3.2.2 Video(-plattformen) und Spiele

Neben statischen Angebotsformaten wie der Webseite und Online-Zeitschriften verwenden extremistische Organisationen auch verstärkt Video- und Bewegtbildinhalte als wirkungsvolle Informations- medien und Propagandamittel. Und tatsächlich verweist die Mehrheit extremistischer Täterbiographien auf ideologische und extremistische Videos als wichtige Informationsquellen (Steinberg 2012; Stenersen 2013). Videos eignen sich hervorragend zum Transportieren ideologischer Botschaften, da sie neben einer multimedialen Darstellung, einer direkten Bildsprache und dramaturgischen Mitteln auch einen starken Fokus auf die Erweckung von Emotionen legen können (Sageman 2008). Dass die Rezeption extremistischer Videos sich auf die Einstellung junger Erwachsener auswirken kann, wurde bereits weiter vorne aufgezeigt (siehe Darstellungen zur Studie „Propaganda 2.0 – Psychological Effects of Right-Wing and Islamic Extremist Internet Videos“ unter Kapitel 3.1.3). Videos können das eigene ideologische Welt- und Selbstbild bestärken – beispielsweise indem sie von den Darstellungen der Massenmedien abweichen und das Unrecht gegenüber Muslimen in den Mittelpunkt stellen. Darüber hinaus können sie mit Hilfe von Predigten, Botschaften und Märtyrerstatements dazu beitragen, dass sich Ideen und Ideologien verfestigen und intensivieren. Dass Propagandavideos auch zum konkreten Handeln animieren können, zeigt zum Beispiel der Fall des Arid Uka, der 2011 einen Mordanschlag auf zwei US amerikanische Soldaten in Frankfurt verübte. Steinberg (2012) folgend wurde er zu dieser Tat insbesondere durch ein Online-Video der Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU) motiviert.

Die Verwendungsvielfalt von Online-Videos und ihre Möglichkeiten zur Verbreitung unterschiedlicher ideologischer Themen spiegelt sich in der vielfältigen Palette ihrer Einsätze durch extremistische Organisationen und Individuen wider (Salem, Reid, & Chen 2007). Sie nutzen sie zur ideologisch eingefärbten Berichterstattung, in dokumentarischer Funktion zur Aufzeichnung und Inszenierung von Anschlägen, Kämpfen und Exekutionen (Conway 2014; Weimann 2014), aber auch als Unterhaltungsvideos mit ideologischer Untermalung, wie Musikvideos, Nasheds1 , Tutorials, rassistische Comedy bis hin zu ideologisch eingefärbten Animationen und Cartoons oder auch gewaltverherrlichenden Gaming Videos, die gezielt Kinder und Jugendliche adressieren.

Der Produktionsaufwand extremistischer Videos ist durch den technischen Fortschritt der letzten Jahre um ein Vielfaches geringer, günstiger und schneller geworden. Theoretisch ist heute für die Produktion von ideologischen Videos nicht viel mehr nötig, als ein Smartphone mit Videofunktion und ein Internetzugang zur Bearbeitung und Verbreitung des Materials (Askanius 2012). Einhergehend mit den jüngsten Entwicklungen im Nahen Osten, aber vor allem in Syrien und mit dem Aufbau des Islamischen Staates, ist eine neue Dynamik im Hinblick auf die Produktion und Verbreitung von Propagandavideos entstanden. Der Islamische Staat produziert seine Videobotschaften teilweise mit einem Aufwand und einer Inszenierung, die bisher lediglich aus großen Produktionsstudios bekannt war (TRAC 2014; Vitale & Keagle 2014; Winter 2015) (siehe dazu Infokasten 5 über die Propagandastrategien des IS). Der Wirkungsgrad dieser sich konzeptuell und ästhetisch unterscheidenden Bildsprache auf Kinder und Jugendliche muss in weiterer Forschung untersucht werden.

Infokasten 5: Dschihadistische Organisationen im Internet und die Online-Propagandastrategien des IS

