4. Zusammenfassung und Ausblick

In der Forschung besteht weitgehende Einigkeit: Jugendliche sind gegenüber Radikalisierung grundsätzlich anfälliger! Das Internet wird heute dabei einhellig als besonders wichtig erachtet. Welche Studien, Forschungsergebnisse und damit valide Aussagen zur Bedeutung des Internets im Radikalisierungsprozess junger Menschen aber gibt es tatsächlich?

Die Forschung, die sich unmittelbar mit dem Zusammenhang des Internets und Radikalisierungsprozessen, insbesondere Jugendlicher, befasst, muss als ausgesprochen bruchstückhaft bezeichnet werden. Im Hinblick auf das Internet sind bisher nur einzelne Facetten im komplexen Zusammenwirken vieler Faktoren im Radikalisierungsprozess untersucht. Klar ist, dass für junge Menschen heute der Umgang mit dem Medium Internet wie für keine Generation zuvor einen selbstverständlichen Teil ihres Lebens darstellt (Keilhauer & Würfel 2009). Und unstrittig ist auch, dass dem Konsum von abweichenden Inhalten und Informationen aufgrund der geographischen und zeitlichen Uneingeschränktheit des Internets quasi keine Grenzen gesetzt sind. Durch seine Funktion als einen rund um die Uhr erreichbaren Wissensspeicher steht online eine Vielzahl an Möglichkeiten und Ressourcen zur Verfügung, die potenziell zu einer Radikalisierung junger Menschen beitragen können. Extremistische Organisationen nutzen den digitalen Raum gezielt als Vehikel ihrer terroristischen Botschaften, zur transnationalen Vernetzung und insbesondere auch als Instrument zur Mobilisierung und Rekrutierung (Böckler & Zick 2015). Dafür greifen sie auf die vorhandene Infrastruktur des Internets in Form sozialer Medien wie Facebook und Twitter zurück, verpacken ihre Botschaften in Online-Zeitschriften und/oder Webseiten und verbreiten ihre Propaganda über Foren, Online-Spiele und Videos, die sie zum Teil aufwendig produzieren.

Dem Internet wird als Resonanzraum eine „ermöglichende“ (Behr et al. 2013) sowie eine „beschleunigende“ (Bakker 2006) Wirkung zugeschrieben, in dem radikale Ideologien gefunden, diskutiert, vertieft und gefestigt – und somit Radikalisierungsprozesse verstärkt und begünstigt – werden können. Die große Mehrheit an Publikationen zum Thema Online-Radikalisierung liegt jedoch vor allem in Form theoretischer Abhandlungen vor. Dort werden Zusammenhänge zwischen dem Internet und Radikalisierungsprozessen zwar plausibilisiert, jedoch nur selten empirisch fundiert. Arbeiten, die explizit die Radikalisierung von Jugendlichen über das Internet erforschen, gibt es für den deutschsprachigen Raum nur sehr vereinzelt (z.B. Rieger et al 2013). International zeigen einige wenige Studien erste Ansätze; deren Aussagekraft ist aber insofern eingeschränkt, als dass die zugrundeliegenden Variablen und Konstrukte aufgrund nationaler und kultureller Gegebenheiten unterschiedlich definiert sind und daher nur eine bedingte Vergleichbarkeit erlauben. Die transnationale Dimension von Radikalisierungsprozessen wird hierbei als eine besondere Herausforderung für die Forschung sichtbar (Sageman 2004; Bakker 2006; Precht 2007).

Vorhandene Erkenntnisse zum Thema Online-Radikalisierung existieren insbesondere in Hinblick auf die Nutzungs- und Verbreitungsstrategien extremistischer Organisationen. Mit zielgerichteten Inhalten und Themen bemühen sie sich, über die verschiedenen Informations- und Interaktionsportale Kinder und Jugendliche in ihren Bann zu ziehen. Das Angebot und die Nutzung von radikalen Inhalten gehen dabei insbesondere innerhalb der sozialen Medien ineinander über. Häufig wird jedoch komplementär von der Angebotsseite auf die Präferenzen der Jugendlichen geschlossen, wobei dies notwendigerweise einen hypothetischen Charakter hat. Denn zu welchem Grad sich beispielsweise die professionell produzierte Bildsprache aus Videobotschaften des Islamischen Staates auf die Meinungsbildung bzw. Radikalisierung Heranwachsender auswirkt, muss in weiterer Forschung untersucht werden.

