Anhang

Anhang A: Methodisches Vorgehen

Die für die Studie zentralen Konzepte „Radikalisierung“ und „Extremismus“ werden in der Forschungsliteratur in einer großen Bandbreite variierender Verständnisse diskutiert. Dabei rücken unterschiedliche theoretische Konzepte des Phänomens in den Mittelpunkt, ohne dass dabei ein einheitliches kohärentes Verständnis entsteht. Für die vorliegende Arbeit wurden Setzungen und Priorisierungen vorgenommen, welche auch durch die damit verbundene Verwendung von Suchbegriffen leiteten. Für die Recherche zum Thema Radikalisierung von Jugendlichen über das Internet dienten akademische Online-Datenbanken wie GoogleScholar, JSTOR, SAGE Journals, Taylor & Francis und EBSCO Host. Aufgrund der internationalen Relevanz des Themas erfolgte die Suche in deutscher und englischer Sprache, wobei jeweils eine Kombination aus den folgenden drei Schlagwortgruppen gebildet wurde:

Suchwörter auf Deutsch

Schlagwortgruppe 1 Schlagwortgruppe 2 Schlagwortgruppe 3

Jugendliche

Radikalisierung

Online

Jugend

Radikalismus

Social Media

Heranwachsende

Rechtsextremismus

Webseiten

U25

Jihadismus

Onlinekommunikation

Kinder

Dschihadismus

Internet

Schutzbefohlene

Salafismus

web

Teens

Linksradikalismus

www

Teenager

Linksradikalisierung

world wide web

Minderjährige

Extremismus

surfen

Junge Menschen

 Terrorismus  
   Jihad  

Suchwörter auf Englisch

Schlagwortgruppe 1

Schlagwortgruppe 2 Schlagwortgruppe 3

children

radicalism

online

youth

radicalisation

social media

adolescent

far right

webpages

teens

far left

online communication

teenager

Islamic extremism

Internet

kid

left wing

web

young person

terrorism

www

minor

extremism

world wide web

U25

jihadism

surfing

underage

jihad

 

 

In einem weiteren Rechercheschritt erfolgte zudem die Überprüfung relevanter, öffentlich zugänglicher Online-Datenbanken, einschlägiger Online-Zeitschriften und weiterführender Online-Ressourcen:

Behavioral Sciences of Terrorism and Political Aggression: http://www.tandfonline.com/toc/rirt20/current#.VimQaB9Zd2Y

Bundesministerium des Innern: http://www.bmi.bund.de/ Bundeszentrale für politische Bildung: https://www.bpb.de/

Bundeskriminalamt: http://www.bka.de

Centre for European Policy Studies: http://www.ceps.eu/

CounterExtremism.org by ISD: https://www.counterextremism.org/

Critical Studies on Terrorism: http://www.tandfonline.com/toc/rter20/current#.VimPgx9Zd2Y

CTC Sentinel: https://www.ctc.usma.edu/publications/sentinel

Friedrich-Ebert-Stiftung: https://www.fes.de/de/

Institute for Migration and Ethnic Studies: http://imes.uva.nl/

Insite: http://siteintelgroup.com/

International Centre for the Study of Radicalisation and Political Violence: http://icsr.info/

IOS Press: http://www.iospress.nl/subject/security-and-terrorism/

Journal für Konflikt- und Gewaltforschung: http://www.uni-bielefeld.de/%28en%29/ikg/projekte.html

Journal Exit-Deutschland. Zeitschrift für Deradikalisierung und demokratische Kultur: http://www.journal-exit.de/

Journal of International Security Affairs: http://www.securityaffairs.org/

Journal of Conflict Resolution: http://jcr.sagepub.com/

Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie: http://kzfss.uni-koeln.de/

Kriminologisches Journal: http://www.krimj.de

Netzwerk Terrorismusforschung: http://www.netzwerk-terrorismusforschung.org/

RadicalisationResearch: http://www.radicalisationresearch.org

RAND Corporation: http://www.rand.org/

Studies in Conflict & Terrorism: http://www.tandfonline.com/toc/uter20/current

Society for Internet Research – GLORIA: Global Research in International Affairs: http://www.rubincenter.org/