Dschihadistische Bewegungen begannen bereits früh, das Internet zur Verbreitung ihrer Botschaften zu verwenden. So wurde neben der Erstellung und Verbreitung von Videokassetten und Daten-CDs auch vermehrt in eigene Webseiten investiert und großangelegte Email-Verteiler aufgebaut (Levin 2002; Tsafti & Weimann 2002). Um auch explizit Individuen in der westlichen Welt anzusprechen, erfolgte dazu in schneller Geschwindigkeit eine rapide Zunahme englischsprachiger Webseiten aus dem dschihadistischen Milieu (Michael 2009). Eine der ersten weitreichenden dschihadistischen Webpräsenzen war die Seite azzam.com. Ihr erklärtes Ziel war es, Mudschahidin (Gotteskämpfer) auf der ganzen Welt mit authentischen Informationen über den Heiligen Krieg zu versorgen (Thomas 2003). Als weitere Beispiele früher dschihadistischer Internetpräsenz gelten die Entstehung und der Ausbau von alneda.com und des Islamischen Media Centers sowie auch www.qoqaz.net, die unter anderem Bilder und Videoaufnahmen aus dem ersten Tschetschenien-Konflikt im Jahr 1994 veröffentlichten. Alle wurden im Laufe der Jahre zu koordinierten dschihadistischen Online-Präsenzen ausgebaut. Nach Brian Jenkins (2010) führte gerade diese Entwicklung zur ersten möglichen grenzübergreifenden und transnationalen Ansprache und Rekrutierung westlicher Jugendlicher. Die dschihadistischen Webseiten zielten auf eine alternative Berichterstattung und eine dschihadistische Perspektive zu den von Massenmedien dominierten Darstellungen von Kriegs- und Konfliktereignissen in den umkämpften Gebieten (Thomas 2003). Sie suchten nach alternativen Wegen zur Verbreitung der eigenen Sichtweisen und Überzeugungen.

Flagge Islamischer Staat

Abb. 12. Flagge Islamischer Staat

Die wichtige Rolle des Internets für dschihadistische Organisationen lässt sich besonders anhand des Beispiels des Islamischen Staates verdeutlichen. Dessen Entstehung, einhergehend mit der Medialisierung des syrischen Bürgerkrieges, bringt einen Paradigmenwechsel mit sich. Wie keine andere extremistische Organisation zuvor nutzt der IS das Internet auf eine konsequente, hocheffiziente und multimedial ausgerichtete Art für die Verbreitung von Propaganda und zur Rekrutierung junger westlicher Rekruten (Lynch, Freelon, & Aday 2014). Dabei werden Medienformate zielgruppenspezifisch erstellt und in den jeweiligen Kanälen (soziale Netzwerke, virtuelle Gruppen, Foren) platziert. Unter anderem ist so eine neue Dynamik im Hinblick auf die Produktion und Verbreitung propagandistischer Videos entstanden. Der IS produziert seine Videobotschaften teilweise mit einem Aufwand und einer Inszenierung, die bisher lediglich aus großen Produktionsstudios bekannt war (TRAC 2014; Vitale & Keagle 2014; Winter 2015). Themen, die von der IS-Propaganda gespielt und mit unterschiedlichen Narrationen bedient werden, sind beispielsweise Brutalität, Barmherzigkeit, Opferrolle, Krieg, Zugehörigkeit und Utopismus (Winter 2015). Die extreme Gewaltdarstellung als Element innerhalb der Propagandamittel dient vor allem dazu, die Gegner zu schockieren und zu verängstigen und zum anderen, die eigenen Unterstützer zufriedenzustellen. So werden die eigenen Kämpfer glorifiziert und es wird eine Medialisierung und Popularisierung des Kampfes und des Märtyrertums aufgebaut. Gerade bei jungen Menschen kann solch eine Idealisierung und Glorifizierung von teilweise Gleichaltrigen zur positiven Rezeption der Inhalte führen, Rollenbilder transportieren und sogar einen Fan-Charakter entwickeln. Zudem stellt das Propagandamaterial des IS einen Aspekt hervor, den die westliche Medienberichterstattung kaum thematisiert – nämlich Alltäglichkeit und (vermeintliche) Normalität. Jenseits der Berichte über Gräueltaten, Exekutionen und Anschläge zeigen diese am banalen Alltagsleben im Islamischen Staat wenig Interesse. Ganz anders präsentiert ein Großteil der durch den IS zirkulierten Inhalte das scheinbar normale Leben im ausgerufenen Kalifat (Winter 2015). Gerade diese werden aktiv zur Rekrutierung Jugendlicher genutzt (Awan 2007), denn das Fehlen jener Inhalte in den Massenmedien betrachten Sympathisanten und Unterstützer des IS als Bestätigung für eine einseitige und diskriminierende Berichterstattung. Diese Wahrnehmung führt zur weiteren Ausprägung der zwischen dem „Wir“ und den „Anderen“ trennenden Sichtweise.

 

Infokasten 6: „Neue Rechte“ im Internet: Die Identitäre Bewegung Deutschlands

Rechte Organisationen sind vielfach im Internet vertreten. Neben dem „alten rechten“ Lager wie der NPD, die verschiedene Online-Formate unterhalten, haben sich innerhalb der letzten Jahre jedoch auch einige neuere, moderne Lager im rechtsextremen Spektrum gebildet. Eines dieser Phänomene ist die Identitäre Bewegung Deutschlands (IBD). Die Identitären bildeten sich 2012 in Deutschland und Österreich aus dem französischen Bloc Identitaire heraus und verbreiten ihre Botschaften, Banner und Bilder im Internet insbesondere über Facebook, YouTube, Blogs und weitere Kommunikationsportale. Sie sind dem Erziehungswissenschaftlicher Benno Hafeneger (2014) folgend „vor allem eine virtuelle Erscheinung, die im Internet agiert und dort versucht, insbesondere junge Leute anzusprechen“ (Hafeneger 2014, S. 2).