Die Forschungslücke bei der Nutzerseite von radikalen und radikalisierenden Internetangeboten hat im Wesentlichen mit den Schwierigkeiten im Forschungszugang und dem damit verbundenen Fehlen von Primärdaten zu tun. Die wenigen vorhandenen empirischen Arbeiten basieren auf Fallanalysen, biografischen Rekonstruktionen, vergleichenden Täteranalysen sowie Inhaltsanalysen aus Medieninhalten im Internet. Sie betonen unter anderem die Nutzung ideologischer und praktischer Informationsangebote, die Kommunikation mit Gleichgesinnten, das aufkommende Gemeinschaftsgefühl, die Möglichkeiten der virtuellen Selbstdarstellung und -bestätigung, die Wichtigkeit gefühlter Anonymität und auch die Versorgungsfunktion hinsichtlich ideologischer Güter.

Die Aussagekraft und Repräsentativität dieser empirischen Arbeiten ist jedoch, unter anderem aufgrund der geringen Fallzahlen und/oder aufgrund ihres rekonstruktiven Charakters, nur sehr eingeschränkt. Beispielsweise kann die Bedeutung und Einbindung des Internets in den Alltag sich radikalisierender Jugendlicher und die Verschränkung mit anderen Kommunikationsformen darüber nur fragmentarisch geklärt werden. Auch fokussiert sich die überwiegende Mehrheit der vorhandenen Forschungsbeiträge ausschließlich auf gewaltbereite bzw. gewalttätige Personen. Radikalisierte Individuen, die keine Gewalt ausüben oder anstreben, werden dabei außen vor gelassen. Dadurch werden Radikalisierungsprozesse, die nicht zu Gewalt führen, weitestgehend übersehen, obwohl gerade hier eine Manifestierung radikalen Gedankenguts zu beobachten sein könnte (Silke 2008).

Hinzu kommt, dass einige Schlüsse aus den vorhandenen Arbeiten Widersprüche untereinander oder zu anderen Forschungsergebnissen aufweisen, die in Zukunft noch zu klären sind. Dies gilt beispielsweise für die Rolle der Verschränkung zwischen physischer und digitaler Welt. Während Forschungsbeiträge wie die von Neumann und Rogers (2007) von Fällen berichten, denen eine reine Online-Radikalisierung zugesprochen wird, stehen dem Ergebnisse von Studien gegenüber, die die Wichtigkeit der sozialen Kontakte jenseits des Internets herausstellen (Behr et al. 2013; Bigo, Bonelli, Guittet, & Ragazzi 2014). Und auch die Wirkung des Internets als Resonanzraum terroristischer und extremistischer Aktivitäten lässt sich bisher keineswegs eindeutig bestimmen. So ist es zwar empirisch belegt, dass das Vorfinden großer Mengen ideologischen Materials zu verzerrten Wahrneh- mungen führen kann (O’Callaghan et al. 2013b), die vorhandene Informationsvielfalt und -diversität des Internets kann jedoch auch positive Effekte auf die politische Meinungsbildung haben. Durch die Nutzung von Unterhaltungsplattformen und sozialen Medien werden Jugendliche mit unterschiedlichen Informationen, Perspektiven und ideologischen Sichtweisen konfrontiert. So haben sie die Möglichkeit, sich ein umfassenderes Bild des politischen Geschehens und unterschiedlicher Thematiken zu machen (Rheingold 2000; Hardy & Scheufele 2005; Garrett 2009; Kahne, Middaugh, Lee, & Feezell 2011) als auch durch die Diskussion mit Andersdenkenden ihre eigene Ideologie in Frage zu stellen (Goel, Winter, & Watts 2010; Messing & Westwood 2012; Goel, Flaxman, & Rao 2015).

Damit die Angebotsstruktur des Internets ideologieverstärkend wirken kann, sind auch entsprechende Präferenzen und ein bestimmtes Informationsverhalten durch die Nutzer erforderlich. Weiter erforscht werden muss hierbei insbesondere, inwieweit die automatischen, personalisierten Inhaltsselektionen in den sozialen Medien und in Suchmaschinen aufgrund des Surfverhaltens und der sozialen Interaktion von Nutzern dazu beitragen, dass sich diese wiederum in ein derart geschlossenes Weltbild entwickeln. Denn auch wenn zwei Studien (Rieger et al. 2013 und Pauwels et al. 2014) zu der Erkenntnis kommen, dass vor allem Personen, die bereits eine Disposition zur Radikalisierung mitbringen, die im Internet vorgefundene Angebotsstruktur aufgreifen, während andere von den Inhalten eher abgeschreckt sind, so kann dies keinesfalls als Entwarnung gelten.

