3.2.1 Informationsplattformen

Im Internet finden sich eine Reihe an speziellen auf Kinder und Jugendliche abgestimmte Plattformen, deren Inhalte radikale Ideologien und Denkweisen vermitteln (Weimann 2008b; Weimann 2008c; Bott et al. 2009; Homeland Security Service 2009; Lennings, Amon, Brummert, & Lennings 2010). Insbesondere Webseiten werden dazu genutzt, um ideologisch eingefärbte Inhalte wie Texte, Bilder und Videos zu bündeln und zu verbreiten (Lewis 2005). Organisationen mit Bezug zu islamistischer Radikalisierung, die sich dies zu Nutze machen, sind beispielsweise der Palestinian Islamic Jihad oder die palästinensische Hamas: Auf ihrer Seite www.al-Fateh.net („Der Eroberer“) verbreitet die Hamas in Design und Layout auf Kinder und Teenager angepasste Medieninhalte wie Comics, Animationen und fantasievolle Geschichten (Bott et al. 2009). In einem professionellen und aufwendigen Stil werden auf solchen und ähnlichen Seiten speziell für junge Menschen entwickelte Unterhaltungsformate angeboten und mit radikalen Botschaften und klaren Feindbildern versehen (Lamberg 2001; Schafer 2002). In den letzten Jahren ist eine zunehmende Übersetzung und Anpassung solcher Inhalte für den westeuropäischen Kulturraum, zum Beispiel in Form ideologisch aufgeladener Cartoons und Videos auf YouTube, zu beobachten (Weimann 2008b; 2008c).

Das kindgerechte Erscheinungsbild sowie die professionelle Aufmachung der Webinhalte können neben den Kindern auch täuschend für die Eltern sein, die die Inhalte nicht umgehend als das erfassen, was sie sind. Denn nicht immer sind die hinter den Inhalten versteckten Botschaften auf den ersten Blick wahrnehmbar. Während „offensive“ Webseiten und Foren bestimmte Ideologien offen und plakativ verbreiten, Feindbilder schüren oder attackieren, verschleiern „verfälschende“ oder „mehrdeutig/missverständliche“ Seiten häufig ihre ideologische Einfärbung (Weimann 2006; Borgeson & Valeri 2004). Sie dienen dazu, Fehlinformationen zu verbreiten oder bestimmte historische Ereignisse zu verdrehen. Gerade für Kinder und Jugendliche ist die Validierung solcher Seiten extrem schwierig (McNeal 2007). Eines der bekanntesten Beispiele dieser Art ist die Seite http://www.martin-lutherking.org/. Die Webseite wird als wertvolle Informationsquelle für Lehrer und Schüler angepriesen, dient jedoch der Diffamierung des Ansehens und des politischen Vermächtnisses Martin Luther Kings. Aufgrund des Domainnamens erscheint die Webseite bei vielen Suchmaschinenanfragen auf den vordersten Plätzen (Lamberg 2001). Die Seite www.Jugendschutz.net nennt darüber hinaus mehrere weitere Beispiele rechtsextremistischer Blogs und Webseiten, deren professionell erstellte Auftritte kaum als ideologisch eingefärbt zu erkennen sind. Dazu zählen auch Wikipedia-Einträge, die von rechtsradikalen Personen nach ihren ideologischen Sichtweisen geändert und verfälscht wurden (Glaser, Özkilic, & Schindler 2013; 2014). Zu ähnlichen Ergebnissen kommt Awan (2007) in Bezug auf einige dschihadistische Webseiten und Foren.

Neben der Installation aufwendiger Webseiten können auch Online-Zeitschriften und Magazine ein wichtiges Informationsmedium extremistischer Organisationen sein. Diese werden in digitalen Formaten als Texte, E-Books oder PDF-Dateien verbreitet (z.B. die Online-Zeitschrift Sada al-Malahim und al-Somood oder auch Dabiq1 ).