Lamba Zeichen der IDB

Abb. 13. Lamba Zeichen der IDB

Die IDB negieren, rechtsextrem zu sein, propagieren jedoch einen „ethnokulturellen und weichgespülten völkischen Rassismus“ (Hafeneger 2014, S. 3). Eine Auswertung ihrer Internetauftritte aus dem Jahr 2014 identifizierte eine akademische Rhetorik propagierter Bedrohungsszenarien der westlich-modernen Gesellschaften und Parolen zur „Rettung der kranken Gesellschaft“ (Hafeneger 2014, S. 4) insbesondere durch die Jugend. Dabei werden jugend- und pop-kulturelle Elemente mit fremden- und insbesondere islamfeindlichen Parolen verbunden. Auch werden Unsicherheiten bewusst aufgefasst und (um-)gedeutet, wie der Begrüßungstext auf der modern aufgemacht Webseite verdeutlicht: „Dass du auf unsere Seite gestoßen bist, zeigt schon, dass du auf der Suche nach etwas bist. Dich stört, wie es derzeit in unserem Land abläuft, du erkennst vielleicht sogar deine Stadt und dein Viertel nicht mehr wieder. Du hast am eigenen Leib erlebt, was dieser Multikulti-Wahn wirklich für uns Deutsche bedeutet. Du ahnst, was hinter den Parolen von ‚Vielfalt‘, ‚Chance‘ und ‚Bereicherung‘ wirklich steckt. Wir werden dir reinen Wein einschenken und schonungslos die Wahrheit sagen: Die Lage ist mehr als ernst…“ Dass sich das Gedankengut der IDB nicht auf den virtuellen Raum beschränkt, sondern in reale Aktionen umgewandelt werden kann, zeigt beispielsweise die Mauerbau-Aktion einer lokalen Gruppe der IDB in Sachsen-Anhalt, die im März 2016 das Wahllokal einer Probewahl für Migranten zumauerte und mit den Worten „no way“ besprühte.

Insbesondere die Videoplattform YouTube, aber auch andere Videosharing-Formate eignen sich dazu, ideologische Inhalte und Nachrichten an ein breites und heterogenes Publikum zu versenden. Die herausragende Rolle von YouTube stellten beispielsweise O’Callaghan, Greene, Conway, Carthy und Cunningham (2013) in der Verbreitung rechtsradikaler Inhalte sowie dem Auf nden weiterer extremistischer und ideologischer Videos heraus. Eine entscheidende Funktion des Portals ist das automatische Videovorschlagssystem, welches aufgrund des allgemeinen Nutzerverhaltens und der Sehgewohnheiten anderer Nutzer weitere relevante und thematisch ähnliche Videos auswählt. Durch dieses als „Filter Bubble“ (für weitere Informationen siehe Infokasten 7) bezeichnete Phänomen kann der Nutzer eine größere Anzahl an ähnlichen Inhalten innerhalb kurzer Zeit komprimiert konsumieren, das Fehlen alternativer Inhalte birgt jedoch die Gefahr einer verzerrten Wahrnehmung (Zhou, Khemmarat, & Gao 2010; Pariser 2011; Hannak et al. 2013; Majumder & Shrivastava 2013).

Infokasten 7: Die Filterblase

Filter Bubble

Abb. 14. Filter Bubble

Mit dem Begriff Filterblase (Filter Bubble) bezeichnet der Netzkritiker Eli Pariser (2011) ein durch den automatischen Filteralgorithmus von Suchmaschinen und anderen Plattformen im Internet entstehendes Phänomen, innerhalb dessen dem Nutzer abhängig von seinem individuellen Online-Verhalten Links und Inhalte vorgeschlagen werden. So unterscheiden sich beispielsweise bei der Suchmaschine Google personenspezifisch die Reihenfolge und Art von Seiten, die nach Eingabe eines Suchbegriffes präsentiert werden. Bei Facebook gestaltet sich die persönliche Timeline nicht nur chronologisch nach den Beiträgen der Kontakte und abonnierten Gruppen, sondern vor allem thematisch entsprechend der Links, die das Mitglied häufig anklickt. Und auch bei YouTube gibt es analog ein automatisches Videovorschlagsystem, welches aufgrund der Sehgewohnheiten des Nutzers oder denen anderer Anwender mit ähnlichem Nutzerverhalten weitere relevante und thematisch ähnliche Videos auswählt. Nimmt man all diese Filter zusammen, entsteht Pariser (2011) folgend die Filterblase – das persönliche und einzigartige Informationsuniversum, in dem ein Individuum online lebe. Was in der Blase ist, hängt davon ab, wer man ist und was man online tut. Jedoch bestimmt der Nutzer nicht selbst, was in die Blase hineinkommt und genau so wenig sieht er, was aussortiert wird. Dies ist in Zusammenhang mit Radikalisierung insofern relevant, als dass beispielsweise das Betrachten eines Videos mit radikalen Inhalten dazu führen kann, dass durch das automatische Vorschlagssystem innerhalb kurzer Zeit eine große Anzahl an ähnlichen Inhalten komprimiert konsumiert werden (Conway & O’Callaghan 2013). Dabei kann das Fehlen alternativer Inhalte zu einer verzerrten Wahrnehmung führen und so das eigene Weltbild ohne alternative Reflexion bestätigen und verstärken (Zhou, Khemmarat, & Gao 2010; Pariser 2011; Hannak 2013; Majumder & Shrivastava 2013).

