2.2 Radikalisierung

Radikalismus und Extremismus stehen stark in Relation zu dem jeweiligen politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Zeitgeist. Aber unter welchen Umständen schlägt eine radikale Orientierung in eine extremistische um? Um dieser Frage nachzugehen, ist es notwendig, das Konzept der Radikalisierung genauer in den Blick zu nehmen. Radikalisierung und die Radikalismusforschung im Allgemeinen sind Gegenstand einer Vielzahl internationaler und multidisziplinärer Forschungsarbeiten. Dass die Bedeutung von Radikalisierung und ihr Zusammenhang mit Radikalismus und Extremismus in der Radikalismusforschung dabei durchaus unterschiedlich hergeleitet werden kann, wird in Infokasten 1 dargestellt. Die zugrundeliegende Definition und Einordnung ist wichtig, um die verschiedenen länderübergreifenden Konzepte und ihre Bedeutungen voneinander abzugrenzen und die jeweilige Literatur zu Radikalisierung und Internet entsprechend einordnen zu können. Die hier vorliegende Studie folgt dem oben dargestellten Verständnis von Radikalismus und Extremismus, ohne aus einer radikalen Haltung bereits einen Kausalzusammenhang zum Extremismus abzuleiten. Entsprechend wird Radikalisierung als ein komplexer und auf ineinandergreifenden Ebenen stattfindender sozialer Prozess mit individuellen, zwischenmenschlichen, gruppenspezifischen, strukturellen, institutionellen, historischen und kulturellen Ursachen verstanden (Zick & Böckler 2015).

Infokasten 1: Entwicklung des Forschungsgebiets und Begriffsunterschiede

Das Feld der Radikalismusforschung hat sich nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 stark entwickelt. Forschungen vor diesem Zeitpunkt standen zumeist in Verbindung mit anderen Konzepten wie beispielsweise politischer Gewalt (Neumann & Kleinmann 2013). Dem neu gegründeten Feld der Radikalismusforschung dienten als Grundlage die Arbeiten und Erkenntnisse unterschiedlicher Forschungsgebiete wie den Sozialwissenschaften (della Porta 1992; 1995), der Psychologie (Merari 1985; Post 2005), Bereichen der Politikwissenschaften und der Ökonomie (Gurr 1970, Crenshaw 1981; Eubank & Weinberg 1994) sowie Gebiete der Anthropologie und Geschichtswissenschaften (Clark 1984). Diese wurden mit den Erkenntnissen aus der Sicherheitsforschung (Friedensforschung, Extremismusforschung) und Kriminalistik zusammengeführt (Neumann & Kleinmann 2013). Das Forschungsfeld der Radikalismusforschung ist aufgrund dieser breiten Basis, aber auch durch den Facettenreichtum des zu untersuchenden Phänomens, stark interdisziplinär ausgelegt.

Arbeiten zu Radikalisierung und Extremismus finden wir vor allem in den USA, Großbritannien, den Beneluxstaaten, Kanada, Frankreich sowie den skandinavischen Ländern. Diese starke Verbindung ist unter anderem mit der Häufigkeit, aber auch der potenziellen Bedrohung durch extremistische Straftaten und Anschläge in den jeweiligen Ländern zu erklären. Die Forschungen im deutschsprachigen Raum sind stark von der nationalen Geschichte geprägt und beziehen sich hierbei auf den Links und Rechtsextremismus. Zwar findet auch in Deutschland vereinzelt Forschung zu Dschihadismus statt, jedoch bisher noch in einem geringeren Umfang, wie dies in den europäischen Nachbarländern anzutreffen ist.

Hinsichtlich des begrifflichen Verständnisses von Radikalisierung, Radikalismus und Extremismus bestehen nationale Unterschiede. Anders als im gemäßigten deutschen Verständnis wird in englischsprachigen Studien mit „radicalisation“ bereits der Weg zum gewaltbereiten Extremismus verstanden. Dabei wird das Individuum, welches diesen Prozess durchläuft, als Extremist bezeichnet und gilt damit auch potenziell bereits als Terrorist (King & Taylor 2011). Aus diesem Grund ist es nicht verwunderlich, dass gerade im englischsprachigen Raum das Interesse an der Erforschung von „radicalisation“ innerhalb der letzten Jahre stark gestiegen ist (Pisoiu 2013). Die Definitionskette, die Radikalisierung als gebundene Vorstufe zum Terrorismus sieht, sollte jedoch auch kritisch betrachtet werden, da sie zu einer vorschnellen Kriminalisierung Andersdenkender führen sowie als mögliches Argumentationsinstrument zur Unterdrückung von Oppositionellen dienen kann (Neumann 2013). Im schlimmsten Fall kann die negative Stigmatisierung radikal Denkender als Katalysator oder kausale „Flucht nach vorne“ den Gang in den Extremismus beschleunigen oder gar erst bedingen (van San, Sieckelinck, & de Winter 2010). Gerade in Bezug auf Jugendliche wurden bereits mehrfach die negativen Folgen einer frühzeitigen Stigmatisierung aufgezeigt (Euer, van Vollose, Groenen, & van Bouchaute 2014).

Um diesen Prozess der Radikalisierung greifbar zu machen, haben Wissenschaftler, Arbeitsgruppen und Organisationen eine Vielzahl an Modellen entwickelt, welche Erklärungsansätze für den Radikalisierungsverlauf anbieten (McCauley & Moskalenko 2008; Dalgaard-Nielsen 2010; Borum 2011; Christmann 2012; Young, Zwenk, & Rooze 2013). Dabei sind vor allem solche prominent, die den Prozess und die Verstärkung der Gewaltorientierung prototypisch in Stufen und Phasen zerlegen (Zick & Böckler 2015). Die meisten dieser Modelle (für eine Übersicht siehe Anhang B) identifizieren individuelle und/oder kollektive Gefühle der Unzufriedenheit als den Ausgangspunkt einer Radikalisierungsdynamik, in deren mehrstufigem Verlauf sich das Denken und Handeln einer Person fortschreitend im Sinne einer Ideologie transformieren. Dabei werden sowohl die Einstellungs- als auch die Handlungsebene miteinbezogen (Böckler & Zick 2015a).