Terrorism: An Electronic Journal and Knowledge Base: http://www.terrorismelectronicjournal.org/

Terrorism Research Initiative (TRI): http://www.terrorism-research.org/

The Institute for Strategic Dialogue (ISD): http://www.strategicdialogue.org/

The Annals of the American Academy of Political and Social Science: http://ann.sagepub.com/

The International Institute for Strategic Studies: https://www.iiss.org/

Terrorism and Political Violence: http://www.tandfonline.com/toc/ftpv20/current

Verfassungsschutz: https://www.verfassungsschutz.de/

Vox Pol: http://voxpol.eu

ZDK Zentrum Demokratische Kultur: http://www.zentrum-demokratische-kultur.de/

Zusätzliche aus der Lektüre des Materials ersichtliche Literaturhinweise wurden nach dem
Schneeballsystem erschlossen. Anhand dieser Recherchen wurden mehrere hundert Quellen identifiziert und im Hinblick auf ihre Relevanz für die Forschungsfrage manuell sortiert. Dabei handelte es sich um theoretische Abhandlungen, Sammelbände, Monographien und empirische, in Aufsätzen publizierte Forschungsbeiträge. Die Systematisierung der Literatur erfolgte anhand von Aktualität (Studien ab 2006), geographischem Bezugsrahmen (möglichst vorhandener Bezug zum bundesdeutschen Lebensalltag) und wissenschaftlicher Herangehensweise (empirische Fundierung). Hinsichtlich der empirischen Fundierung der Forschungsbeiträge galt es zu gewährleisten, dass diese konkretes soziales Geschehen erfassen und analysieren und nicht alleine aus Plausibilitätserwägungen oder theoretischen Überlegungen bestehen, die zwar wissenschaftlich relevant sind, deren Bezug zum konkreten Handeln im Alltag aber nicht valide belegt werden kann. So konnten schlussendlich 21 deutsch- und 26 englischsprachige Studien identifiziert werden, die direkt oder im Kontext anderer Themenschwerpunkte Aussagen zum Zusammenhang von Jugendlichen, Radikalisierung und Internet treffen. Die überwiegende Mehrheit dieser Arbeiten setzt sich mit rechtsextremistischer oder islamistischer Radikalisierung auseinander, wobei letztere den Schwerpunkt darstellt: 32 Arbeiten fokussieren ausschließlich islamistische Radikalisierung, neun beziehen sich auf Rechtsextremismus. Die restlichen fünf Arbeiten befassen sich entweder mit mehreren Ideologien oder beziehen sich auf keine spezifische Ausrichtung.

Die meisten Studien werden von staatlichen und staatlich subventionierten Einrichtungen in Auftrag gegeben und/oder durchgeführt, außerdem von privaten Organisationen und Stiftungen oder sie entstehen als wissenschaftliche Grundlagenforschung. Im deutschen Kontext sind dies beispielsweise das Bundesamt für Verfassungsschutz, das Bundesinnenministerium, das Bundeskriminalamt und das Deutsche Jugendinstitut. Im internationalen Kontext sind es unter anderem Studien des Europäischen Parlaments, verschiedener nationaler Forschungs- und Sicherheitseinrichtungen und in den USA das Homeland Security Institute. In ihrer methodischen Herangehensweise bedient sich die Mehrzahl der identifizierten Studien an Beschreibungen und inhaltsanalytischen Auseinandersetzungen mit Webinhalten verschiedenster Formate. Beispielsweise Glaser und Kollegen (2013; 2014) ziehen ihre Erkenntnisse über die Strategien, mit denen Rechtsradikale in Deutschland Jugendliche im Internet ansprechen, aus Inhaltsanalysen rechtsradikaler Online-Kampagnen. Berger und Strathearn (2013) analysieren rechtsradikale Twitter Accounts und untersuchen deren Tweets und Interaktionen. Eine Beschreibung und Analyse islamistischer Webseiten und Online-Angebote findet sich u.a. bei Weimann (2008a), Ekkehard (2010) und in einer Studie des Bundesamts für Verfassungsschutz (2013). Auch die Rekonstruktion von Täterprofilen, gerade in Hinblick auf islamistische Radikalisierung, basiert in vielen Studien auf der Analyse von Webinhalten, Mediendarstellungen und Gerichtsakten (z.B. Hirschmann 2010; Niedersächsisches Ministerium für Inneres und Sport 2012a, 2012b; Bakker 2006; Neumann, Brooke, Rogelio & Luis 2007; Precht 2007; Gill & Corner 2015). Weitere Arbeiten beziehen sich auf die Durchführung von Interviews und Fokusgruppen mit Experten, Tätern und Aussteigern (z.B. Köhler 2014 und Neumann 2015 zu rechtsextremistischer Radikalisierung; Silber & Bhatt 2007, Neumann et al. 2007 und Sageman 2008 zu islamistischer Radikalisierung; Behr et al. 2013, Pauwels et al. 2014 zu Rechts- und Linksextremismus sowie Dschihadismus). Zusätzliche methodische Herangehensweisen zu islamistischer Radikalisierung sind außerdem vereinzelt Fallstudien (z.B. Precht 2007; Bundesamt für Verfassungsschutz 2011).