Neben reiner Informationsdarstellung durch Online-Videos spielen Plattformen wie YouTube durch ihre Funktion der Channels auch in weiteren Themenbereichen eine wichtige Rolle. So zum Beispiel im Angebot der Spielkanäle (Gaming Channels), die in Zusammenhang mit ideologisch eingefärbten Computerspielen von Bedeutung sind. Für Computerspiel affine Heranwachsende besteht im Internet ein breites Angebot unterschiedlichster ideologisch eingefärbter Formate jeglicher extremistischer Ausrichtungen, welche zum Spielen alleine oder gemeinsam mit anderen online oder zum Herunterladen bereitgestellt werden (Weimann 2008c). Solche Computerspiele werden entweder speziell mit einem ideologischen Spielablauf konzipiert oder aber als Masken (Erweiterungen) für bestehende Computerspiele entwickelt. Ein Beispiel ist das Spiel „Nazi Doom“, eine antisemitische Version des Ego-Shooter Klassikers „Doom“. Ein anderes Beispiel ist der von der Hisbollah entwickelte Ego Shooter „Special Force“, in dem gegen israelische Streitkräfte gekämpft wird, oder die Spiele „Under Ash“ und das vom Islamischen Staat unterstützte „Grand Theft Auto: Salil al-Sawarem“. Gerade Multi Player Games können für idealistische Verbreitungen genutzt werden. Dies geschieht beispielsweise, wenn „Clans“2 in virtuellen Räumen zusammentreffen und neben dem Spielen durch spielinterne Text- oder Audiofunktionen miteinander kommunizieren. Auch durch die Wahl bestimmter Teams oder Szenarien innerhalb populärer Computerspiele können sich die Spieler untereinander ihre ideologischen Einstellungen signalisieren (Fuchs & Goetz 2012). Darüber hinaus können sich Nutzer auf Gaming Channels digitale Zusammenschnitte von Spielabläufen mit rechtsradikalen oder dschihadistischen Narrationen anschauen.

Youtube – Spiel „The Return Of The Reich“

Abb. 15. Youtube – Spiel „The Return Of The Reich“


Youtube – Spiel „GTA Online ISIS vs. Rest of the world“

Abb. 16. Youtube – Spiel „GTA Online ISIS vs. Rest of the world“

Die Spielverläufe aus beispielweise Ego-Shootern zeigen entsprechende virtuelle Regionen mit den jeweiligen Feindbildern und Simulationen bekannter Kämpfe und Anschläge. Dabei entsteht durch Diskussion, Kommentare und Videoantworten zu diesen Videos eine Kommunikation, die über den eigentlichen Spielverlauf hinweg statt ndet. Sie bringt junge Menschen in einer ungezwungenen Art und Weise in Kontakt mit anderen Interessenten, Sympathisanten sowie Gleichgesinnten ideologischer Bewegungen (Ekman 2014).

  1. Ursprünglich melodische, islamische A capella-Gesänge, die in den letzten Jahren von Dschihadisten mit extremistischen Texten und Kampfaufforderungen versehen werden und als extremistischer „Musikersatz“ als Videos oder im MP3-Format in den Umlauf gebracht werden. Als eine Reaktion darauf werden seit 2012 Nasheeds aus salafistischem Umfeld von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien als „jugendgefährdend“ geführt. Zu weiterer Information über Nasheeds siehe Nico Prucha (2012) und Claudia Dantschke (2014). []
  2. Teilweise können diese Clans aufgrund ihrer Namen und Symbole den jeweiligen Ideologien zugeordnet werden; so zum Beispiel Namen mit den Nummern 88 oder 18, stellvertretend für die Buchstaben im Alphabet „Heil Hitler“ und „Adolf Hitler“. []