3.1.1 Wie beschreiben Jugendliche selbst ihr Nutzungsverhalten?

Und welche Schlussfolgerungen lassen sich aus groß angelegten Analysen ihrer Mediennutzung in Hinblick auf die qualitativen und quantitativen Gefahren von Radikalisierung ziehen?
Unter anderem dieser Frage gingen Frindte und Kollegen (2012) in ihrer Studie zu Lebenswelten junger Muslime nach, in der sie ein „sozial- und medienwissenschaftliches System zur Analyse, Bewertung und Prävention islamistischer Radikalisierungsprozesse junger Menschen in Deutschland“ aufzeigen (Frindte et al. 2012, S. 434). Neben Mehrgenerationen-Interviews und einer großangelegten telefonischen Befragung untersuchten sie als Teil der Studie den Medienkonsum junger Muslime. Dazu führten sie Fokusgruppen mit jungen Muslimen durch, zudem fand eine Analyse neun muslimischer Internetforen – säkularer und moderater wie religiöser und fundamentalistischer – statt. Insgesamt 6.725 Postings wurden so einer lexikalischen als auch einer inhalts- und diskursanalytischen Auswertung unterzogen. Einer der Hauptbefunde der Untersuchung ergab, dass religiös motivierte Gewalt sowohl von der überwältigenden Mehrheit der befragten Muslime als auch innerhalb der meisten Foren entschieden abgelehnt wird. Lediglich in zwei der untersuchten Foren stießen die Forscher auf „eindeutig extremistische/islamistische“ (Frindte et al. 2012, S. 619) Ansichten. Dabei betonen die Autoren die große Herausforderung, die unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften bei der Analyse zu differenzieren. Gerade jene Unterscheidung ist jedoch in der Auseinandersetzung mit islamistischem Extremismus und Terrorismus, der als religiös motivierte Gewalt dargestellt wird, besonders wichtig.

Die Notwendigkeit zur Differenzierung nach ideologischen Gruppen, gerade hinsichtlich der Bedeutung des Internets für die Radikalisierung von Jugendlichen, betont auch Katharina Neumann (2015) in ihrer Studie zur Nutzung verschiedener Medien innerhalb der rechtsextremen Szene. Anhand einer Befragung ehemaliger rechtsextremer Funktionäre, die durch die Unterstützung der Organisation EXIT1) den Ausstieg aus der Szene geschafft haben, zeigt sie auf, dass je nach ideologischer Gruppierung unterschiedliche Kommunikationskanäle von Bedeutung sein können (siehe Abbildung 5).

  Mediennutzung
Völkisch-nationalistisch
  • Nutzen am liebsten interne Printmedien
  • Skepsis gegenüber Internet, wird aber genutzt als Sendemedium
Skinheads
  • Geringe Nutzung von Printmedien
  • Ideologisierung durch rechte Musik, Gespräche, Internetforen
Autonome Nationalisten
  • Sehr offene Mediennutzung, kopieren von linken Medienstrukturen
  • Kein Medium wird systematisch ausgeschlossen
Abb. 5. Beispiele für gruppenspezifische Mediennutzung der rechten Szene (Neumann 2015, S.8)

Diese nehmen wiederum Bezug auf ein breites Spektrum an unterschiedlichen Kommunikations- und Medienpraktiken Jugendlicher. Zudem zeichnet Neumann ein differenziertes Bild von dem Ineinandergreifen von Online- und Offlinemediennutzung und zeigt so ein breites Spektrum an unterschiedlichen Medienangeboten und Kommunikationsformen auf, die zur Herstellung und Aufrechterhaltung eines hermetischen Weltbildes beitragen, wie es für radikale Ideologien typisch ist. Unter anderem betont sie den Stellenwert von Musik, die in der rechtsradikalen Szene eine zentrale Rolle für die Ideologisierung Heranwachsender einnimmt. Die Jugendlichen konsumieren online Lieder und Texte beispielsweise über die Plattform YouTube und eignen sich die rechtsradikalen Inhalte oft ohne großes Nachdenken an.

Youtube rechte Musik

Abb. 6. Youtube rechte Musik

Das Internet fungiert dabei ergänzend und komplementär zu den Konzerten der rechten Musikszene. Es ist vor allem für das in Kontakt treten mit extremen Ideologien und ein erstes „Antriggern“ wichtig, während die Konzerte eine zentrale Rolle bei der Verfestigung der Ideologien durch die Gruppenerfahrung und dort erlebte Zugehörigkeit spielen.

Die oben beschriebene (retrospektive) Ableitung von Phasenmodellen, die Analyse von Foren und die Beschreibungen (ehemalig extremistischer) Jugendlicher zu ihrem Medienverhalten können einigen Aufschluss über die Radikalisierungsprozesse Heranwachsender im Internet geben. Mindestens genauso wichtig ist jedoch die Frage, welche Wirkungen die Online-Medieninhalte und das damit verbundene Nutzungsverhalten bei den Jugendlichen entfaltet.

  1. Deutsche Initiative, die Menschen darin unterstützt, aus der rechtsextremen Szene auszusteigen (für weitere Informationen siehe http://www.exit-deutschland.de/ []