Anhang B: Radikalisierungsmodelle

Das Treppen-Modell nach Fathali Moghaddam (2005) betrachtet Radikalisierung als einen Stufenprozess aus psychosoziologischer Perspektive. Bis zur gewalttätigen Aktion (terroristischer Anschlag) durchschreitet das Individuum fünf Radikalisierungsstufen. Dabei werden die Handlungsmöglichkeiten sowie Ausstiegsoptionen auf jeder Ebene geringer und der finale Akt des gewalttätigen Anschlages als die einzige verbleibende Konsequenz betrachtet. Die Ausgangslage für das Treppen-Modell sind wahrgenommene Ungerechtigkeiten und Missstände, die das Individuum selbst oder gegenüber seiner Bezugsgruppe wahrnimmt. In den darauf folgenden Ebenen wird dann, auch aufgrund gruppendynamischer Prozesse, eine Rechtfertigung entwickelt, um diese Missstände letztlich durch Anwendung von Gewalt zu bekämpfen. Es findet eine klare Identifizierung mit der eigenen Gruppe in Abtrennung zwischen dem „Wir“ und „Anderen“ statt. Diese starke Ausdifferenzierung erhöht die Gewaltbereitschaft gegenüber der fremden Gruppe, die als ein ganzheitliches Feindbild gesehen wird.

Einen weiteren Ansatz bietet das New York City Police Department (Silber & Bhatt 2007) mit vier Stadien der Radikalisierung, welche auf Analysen sich radikalisierender Al’Qaida-Terroristen basieren. Unter dem Stadium der Präradikalisierung werden der ursprüngliche Lebensstil und die soziale Umgebung des Individuums zusammengefasst. In der Phase der Selbstidentifikation entsteht ein durch interne und externe Faktoren herbeigeführtes Interesse an einer salafistischen Auslegung des Islams und die Annahme der salafistischen Philosophie und Werte. Oft wird diese Stufe durch eine Lebenskrise oder ein ausschlaggebendes Ereignis herbeigeführt. Im Stadium der Indoktrination findet die progressive Intensivierung des Glaubens durch die Annahme der dschihadistisch-salafistischen Auslegung des Islams statt und die Bereitschaft zu Gewaltanwendung im Interesse des Glaubens steigt. In der Phase der Dschihadisation schließlich sehen sich die Individuen als heilige Krieger, mit der Pflicht am Dschihad teilzunehmen. In diesem Stadium beginnt die operative Planung von Anschlägen.

Das Modell von Thomas Precht (2007) baut auf der Grundlage von Silber und Bhatt (2007) auf. Auch für ihn besteht der Radikalisierungsprozess aus vier Stadien: der Präradikalisierung, der Konversion, der Überzeugung und Indoktrination und schlussendlich der gewaltsamen Handlung. Zudem benennt Precht Hintergrundfaktoren, Auslösefaktoren und Opportunitätsfaktoren1) , welche den Radikalisierungsprozess innerhalb der vier Stadien begünstigen können. Das Internet wird in dieser Einordnung als Opportunitätsfaktor geführt: Ein virtueller Ort, der den Austausch mit Gleichgesinnten ermöglicht und als Ressource für extremistische Informationen und als Inspiration dient.