Cover Zeitschrift DABIQ

Abb. 8/9/10. Cover Zeitschrift DABIQ

Eines der bekanntesten textbasierten Beispiele der letzten Jahre und in der Literatur vielmals angesprochen ist das dschihadistische Magazin Inspire. Inspire ist ein englischsprachiges Online-Magazin, das im PDF-Format in zahlreichen Foren, Webseiten und Download-Plattformen zum kostenlosen Herunterladen zur Verfügung steht (Torok 2010; Michael 2013). Die Zeitschrift richtet sich an Dschihadisten weltweit, die Inhalte und Themen sprechen jedoch im Wesentlichen auch junge westliche Leser an (Peil 2012). Zudem wird das Magazin inzwischen auch in arabischen, russischen, indonesischen und Urdu Versionen vertrieben, weitere Erscheinungssprachen werden erwartungsgemäß in naher Zukunft folgen (McFarlane 2011; Peil 2012).

Die Inhalte des Inspire Magazins, die zum Kampf gegen Amerika und die westliche Welt in Form des Dschihads aufrufen, sind leicht zugänglich und bestehen zumeist aus einfachen knappen Narrationen, anhand derer komplexe globale Probleme erklärt werden. Die Botschaften richten sich an diejenigen, die schnelle Antworten auf die (empfundenen) Ungerechtigkeiten in der Welt suchen (Mc-Farlane 2011). Dabei sticht das Magazin durch das moderne Layout, Design, Bilder und Graphiken sowie die Texte aus anderen dschihadistischen Publikationen heraus (Lemieux, Brachman, Levitt, & Wood 2014). Zudem erregt der „Do-It-Yourself“-Charakter des Online-Magazins besondere Aufmerksamkeit. Mit Rubriken wie „Make a bomb in the kitchen of your Mom” (Inspire vol 1, 2010, 31) werden unter anderem Anleitungen zur Erstellung von Waffen und explosiven Mitteln im Selbstmachtstil sowie Tipps für Attentate und Anschläge mit maximaler Opferzahl gegeben.

INSPIRE

Abb. 11. INSPIRE – How to make a bomb in the kitchen of your mom

Darüber hinaus werden Hinweise zur verschlüsselten Kommunikation und sicherem Surfen im Internet bereitgestellt (Inspire vol 1, 2010, 41ff). Es ist vor allem dieser DIY-Aspekt der Zeitschrift, dem eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Selbstradikalisierung und des DIY-Terrorismus zugesprochen wird (Torok 2010; McFarlane 2011; Peil 2012; Michael 2013; Lemieux et al. 2014). Denn gerade für Jugendliche, die auf der Suche nach alternativen Informationsquellen sind, können konzeptuell durchdachte Zeitschriften wie Inspire einen Einstieg in die dschihadistische Themenwelt bieten und zu deren Radikalisierung beitragen (Brasher 2004; Lenhart, Madden, Smith, Purcell, Zickuhr, & Rainie 2011; McFarlane 2011). Auch in Deutschland gibt es bereits Beispiele von Jugendlichen, die nach Anleitung von Inspire Sprengsätze herstellten (Peil 2012).

Extremistische Online-Medien wie das Magazin Inspire scheinen eines der zentralen Werkzeuge für einen Strategiewechsel Al’Qaidas darzustellen (Jenkings 2010; Peil 2012; Lemieux et al 2014). In einer im Internet zirkulierenden Botschaft aus dem Jahr 2004 rief die Terrororganisation zum globalen, eigenständigen und führerlosen Dschihad auf und lockerte damit ihre bis dahin geltenden hierarchischen Strukturen hinsichtlich der Koordination von Anschlägen (Michael 2013; Stenersen 2013). Dieser Schritt zum gewollten, selbstständigen „Mitmach-Terrorismus“ stellt gerade Online-(Selbst-)Radikalisierungsprozesse in ein neues Licht, da diese keinen Befehlsketten oder Hierarchien unterliegen (Jenkins 2010; Lemieux et al 2014; Veilleux-Lepage 2014).

  1. „Dabiq“ ist die Online-Zeitschrift des Islamischen Staates. Sie ist professionell in Layout und Design und richtet sich inhaltlich an ein älteres Publikum. Die Texte wie auch die Bildsprache, sind weniger reißerisch, jedoch emotional aufgeladen und strategisch ausgewählt, um die Außendarstellung des IS zu verbessern. So wird neben den ideologischen Texten und Interviews mit Kämpfern auch über den Aufbau und die Einrichtung einer nach der Scharia vorgegeben Infrastruktur im Hinblick auf das Sozial- und Wirtschaftssystem berichtet. []