3.2 Das Internet als Resonanzraum extremistischer Organisationen

Das Internet bietet bereits seit seinem Bestehen eine Plattform für Informationen und, im Zuge seiner digitalen Weiterentwicklung zum interaktiven Web 2.0, auch zum Austausch von Meinungen. Seine Möglichkeiten der Information, Distribution, Kommunikation und Interaktion – gerade aber auch zu aktiver Medien- und Inhaltsselektion – bergen jedoch auch in hohem Maße die Gefahr einer verzerrten Wahrnehmung (Pariser 2011; Starr 2010). So können Resonanzräume entstehen, in denen sich die Akteure gegenseitig und ohne alternative Impulse in ihren Denk- und Sichtweisen reflektieren und verstärken (Silber & Bhatt 2007; Change Institute 2008; Stevens & Neumann 2009; Wojcieszak 2010; Behr et al. 2013). Mit seiner nahezu unbegrenzten digitalen Ausdehnung und weltweiter Vernetzung stellt das Internet für extremistische Organisationen eine mächtige, multimediale, kostengünstige und schnelle Plattform zur Verfügung über die sie ihre Inhalte verorten und verbreiten können (für einen Überblick über die Entwicklung extremistischer Organisationen im Internet siehe Infokasten 4). Seit den Anschlägen des 11. September 2001 nimmt die Betrachtung des Internets in der Radikalismusforschung einen wichtigen Stellenwert ein. Sah man die größte Bedrohung zunächst insbesondere im sogenannten Cyberterrorismus, steht inzwischen die Art und Weise, wie Extremisten die Möglichkeit des Internets zur Kommunikation, Recherche und Rekrutierung nutzen, verstärkt im Fokus (Conway 2014). Eine wichtige Zielgruppe sind dabei auch Jugendliche: Propagandisten verschiedener extremistischer Strömungen haben sich darauf spezialisiert, in die Sozialisation Jugendlicher einzugreifen und über Online-Netzwerke Nachwuchs zu instrumentalisieren (Böckler & Zick 2015b). Dafür greifen sie auf eine breite Vielfalt an Informationsplattformen und Interaktionsformaten zurück, welche einzeln oder in Verknüpfung einen virtuellen Nährboden für die gezielte Persuasion jugendlicher Rezipienten darstellen. Welche Formate extremistischen Organisationen dabei zur Verfügung stehen und wie sie diese gezielt nutzen, ist Gegenstand der folgenden Seiten.

Infokasten 4: Entwicklung extremistischer Organisationen im Internet

Extremistische Organisationen waren im Internet durch eigene Webseiten und sogenannte Bullet-/Newsboards bereits früh präsent. Dazu zählten zunächst vor allem rechtsradikale und christlich fundamentale Bewegungen aus den USA, wo neben der notwendigen Infrastruktur des Internets, dem Zugang sowie dem technischen Know-how auch die Rechtsprechung in Bezug auf die Meinungsfreiheit die Online-Veröffentlichung von radikalen und ideologischen Inhalten ermöglichte (Burris, Smith, & Strahm 2000; Schafer 2002; Weitzman 2010). Diese ersten, meist statischen, Webseiten dienten vor allem der Darstellung von abweichenden Informationen, Sicht- und Denkweisen einzelner und auch ganzer Vereinigungen, wie beispielsweise diverser neofaschistischer und nationalistischer Gruppen oder des Klu-Klux-Klans. Mit der Erweiterung technischer Möglichkeiten im Internet folgte die Verbreitung von Online Foren, die Diskussion und Austausch zu spezifischen Themen mit Gleichgesinnten in einem geschützten virtuellen Raum erlaubten. Dabei war die Vielfalt von Hass-Seiten, Foren und Repräsentationen extremistischer Organisationen aufgrund von Kostenfaktoren, Zugangsbarrieren sowie fehlenden technischen Wissens zunächst beschränkt (Lennings, Amon, Brummert, & Lennings 2010). Dies änderte sich jedoch rasch. Während im Jahr 1998 nur weniger als die Hälfte aller bis dahin als terroristische Organisationen geführten Gruppierungen über eine Online-Präsenz verfügten, hatten nur ein Jahr später, 1999, die meisten der bekannten Terrorgruppen mindestens eine Internetpräsenz (Weimann 2006).

Die vermehrte Nutzung des Internets als fester Bestandteil innerhalb der Kommunikationsstrukturen extremistischer Organisationen brachte Veränderungen sowie neue Optionen mit sich. In der Vergangenheit waren Akquise, Rekrutierung und Ausbildung von Extremisten vor allem von geographischen Gegebenheiten bestimmt. Die Rekrutierung fand meist durch persönlichen Kontakt mit potenziell Interessierten statt. Die Identifikation, Akquise und Ansprache dieser sowie die folgende Ausbildung waren nicht nur aufwändig, sondern auch zeit- und kostenintensiv (Bott et al. 2009). Mit der Verbesserung der Infrastruktur, gesenkten Kosten sowie der Vereinfachung im Hinblick auf Erstellung und Bedienbarkeit von Webseiten und Foren stieg die Zahl von Webseiten mit abweichenden radikalen Inhalten nach der Jahrtausendwende um ein Vielfaches (Conway 2012). Diese Entwicklung wurde in den nachfolgenden Jahren unterstützt durch die Evolution des Internets vom Informationsmedium mit mehrheitlich statischen Inhalten hin zum interaktiven Web 2.0 mit verschiedenen Social Media-Anwendungen, die neue Möglichkeiten der Vernetzung, des Austausches und der Kommunikation bereitstellten (Jenkins 2006; O‘Reilly 2009). Aufgrund dieser Veränderung konnten sich weltweit Gruppierungen Gleichgesinnter entwickeln sowie neue Gruppenkonstellationen entstehen (Brachman 2009). Die Organisationsstruktur dieser neuen Konstellationen zeigt sich im Gegensatz zu den früheren starren Hierarchiestrukturen extremistischer Organisationen als flach, flexibel und fragmentiert (Jenkins 2010).

Die Möglichkeiten des Internets zu Kommunikation, Interaktion und Austausch mit Gleichgesinnten stellen im Prozess der Radikalisierung ein absolutes Schlüsselmoment dar (Sageman 2004; 2008). Dies und die Einfachheit in der Distribution von ideologischem Material zählen zu den Hauptgründen für die heutige Flut an extremistischen Inhalten im Internet (Kaplan 2006; Weitzman 2010).