Das Radikalisierungsmodell nach Quentin Wiktorowicz (2004) setzt den Fokus auf die sozialen Einflüsse, die auf eine Person einwirken und ihre ideologischen Radikalisierung bewirken können. Das Modell basiert auf der Erforschung der al-Muhajiroun – einer islamistischen Gruppierung, die mit Hilfe von Gewalt die islamistische Bewegung propagiert und einen islamischen Staat herbeiruft. Es beinhaltet vier Hauptprozesse, die die Wahrscheinlichkeit zur Radikalisierung erhöhen können: Kognitive Öffnung; religiöse Suche; Anpassung der Wahrnehmung und Sozialisierung.

Ebenfalls vier Faktoren, die zu einer gewalttätigen Radikalisierung führen können, benennt Marc Sageman (2004; 2008) basierend auf seiner Erforschung al-qaidischer Rekrutierungstechniken: Das Erleben einer moralischen Entrüstung; die Entwicklung einer einseitigen Weltsicht; die Verfestigung der einseitigen Sichtweise durch persönliche Erfahrung von Missständen und Ungerechtigkeiten sowie die Mobilisierung von Individuen durch Netzwerke.

Eine weitere Arbeit zum Radikalisierungsverlauf bietet Michael Taarnby (2005). In seiner Studie untersuchte er das Rekrutierungsverhalten dschihadistischer Organisationen in Europa und konnte darin die Zugehörigkeit bzw. auch die Formierung einer extremistischen Zelle als Schlüsselmoment herausarbeiten. Dabei betont Taarnby die sozialen Beziehungen, auf denen die Formierung solcher Zelle basieren. Sie entstehen durch tiefe Freundschaften, Verwandtschaftsbeziehungen oder durch starken disziplinarischen Drill. Bis zur operativen Handlungsfähigkeit der Zelle muss diese in Verbindung zum globalen Dschihadismus treten. Diese Verbindung wird mit Hilfe von Mittelsmännern durchgeführt und durch aktive Suche oder entsprechende Angebote hergestellt. Erst der Zugriff auf das Know-how, die Ressourcen und Informationen des globalen dschihadistischen Netzwerkes machen die Zelle operativ einsetzbar. Den individuellen Rekrutierungsablauf hin zu einer extremistischen Zelle arbeitete Taarnby basierend auf seiner Untersuchung der Hamburger Zelle2 in einem Modell heraus. Dabei greift er auf die Vorarbeit von Marc Sageman (2004) zurück und erweitert dessen Modell um vier zusätzliche Etappen der Radikalisierung: Individuelle Vereinsamung und soziale Ausgrenzung; spirituelle Sinnsuche; gradueller Verlauf zum militanten Dschihadismus; Treffen und Austausch mit Gleichgesinnten; graduelle Abgrenzung und Formierung einer Zelle; Akzeptanz von Gewalt als legitimes politisches Mittel; Zusammentreffen mit einem Insider bzw. Schlüsselakteur; Ausführung.

Einen ähnlichen Entwicklungsverlauf zeigt das Modell von Paul Gill (2008), welches anhand von vier Stadien die Radikalisierung islamistischer Selbstmordattentäter aufzeigt. Deren Sozialisierungsprozess ist zunächst verstärkt durch Gewalt verherrlichende Propaganda geprägt, wobei schließlich der Beitritt in eine extremistische Gruppierung durch eine ausschlaggebende Erfahrung motiviert wird. Der Zugang zu der extremistischen Gruppierung erfolgt dabei durch persönliche, familiäre und soziale Beziehungen. Dort findet eine Normierung auf die jeweilige extremistische Zelle oder Gruppe und deren bestehende Werte und Moralvorstellungen statt.

  1. Im Englischen: background factors, trigger factors, opportunity factors (Precht 2007, S. 38 []
  2. für die Anschläge vom 11. September 2001 verantwortliche terroristische Zelle []