1.2 Vorgehen

Um den aktuellen Kenntnisstand zur Rolle des Internets im Radikalisierungsprozess junger Menschen zu bestimmen, wurden mit Hilfe der Suchfunktion verschiedener akademischer Online-Datenbanken mehrere hundert Quellen identifiziert und im Hinblick auf ihre Relevanz für die Forschungsfrage sortiert. Die Systematisierung erfolgte anhand von Aktualität, geographischem Bezugsrahmen und wissenschaftlicher Herangehensweise: Hinsichtlich des zeitlichen Rahmens wurden Arbeiten, die ab dem Jahr 2006 entstanden sind, berücksichtigt. Zu diesem Zeitpunkt gewannen soziale Medien zunehmend an Bedeutung und spiegeln die heute vorzufindende Medienrealität wider. Zudem liegt das Erkenntnisinteresse der vorliegenden Arbeit insbesondere auf Zusammenhängen mit dem bundesdeutschen Lebensalltag, zu welchem die auszuwählenden Studien entsprechend zumindest im weiteren Sinne einen Bezug darstellen sollten. Um wirklich wissenschaftlich valide Aussagen treffen zu können, stellte außerdem die empirische Fundierung der Forschungen ein wesentliches Kriterium in der Auswahl dar. Im Verlauf des Selektionsprozesses zeigte sich so in der Fülle der identifizierten wissenschaftlichen Arbeiten nur ein geringer Anteil empirisch fundierter Forschungszugänge: Konkret sind dies 21 deutsche und 26 englischsprachige Studien, die direkt oder im Kontext anderer Themenschwerpunkte Aussagen zum Zusammenhang von Jugendlichen, Radikalisierung und Internet treffen. Die überwiegende Mehrheit dieser Studien setzt sich mit rechtsextremistischer oder islamistischer Radikalisierung auseinander, wobei letztere den Schwerpunkt darstellt (für eine detaillierte Darstellung des Forschungsvorgehens und des Selektionsprozesses siehe Anhang A).

Während der Analyse wurde offenkundig, dass die Abgrenzung zwischen den Altersgruppen „Jugendliche“, „junge Erwachsene“ und „Erwachsene“ oftmals ausgelassen, willkürlich oder anhand unterschiedlicher Maßstäbe gesetzt wird, die sich z.B. nach nationalen Bezugseinheiten richten. Die vorliegende Arbeit orientiert sich in der Verwendung der Begriffe „Jugendliche“ oder „junge Menschen“ explizit an der Definition der Vereinten Nationen1 für die Alterskohorte von 15 bis 24 Jahren. Da jedoch nicht alle der verwendeten Studien klare Aussagen in Bezug auf Jugendliche treffen – beispielsweise basiert die Studie Radicalisation in the digital Era der RAND Corporation2 auf Interviews mit 15 (z.T. ehemals) extremistischen Personen, von denen neun unter 25 Jahren sind – werden an verschiedenen Stellen auch allgemeinere Aussagen zur Rolle des Internets in Radikalisierungsprozessen miteinbezogen und die darin enthaltenen Ergebnisse auf ihren Bezug zu jungen Menschen überprüft.

Bevor die Ergebnisse des hier beschriebenen Vorgehens in Kapitel 3 dieser Arbeit in all ihrer Breite hinsichtlich der Bedeutung des Internets für den Radikalisierungsprozess junger Menschen dargestellt werden, bedarf es der Festlegung einiger theoretischer Rahmenbedingungen. Um über Begriffe wie Radikalisierung, Extremismus und die damit in Verbindung stehenden Prozesse und ihre Bedeutung für Jugendliche sprechen zu können, muss zunächst klar sein, was genau unter ihnen zu verstehen ist. Im nun folgenden Kapitel 2 werden daher themenbezogen theoretische Grundlagen und Modelle dargestellt und erläutert.

  1. Festgelegt im Fact Sheet Definition of Youth des United Nations Department of Economic and Social Affairs (UNDESA), http://www.un.org/esa/socdev/documents/youth/fact-sheets/youth-definition.pdf [Stand: 17.02.2016]. []
  2. Die RAND Corporation ist eine internationale Forschungsorganisation, welche Lösungen für gesellschaftlich relevante Fragestellungen und Herausforderungen erarbeitet. Die Studie Radicalisation in the Digital Era entstammt der Feder von Behr, Reding, Edwards und Gribbon (2013). []