Lange Zeit standen insbesondere das radikalisierte Individuum und seine Motive und Gründe, die es zu der extremistischen Tat bewegten, im Fokus der Aufmerksamkeit. Nach und nach rücken jedoch auch das soziale Umfeld sowie mögliche gesamtgesellschaftliche und politische Faktoren in das Blickfeld der Radikalisierungsforschung (Waldmann & Malthaner 2012). Dabei sind es nicht die einzelnen Risikofaktoren, die entscheidend sind, sondern ihre Passung und Wechselwirkung auf individueller, gruppenbezogener und gesellschaftlicher Ebene (für Näheres siehe Infokasten 2) – diejenigen Prozesse also, die sich aus der Interaktion zwischen einer Person und ihrem sozialen Kontext ergeben (McCauley & Moskalenko 2008; Böckler & Zick 2015a).

Infokasten 2: Ebenen der Radikalisierung

Auf gesellschaftlicher Ebene werden vor allem ökonomische, politische, soziologische sowie kulturelle Bedingungen als mögliche Einflussfaktoren für eine Radikalisierung von Individuen aufgeführt (Pisoui 2013). Dazu zählen unter anderem soziale Unterdrückung, fehlende Verankerung, Diskriminierung, Entfremdung, sozioökonomische Ungerechtigkeiten, kulturelle Identitätskrisen sowie die Suche nach spirituellem Halt und Lebensinhalt (Roy 2004; Khosrokhavar 2005; Velduis & Staun 2009; Korteweg, Gohel, Heisbourg, Ranstorp, & de Wijk 2010; Pisoiu 2013). Auch Religion und Glaube gelten als gesellschaftsübergreifende Faktoren, die Radikalisierung bedingen und fördern können (Silber & Bhatt 2007). Spannungen zwischen Minderheits- und Mehrheitsgemeinschaften in Bezug auf kulturelle, soziale und religiöse Belange führen unter bestimmten Umständen zur Benachteiligung und Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsschichten (Khosrokhavar 2005). Unter anderem Regierungsentscheidungen und die Haltung der öffentlichen Meinung hinsichtlich des Umgangs mit Minderheiten innerhalb einer Gesellschaft sind somit potenziell mitverantwortliche Faktoren in Radikalisierungsprozessen. Zudem können politische und wirtschaftliche Beziehungen zum Herkunftsland eine Rolle spielen. Denn gerade die geopolitischen Handlungen einer Gesellschaft, beispielsweise ihre Beteiligung an internationalen Kampfeinsätzen, sind wichtige und zum Teil unterschätzte Elemente in der Radikalismusforschung (Schmid 2013).

Das persönliche Umfeld, der Bekanntenkreis, Freundschaften und Verwandtschaften können entscheidende Komponenten im Radikalisierungsprozess darstellen. Auf der Gruppenebene sind daher die Netzwerkstrukturen und sozialen Beziehungen der Gruppenmitglieder von besonderem Erkenntnisinteresse – ihr soziales Umfeld, welches eine akzeptierende oder sogar unterstützende Rolle spielen kann. Radikale Milieus sind soziale Umgebungen, die mit Ressourcen, Infrastruktur oder ideologischer Unterstützung den Radikalisierungsprozess beeinflussen (Sageman 2004; Slootman & Tillie 2006; Waldmann & Malthaner 2012; Walther 2014). Dabei stellen neben sozialem Druck und anderen gruppendynamischen Prozessen auch die Angst vor Isolation und Ausgrenzung Risikofaktoren dar. Die kriminologische Subtheorie benennt zudem die „Status-Frustration“ als wichtigen Radikalisierungsfaktor auf Gruppenebene. Diese kann als Ausgangspunkt eines empfundenen Missstandes – ob durch gestörte Familienverhältnisse, Probleme bei der Identitätsbildung oder schlicht die Suche nach Gruppenzugehörigkeit – die gegenreaktionäre Herausbildung subkultureller Werte auslösen (Pisoiu 2013; 2015). So werden zur Statusänderung Gruppen aufgesucht, die bestimmte Werte und Normen ausstrahlen, Identitätskonzepte anbieten und darüber hinaus ein Zugehörigkeitsgefühl vermitteln.

Ein besonderer Fokus der Radikalismusforschung gilt den Prozessen auf Ebene des Individuums. Sie entwickeln sich vor dem Hintergrund verschiedener Risikofaktoren, die sich positiv auf die Bereitschaft auswirken, extremistische Sichtweisen anzunehmen und eine Radikalisierung begünstigen können. In der Literatur wird zwischen „push“- und „pull“-Faktoren (Euer et al. 2014) bzw. internen und externen Risikofaktoren unterschieden. Sie sind einzeln alleine in ihrer Wirkung nicht hinreichend, weswegen vor allem ihr Zusammenspiel und nicht ihre isolierte Wirkung eine Rolle spielt (Horgan 2008; Vidino 2011). Individuelle Risikofaktoren hängen vom Charakter der jeweiligen Person ab, insbesondere aber auch von soziokulturellen und demographischen Gegebenheiten, dem Bildungsstand, dem sozialen Umfeld und der Lebensweise – somit auch von Faktoren auf gesellschaftlicher- und Gruppenebene (für eine ausführliche Diskussion individueller Radikalisierungsansätze siehe Pisoiu 2013).