3. Forschung zu Radikalisierung Jugendlicher über das Internet

Forschung im Zusammenhang von jungen Menschen und Internet konzentriert sich im deutschsprachigen Raum vor allem auf die Online-Partizipation von Kindern und Jugendlichen sowie den Umgang mit persönlichen Daten und die Sensibilisierung für den Datenschutz (Spaiser 2011). Zudem treten Jugendliche in vielen Studien zu Internetnutzung als Kohorte auf. Vorhandene Angaben zu ihrem soziokulturellen Hintergrund oder soziodemographische Daten werden dabei jedoch meist nur gering differenziert dargestellt.1 Jugendliche bewegen sich mit großer Selbstverständlichkeit durch soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter, SnapChat oder WhatsApp und sind sich dabei oft nicht darüber im Klaren, was mit ihren Daten, Fotos, Videos geschieht bzw. geschehen kann und in welchem Maße sie durch Dritte weiterverwendet oder gar missbraucht werden können. Wie genau sich die Informationsaufnahme und der Konsum des Mediums Internet auf junge Menschen auswirken – sei es durch Kommunikation, Interaktion und Selbstdarstellung über die sozialen Netzwerke, Aktivitäten wie Shoppen und Spielen oder auch die Suche nach Informationen, beispielsweise für Schularbeiten, und das Lesen von Nachrichten – wird in aktuellen Studien wenig untersucht.

Und gerade die Erforschung von Radikalisierungsprozessen junger Menschen über das Internet steckt noch in den Kinderschuhen. Zwar hat die Wissenschaft in den letzten Jahren mit einer Vielzahl an Publikationen auf das Thema Online-Radikalisierung reagiert, dies jedoch vor allem in Form theoretischer Abhandlungen. Zudem haben diejenigen Studien, die sich der Thematik spezifischer zuwenden, sehr unterschiedliche Herangehensweisen, was sich innerhalb ihres Aufbaus und ihrer Schwerpunktsetzung widerspiegelt (Dalgaard-Nielsen 2010). Es finden sich beispielsweise: Studien über als gefährdet eingestufte Gruppen (etwa Jugendliche mit Migrationshintergrund), Arbeiten zu Täterprofilen radikalisierter Jugendlicher, Analysen von Täterprofilen Erwachsener im Hinblick auf ihre Radikalisierung als Jugendliche oder junge Erwachsene, Analysen jugendaffiner extremistischer Inhalte im Internet. Arbeiten jedoch, die explizit die Radikalisierung von Jugendlichen über das Internet erforschen, existieren im deutschsprachigen Raum fast gar nicht. International zeigen einige wenige Studien erste Ansätze. Deren Aussagekraft ist aber insofern eingeschränkt, als dass die zugrundeliegenden Variablen und Konstrukte aufgrund nationaler und kultureller Gegebenheiten unterschiedlich definiert sind und daher nur eine bedingte Vergleichbarkeit erlauben. Hinzu kommt, dass Jugendliche in den meisten vorhandenen Studien zu Online-Radikalisierung lediglich eine Teilmenge darstellen. Im Altersspektrum der jeweils erforschten Populationen zeigt sich eine Variation von 12 bis 49 Jahren, wobei jede Studie eigene, sich häufig zufällig aus der Probandengruppe ergebende, Altersausschnitte setzt.

Die fragmentierte Vielfalt der wissenschaftlichen Arbeiten und die dürftige empirische Datenlage deuten darauf hin, dass eine theoretisch ausgereifte, fokussierte Forschung zu dieser Fragestellung erst im Aufbau ist (Institute for Strategic Dialogue 2011). Schwierigkeiten ergeben sich unter anderem deswegen, da es kaum möglich ist, junge Menschen bereits in einem frühen Stadium ihrer Radikalisierung zu identifizieren und ihre Motive und Hintergründe sozialwissenschaftlich zu untersuchen (Herding & Langner 2015). Nichtsdestotrotz können die unterschiedlichen Herangehensweisen genutzt werden, um die bestehenden Forschungsergebnisse zusammenzuführen und die Thematik rund um Radikalisierungsprozesse Jugendlicher über das Internet genauer zu beleuchten. Dabei zeigt sich, dass über die Seite der Nutzerinnen und Nutzer weitaus weniger bekannt ist als über bestehende Angebotsstrukturen im digitalen Raum, da individuelle Radikalisierung weitestgehend im Verborgenen abläuft. Dennoch gibt es verschiedene Versuche, Licht in das Dunkel zu bringen: Wer sind die Jugendlichen und welche Prozesse und Entwicklungen durchlaufen sie im Zuge ihrer Radikalisierung? Welches sind ihre Nutzungsmuster und welche Wirkung induziert diese Nutzung bei ihnen? Diesen Fragen wird auf den kommenden Seiten nachgegangen. Dabei werden einschlägige Studien knapp im Hinblick auf ihren Forschungszugang und ihre Ergebnisse skizziert, wobei ein Fokus auf Deutschland liegt und Ergebnisse aus internationalen Kontexten ergänzend berücksichtigt werden. Daran anschließend erfolgt eine ausführliche Darstellung des bestehenden Angebots extremistischer Ideologien im Internet als Resonanzraum von Radikalisierung. In einem Exkurs über die Entwicklung extremistischer Organisationen im Internet wird zudem ein Schwerpunkt auf die Strategien des Islamischen Staates einerseits und der rechtsextremen Identitären Bewegung Deutschlands andererseits gelegt (Infokästen 5 und 6).

  1. Die Studie des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet „DIVSI U25-Studie: Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der digitalen Welt“ hat hier im deutschsprachigen Raum eine Pionierarbeit geleistet und durch die Erarbeitung der unterschiedlichen Internet-Milieus interessante Aspekte aufgedeckt. []