3.1.2 Verhaltensrelevante Auswirkungen von Online-Medieninhalten

Um sich dieser Fragestellung anzunähern, bedarf es der Betrachtung von Studien, die sich neben dem Nutzungsverhalten Jugendlicher auch mit ihren Aussagen zur Wirkung bzw. ihren Verhaltensmustern und Einstellungen befassen, die aus dem Konsum extremistischer Online-Inhalte resultieren. So geschehen beispielsweise in einer qualitativen Erhebung Daniel Köhlers (2014) mit acht ehemaligen Rechtsextremisten, vermittelt über das EXIT-Programm, um die Rolle des Internets bei individuellen Radikalisierungsprozessen zu erforschen. Die Teilnehmer der Studie betonten insbesondere die Informations- und Kommunikationsrolle der von ihnen genutzten digitalen Formate. Diese bewirkten bei ihnen einerseits ein Gefühl von Gemeinschaft und vermittelten darüber hinaus aufgrund des Online-Kontextes Anonymität und ein Gefühl von Sicherheit. Zudem stellt Köhler (2014) die Rolle des Internets als Versorgungsfunktion hinsichtlich ideologischer Güter und Materialien hervor – nämlich durch die Distribution von Kleidern, Literatur, Musik und weiteren verbotenen Gegenständen. Diese Elemente können den von den Jugendlichen zelebrierten ideologischen Lifestyle unterstützen und bilden gleichzeitig einen wichtigen Finanzierungsaspekt für das extremistische Netzwerk.

Facebook-Shop rechte Mode

Abb. 7. Facebook-Shop rechte Mode

Der Wirkung von Propaganda speziell in extremistischen Online-Videos auf junge männliche Erwachsene wird in der sozialpsychologischen Studie „Propaganda 2.0 – Psychological Effects of Right-Wing and Islamic Extremist Internet Videos“ der Forschungsstelle „Terrorismus und Extremismus“ des Bundeskriminalamtes nachgegangen (Rieger, Frischlich, & Bente 2013). Ziel dieser wegweisenden Studie war die Identifizierung von Faktoren, die emotionale wie kognitive Auswirkungen auf zuvor nicht radikalisierte junge Erwachsene durch Internetpropaganda bedingen. Dafür präsentierten die Autoren den Probanden – 450 nicht radikalisierten jungen Männern mit unterschiedlichen soziodemographischen und kulturellen Hintergründen aus unterschiedlichen Bildungsschichten – rechtsgerichtete und islamistische Propagandavideos und fragten deren Einstellung dazu ab. Zusammenfassend konnte die Studie aufzeigen, dass Propagandavideos aufgrund ihrer jeweiligen soziokulturellen spezifischen Einfärbung vor allem Probanden aus je ähnlichen soziokulturellen Kreisen ansprachen. Auch stellten die Autoren die Rolle des Bildungsgrades für die Wirkungsweise und Empfänglichkeit der Propagandabotschaft heraus: Probanden mit einem geringeren Bildungsniveau zeigten eine höhere Empfänglichkeit für die propagandistische Wirkung der Videos. Insgesamt bewerteten zudem Probanden mit einer rechtsgerichteten Gesinnung und/oder autoritaristischen Tendenzen extremistische Videos im Allgemeinen positiver. Diese Einschätzung zur Macht der Bilder in Radikalisierungsprozessen gewinnt Plausibilität vor dem Hintergrund statistischer Erhebungen, nach denen der Konsum von Videos eine der beliebtesten Online-Aktivitäten von Jugendlichen ist (Bitkom 2014; JIM-Studie 2014), die im Internet vor allem über YouTube abgerufen werden (Santos, Rocha, Rezende, & Loureiro 2007; Cheng, Dale, & Liu 2008). Wie an späterer Stelle aufgezeigt wird, können extremistische Organisationen so mit Hilfe von Social Media-Plattformen ein globales Publikum ansprechen und auch nichtradikale Individuen erreichen.