Genauer zu beleuchten gilt im Zusammenhang mit Online-Radikalisierungsprozessen auch die Frage des Bildungsniveaus. Denn während eine Vielzahl an Forschungsarbeiten die Effekte geringer Bildung für die Radikalisierung begünstigend betonen (Rieger et al. 2013), verweisen andere auf den vergleichsweise hohen Bildungsgrad islamistischer Extremisten (Sageman 2004) oder das ausgewählte akademische Vokabular auf den Internetseiten der in Infokasten 6 beschriebenen rechtsextremen Identitären Bewegung Deutschlands. Damit in Zusammenhang stehend ist es wichtig, innerhalb der ideologischen Gruppen in Hinblick auf die Radikalisierungsverläufe ihrer jungen Mitglieder deren Online- und Offline-Mediennutzungsstrategien noch genauer zu differenzieren. Neben der Differenzierung innerhalb ideologischer Bewegungen steht aber auch die Transferleistung zwischen den Themenfeldern rechtsextremer und dschihadistischer Radikalisierung in der Forschung noch weitgehend aus, obgleich sich durchaus Ähnlichkeiten in den Radikalisierungsprozessen beider Ideologien auffinden lassen (Lützinger 2010).

Ein weiteres wichtiges und bislang kaum erforschtes Thema ist die Rolle junger Frauen in Verbindung mit Radikalisierung und Internet. Bisher befasst sich die Literatur mit Hinblick auf Täterprofile in der überwiegenden Mehrheit nur mit jungen Männern, welche zumeist die ausführenden Täter sind. Die wichtige Rolle junger Frauen innerhalb terroristischer Netzwerke bleibt bisher fast immer unbeleuchtet (von Knop 2008; Noor & Hussain 2009). Dass junge Mädchen nicht nur als Anhängsel männlicher Begleiter ihre Radikalisierungsprozesse durchlaufen und unter anderem unter Einfluss und Nutzung sozialer Medien beispielsweise zu aktiven Dschihadistinnen werden können, zeigt exemplarisch der in Kapitel 1 beschriebene Fall der Elif Ö., aber auch die Studie Becoming Mulan? Female Western Migrants to ISIS des Londoner Institute for Strategic Dialogue (Hoyle et al. 2015). Weitere Aufarbeitungen sind dringend notwendig.

Und zu guter Letzt bildet auch das sogenannte Dark Web einen wichtigen Ansatzpunkt für weitere Forschung. Das Hinabtauchen aus der „öffentlichen“ Kommunikation des Internets in die Tiefen anonymisierter Verschlüsselung markiert einen Umschlagspunkt hin zur Radikalisierung, mit dem spätestens ab diesem Zeitpunkt eine neue Stufe der hermetischen Informationsaufnahme beschritten wird.

Um den großen Forschungslücken rund um Radikalisierungsprozesse Jugendlicher und die mit der Radikalisierung in Verbindung stehenden Rolle des Internets zu begegnen, bedarf es interdisziplinärer und experimenteller Forschungsansätze. Diese sollten mit einer alltagsorientierten Perspektive auf das Nutzungsverhalten junger Menschen die Verschränkung von Offline- und Online-Kommunikation untersuchen sowie dies mit den aktuellen Theorien und Modellen rund um Radikalisierung in Verbindung bringen. Dies kann jedoch nur in dem Maße sinnvoll durchgeführt werden, wie auch Wissen über die Angebotsstruktur besteht, auf das sich die Praktiken beziehen. Insofern darf die stetige Adaption und Verfeinerung der Propagandastrategien in der Schnelllebigkeit des Internets nicht aus dem Blick geraten. Mit der Bündelung des bestehenden Wissens in der vorliegenden Arbeit, soll ein Beitrag dafür geleistet werden, dass zukünftige Forschungen durch die Untersuchung der Wechselbeziehung zwischen Angebots- und Nutzungsseite neues Licht in das aufgespannte große Feld des Nichtwissens rund um Radikalisierungsprozesse Jugendlicher über das Internet bringen können.