auch ihre Vorteile haben. […] Politik besteht auch darin, Kompromisse zu finden und etwas klug zu gestalten. Wenn Sie à la Piraten alles von Anfang an komplett offen machen, werden Sie unter menschlichen Bedingungen keine Ergebnisse erzielen können. […] Oder auch bei ACTA habe ich nichts dagegen, wenn dann zeitweise hinter verschlossener Tür verhandelt wurde, um vielleicht auch bestimmten Staaten gewissermaßen noch was abzuringen. Das kann man nicht auf der offenen Bühne machen. Aber es müssen immer die Bedingungen als solche kommuniziert werden und es muss natürlich das Volk rechtzeitig mitentscheiden können. Ich bin nicht für bedingungslose Offenheit.“

Das Internet beschreiben die Wissenschaftler als ein noch relativ neues gesellschaftliches Handlungsfeld, für das geltende Normen, Werte und Rechte noch nicht endgültig ausgehandelt sind. Die Gesellschaft befindet sich vielmehr in einem Prozess, in dem sich wechselseitige Abstimmungsprozesse permanent vollziehen und in dem letztendlich abgewogen werden muss, wie man sich die Ausgestaltung des Lebensraumes Internet vorstellt. Hier gehen die Gedankenspiele auch von unterschiedlichen Online-Orten aus, von „Wohlfühlräumen“ im Netz einerseits, in denen man sich sicher und behaglich bewegen könnte, bis hin zum „Dschungel“, der frei von normativer Ordnung sein könnte. Die Gesellschaftsmitglieder müssten dann für sich entscheiden, was sie letztendlich für akzeptabel und wünschenswert hielten.

 „Und dann sollte es aber Angebote geben, die so eine Art Grundangebot darstellen. Das fände ich schon ganz gut, wenn es da Verpflichtungen gäbe, dass die einen gewissen Sicherheitsstandard garantieren, dass man das auch in irgendeiner Weise nachweisen muss, so dass wenn ich als Benutzer eben nur mal so ein paar Grundbedürfnissen nachgehen möchte, dann weiß ich, ah, das sind diese Institutionen. Wenn ich die anpeile, dann bin ich auf einer sicheren Seite. Und alles andere, da ist Dschungel. Wenn ich da rein will, OK. Dann ist es mein Problem.“

Mit dem Internet ist aus der Sicht der Wissenschaft eine Plattform entstanden, die den Gesellschaftsmitgliedern gigantische neue Möglichkeiten im Hinblick auf individuelle Verwirklichung, freie Meinungsäußerung, Kreativität und Innovationskraft bietet. Um diese Chance tatsächlich nutzen zu können, setzen die Wissenschaftler vor allem auf „Fairness“ als Prinzip und wünschen sich eine „Kultur des Vertrauens“.

 „Und das heißt, wir werden neue Vertrauensstrukturen aufbauen müssen. Und werden überlegen müssen, wie man mit Vertrauensbruch dann umgehen kann. Aber wie können beispielsweise Geschäftsmodelle entstehen, in denen sich seriöse Unternehmen auch einen Marktvorsprung verschaffen, in dem sie wirklich vertrauenswürdig sind, während andere dahinten anstehen, weil sie das Vertrauen als solches nicht bekommen von den Usern?“