Die Bedeutung des Internets und die Wirkweise seiner Nutzung wird unisono in vielen Studien zu Radikalisierung betont, ohne dass dies näher umrissen wird. Eine Reihe von Arbeiten formulieren jedoch interessante Hinweise, die im Laufe von Forschungsprozessen entstanden sind, ohne dass ihnen systematisch nachgegangen wird oder sie entsprechend abgesichert werden können. So berichtet beispielsweise Steinberg (2013) für Deutschland einen Fall, in dem ein Hassaufruf eines prominenten islamistischen Predigers aufgegriffen und damit die über das Internet vermittelten Handlungsaufforderungen von Jugendlichen umgesetzt wurden. Wenn solche Aufrufe aufgegriffen werden, markieren sie einen Schritt in der Radikalisierung hin zu extremistischer Gewalt – also vom Konsum propagandistischer Inhalte hin zur Umsetzung in eine extremistische Tat. Steinberg (2013) sieht dies als eine besondere Effizienz in der Wechselwirkung mit der Strategie des individualisierten terroristischen Islamismus an, wie er gegenwärtig durch den IS propagiert wird (siehe Infokasten 5). Allerdings ist hier wenig über die Täterseite und den weiteren Kontext der Internetkommunikation in dieser Situation bekannt.

Auch aus einer international angelegten Studie von Gill und Corner (2015) zum Onlineverhalten von 119 Fällen extremistischer Einzeltäter (lone actor terrorists) aus den USA und UK nach 1990 lassen sich Schlüsse auf die Nutzung Jugendlicher und die daraus resultierende Wirkung im Radikalisierungsprozess ziehen. Die Studie bildet in ihrer Stichprobe Täter von 15 bis 69 Jahren ab, wobei die Anzahl der unter 25-Jährigen bei ca. 30 Prozent lag. Mit Hilfe eines Täterverzeichnisses, welches auf Basis von Medienberichten (LexisNexis) und Auswertungen wissenschaftlicher Literatur konstruiert wurde, gingen die Forscher zwei zentralen Fragen nach: (1) Nutzte der Einzeltäter das Internet zur Kommunikation bzw. Interaktion mit anderen? Und: (2) Wurde das Internet durch den Täter als individuelle Lernplattform genutzt? Zur Beantwortung dieser Fragen erarbeiteten die Autoren ein Kategoriensystem aus der abgeleiteten Motivation, Funktion und den Zielen der Internetnutzung, anhand dessen sie das Online-Verhalten der Einzeltäter einordnen und systematisieren konnten. Hinsichtlich Kommunikation und Interaktion sind dies folgende:

  • Bestätigung und Verstetigung der ideologischen Haltung
  • Suche nach Bestätigung und Legitimation zur Durchführung eines geplanten Anschlags
  • Vorbereitung von Propaganda und Hilfestellen für Sympathisanten und Gleichgesinnte
  • Generierung von Aufmerksamkeit für einen möglichen Anschlag („signaling“
  • Versuch der ideologischen Bekehrung anderer

Zur Nutzung des Internets als virtuelle Plattform identifizierten Gill und Corner (2015) vier weitere Größen:

  • Konsum von ideologischen Inhalten und Materialien
  • Zuwendung zur Gewalt durch Online-Inhalte
  • Suche und Auswahl eines möglichen Ziels
  • Vorbereitung des Anschlags

Unter anderem konnten die Autoren aus ihrer Analyse folgern, dass vor allem junge Einzeltäter eine stärkere Affinität sowohl zur Nutzung des Internets als Kommunikationsmittel als auch als virtuelle Lernplattform aufzeigen.1 Einen Zusammenhang zwischen der Ausbreitung des Internets und einer Vermehrung von Einzeltätern fanden Gill und Corner (2015) nicht, wohl aber Belege dafür, dass sich das Internet zu einer wichtigen Ressource für Einzeltäter entwickelt hat – sei es im Hinblick auf die Vorbereitung von Anschlägen oder auch im Einfluss auf die Art und Weise der Radikalisierung. Diese Sicht wird durch Studien unterstützt, die das Internet in seiner Wichtigkeit für den Radikalisierungsprozess ebenfalls betonen, es dabei als Beschleunigungsfaktor charakterisieren (Bakker 2006), vor allem aber seine ermöglichende Wirkung herausstellen (Behr, Reding, Edwards, & Gribbon 2013). Eben jene und die damit verbundene Funktion des Internets als Echoraum schlussfolgern Behr und Kollegen (2013) aus der Analyse von 15 Fällen verurteilter Terroristen (davon neun im Alter zwischen 15 und 24). Diese stützt sich auf die Auswertung von Gerichtsverhandlungen, Computerdaten und Interviews mit den Extremisten sowie leitenden Polizeibeamten. Dabei spielten insbesondere die Möglichkeiten des Austauschs mit Gleichgesinnten eine wichtige Rolle sowie die Nutzung des Internets als Informationsressource und zur Verbreitung extremistischen Materials. Belege für eine direkte beschleunigende Wirkung fanden die Autoren nicht, auch nicht dafür, dass die Radikalisierung alleine über das Internet stattfinden kann. Dies bestätigen wiederum auch Gill und Corner (2015), indem sie aufzeigen, dass die meisten ihrer untersuchten Täter, die virtuell mit Gleichgesinnten interagierten, den Kontakt mit selbigen auch offline suchten und umgekehrt.2

Zu guter Letzt sei an dieser Stelle die Studie von Pauwels und Kollegen (2014) aufgeführt, welche im Auftrag des BELSPO (Belgian Federal Science Policy Office) und des belgischen Innenministeriums den Konsum und die Wirkung von extremistischen Inhalten in sozialen Medien auf belgische Jugendliche aus einer kriminalistischen Perspektive untersuchte. Ziel der großangelegten Studie, die sowohl qualitative (Interviews mit 14 jungen Extremisten links-, rechts- oder religiös radikaler Bewegungen) als auch quantitative (6.020 Fragebögen Jugendlicher) Elemente enthielt, war es herauszufinden, ob der Kontakt mit extremistischen Inhalten in sozialen Medien eine Auswirkung auf Jugendliche hat und falls ja, in welchem Ausmaß. Dabei wurde insgesamt deutlich, dass die passive Konfrontation mit extremistischen oder ideologischen Inhalten im Allgemeinen ein Bestandteil des virtuellen Nutzungserlebnisses bzw. der virtuellen Lebenswelt Jugendlicher ist. Die Studie konnte zeigen, dass extremistische Inhalte dagegen vor allem bei Probanden fruchteten, bei denen bereits eine Neigung vorhanden war und die aktiv danach gesucht hatten. Der passive Kontakt hatte dagegen kaum Auswirkungen und scheint entsprechend ein deutlich geringeres Gefahrenpotenzial für die Radikalisierung von Jugendlichen darzustellen. Die aktive Wahrnehmung extremistischer Inhalte in sozialen Medien erhöht dagegen offensichtlich die Wahrscheinlichkeit, eine extremistisch motivierte Straftat zu begehen – gerade wenn die grundsätzliche Neigung zu politischer Gewalt und Extremismus bereits vorher existierte. Nicht die extremistischen Inhalte an sich, sondern eben diese bestehende Neigung identifizieren Pauwels und Kollegen (2014) somit als gewichtiges Radikalisierungspotenzial, welches sich durch die kommunikativen Möglichkeiten sozialer Medien und den Austausch mit extremistischen oder straffälligen Gleichaltrigen im persönlichen Umfeld noch verstärkt. Dies passt unter anderem zu den Befunden von Tucker (2010), die besagen, dass das Internet vor allem als ein Werkzeug zur Mobilisierung von Individuen dient, die sich bereits für eine bestimmte Thematik oder Ideologie interessieren. Und auch die Aussage einer dänischen Studie von Precht (2007), die darauf verweist, dass der Radikalisierungsprozess junger Erwachsener oft früh beginnt und einige Zeit in Anspruch nehmen kann, lässt sich damit vereinen.

  1. Vor dem Hintergrund der Entstehungshistorie des Internets lässt sich dabei heute jedoch nicht sagen, ob es sich hierbei tatsächlich um einen Alterseffekt oder lediglich einen Kohorteneffekt handelt, der sich für spätere Generationen, die Digital Natives, nivelliert (Gill & Corner 2015). []
  2. