3.2.4 Soziale Netzwerke

Neben den einzelnen statischen oder interaktiven Angebotsformaten des Internets ist insbesondere ihr cross- und multimediales Nutzungspotenzial für Radikalisierungsprozesse Jugendlicher zu betonen. Dieses ermöglichen vor allem die sozialen Netzwerke (Bermingham, Conway, McInerney, O’Hare, & Smeaton 2009). So zeigt beispielsweise eine Studie von O’Callaghan, Greene, Conway, Carthy und Cunningham (2012) die Nutzung crossmedialer Netzwerkverbindung von Extremisten quer durch die Plattformen sozialer Medien und über geopolitische Grenzen hinweg, um ihre Inhalte einem möglichst breiten Publikum zu unterbreiten. Diesem Vernetzungsphänomen gingen die Forscher in einer weiteren Studie nach und untersuchten es anhand von rechtsextremen Milieus (O’Callaghan et al. 2013b). Sie fanden, dass viele Organisationen, die sich ursprünglich durch eigene Webseiten repräsentierten, nun auch übergreifende und umfassende Ableger in sozialen Netzwerken führen. Aufgrund ihrer plattforminternen Mechanismen können diese mit ihren Inhalten inzwischen auch Personen erreichen, die nicht aktiv auf der Suche nach extremistischen Ideologien bzw. Gruppierungen sind (O’Callaghan et al. 2013a; 2013b). Da Social-Media-Plattformen gerade bei Kindern und Jugendlichen sehr beliebt sind und diese viel Zeit mit ihrer Nutzung verbringen, ist die Chance bzw. Gefahr, dass gerade diese Nutzergruppe mit radikalen Sichtweisen, Meinungen sowie Inhalten in einem vermeintlich sicheren Raum konfrontiert werden, hoch. Dem zuträglich ist auch die in Infokasten 7 beschriebene automatische Inhaltsselektion in sog. „Filter Bubbles“, welche die meisten Social-Media-Portale in Bezug auf mögliche Informationspräferenzen des einzelnen Nutzers durchführen.

Das weltweit wohl bekannteste und bei Jugendlichen besonders beliebte soziale Netzwerk ist Facebook.1 Durch sein mehrschichtiges Fundament bietet es virtuellen Gruppen unterschiedlichster ideologischer Färbung eine breite Basis des Diskussions- und Meinungsaustauschs und wird von ihnen zur Distribution propagandistischer Inhalte sowie zur Rekrutierung neuer Mitglieder genutzt (Oboler 2008; Torok 2013; Weimann 2015). Die Plattform vereint Chatfunktionen, offene und geschlossene Gruppen verschiedener Thematiken sowie Fan-Seiten unterschiedlichster Inhalte. Durch die Möglichkeit des Postens von Links und Videos sowie des „Gefällt mir“-Buttons auf der Timeline vermittelt das Portal in Echtzeit Informationen über die Aktivitäten und das Selektionsverhalten von Facebook-Freunden sowie abonnierten Seiten und Gruppen. Dies wird Messing und Westwood (2012) folgend mit einer höheren Aufmerksamkeit beachtet als die Informationen neutraler Absender. Facebook bietet somit eine hervorragende Möglichkeit für personellen Erstkontakt sowie als Informationsmedium, um Meinungen Einzelner, von Gruppen oder Organisationen zu verfolgen (AIVD 2014; Wagner & Gebel 2014). Aufgrund der Plattformstruktur können potenzielle Interessenten schnell und einfach identifiziert werden, z. B. durch das Betätigen des „Gefällt mir“-Buttons einer ideologisch aufgeladenen Statusmeldung. Wie schnell sich dann der Sog in eine neue Welt radikalen Gedankenguts vollziehen kann, zeigt der Selbstversuch der weiter vorne in Kapitel 3.1 beschriebenen NDR-3-Reportage sehr eindrücklich.

Auf Facebook allgegenwärtig aufzufinden sind ebenfalls die Bereitschaft zu Diskussion und Meinungsaustausch, auch mit extremen Äußerungen, Beleidigungen und Hetze (Oksanen, Hawdon, Holkeri, Näsi, & Räsänen 2014). Über die leicht mögliche Identifikation können die potenziellen Sympathisanten direkt von rekrutierenden Personen kontaktiert werden (El Difraoui 2012; AIVD 2014; Weimann 2015). Wie wirkmächtig und folgenträchtig die automatischen, personalisierten Inhaltsselektionen, also die sog. Filter Bubble, und der daraus resultierende Resonanzraum des Netzwerkes tatsächlich sind und wie sehr gerade Jugendliche davon beeinflusst werden, lässt sich in Deutschland und Europa derzeit sehr eindrucksvoll anhand der auf Facebook verbreiteten negativen Stimmung gegen Flüchtlinge beobachten (wenn auch wissenschaftlich nicht bzw. nur bedingt belegen): Rechte Propagandisten nutzen die Mechanismen der Plattform, um die Nutzer durch Verschwörungstheorien und vermeintliche Fakten mit ihrem Weltbild zu indoktrinieren.

Facebook-Hitlergruß

Abb. 17. Facebook-Hitlergruß

So können sich Unsicherheiten, die Personen aufgrund der aktuellen Flüchtlingsthematik haben, nach und nach in radikales Gedankengut verwandeln, welches ihnen auf Facebook quasi in Dauerschleife präsentiert wird. Eines der prominentesten Beispiele ist der Fall eines 17-jährigen Lehrlings aus dem oberösterreichischen Feldkirchen. Dieser hatte ein Foto, welches lachende Flüchtlingskinder aus Syrien zeigt, die von der Freiwilligen Feuerwehr an einem heißen Sommertag mit einer Wasserdusche erfrischt wurden, mit dem Satz „Flammenwerfer währe (sic!) da die bessere Lösung“ kommentiert. Der Fall erlangte deswegen Berühmtheit, weil der Jugendliche auf seinem Facebook-Profil auch seinen Arbeitgeber angegeben hatte und dieser ihn nach Bekanntwerden des Kommentars sofort entließ. Die öffentliche Debatte und der politische Druck aufgrund der sprunghaften Vermehrung solcher Fälle bewegte den Facebook-Konzern schließlich Anfang 2016 dazu, sein Personal zur Prüfung und Entfernung gemeldeter Nutzerbeiträge deutlich aufzustocken und auch in Deutschland anzusiedeln.

Twitter-IS

Abb. 18. Twitter-IS

Zu guter Letzt soll an dieser Stelle der Microblogging-Dienst Twitter aufgeführt werden, welcher für extremistische Organisationen eine bedeutsame Rolle spielt und damit auch einen Einfluss auf die Radikalisierungsprozesse Jugendlicher haben kann. Twitter zeichnet sich durch das Versenden kurzer Informationen in Echtzeit aus und bietet die Möglichkeit, sich unmittelbar zu Veranstaltungen und aktuellen Themen auszutauschen sowie auf aktuelle Entwicklungen dynamisch mit Informationen, Diskussionen und Aktionen zu reagieren. Durch die Funktion des Hashtags, einer Verschlagwortung von Begriffen mittels des Rautezeichens (#), sodass Diskussionsbeiträge zu diesen Themen über die Schlagworte gefunden werden können, können virtuelle Gruppen in einem dynamischen und schnellen Prozess gebildet werden, ohne feste Strukturen aufzubauen. Die ache Hierarchie ohne Gruppenadministratoren und die fast unkontrollierbare Eigendynamik eignet sich zum schnellen Verteilen von ideologischen Inhalten und Nachrichten und ist somit ein wertvolles Propaganda- und Kommunikationsmittel (Veilleux-Lepage 2014). Inhalte werden innerhalb kürzester Zeit potentiell jedem Nutzer zur Verfügung gestellt, der diese wiederum in seinen eigenen Netzwerken nach einem Schneeballsystem weiterleiten kann. Damit wird der Inhalt nicht nur rasant an ein potenzielles Millionenpublikum gesendet, sondern auch vor Zensur und Löschung geschützt (Veilleux-Lepage 2014; Fisher 2015). Eine große Spannbreite an Literatur zeigt, dass auch terroristische Netzwerke Twitter nutzen, um ihre Inhalte zu verbreiten – beispielsweise rechtsradikale Organisationen (Berger & Strathearn 2013; O’Callaghan et al 2013b), Al‘Qaida und vor allem der Islamische Staat (Fisher & Prucha 2013; Bernatis 2014; Veilleux-Lepage 2014; Vitale & Keagle 2014; Berger & Morgan 2015). Dessen Propaganda wird im Sekundentakt über Twitter verbreitet, zudem können die Kämpfer des IS darüber eine direkte Kommunikationslinie mit Kontakten in ihren Herkunftsländern unterhalten (Prucha 2015).

Neben Facebook und Twitter als bekannteste Vertreter sozialer Medien existiert auch eine Vielzahl weiterer Social Media-Plattformen im Internet. Sie unterscheiden sich nach Zielgruppen, Themen, Funktionen, kulturellen oder sprachlichen Vorlieben sowie zeitlichen Trends. Die meisten davon eignen sich als mögliche Kommunikations- und Rekrutierungsorte für extremistische Organisationen. Für ihre Partizipationskultur im Internet gibt es somit nur wenige Grenzen der Diskussion und Inhaltsteilung.

  1. Die U25-Studie des DIVSI (2014) zu Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der digitalen Welt zeigt auf, dass Facebook für Jugendliche ab 14 Jahren die in ihrer Wahrnehmung wichtigste Internetanwendung darstellt (gefolgt von Google und WhatsApp). []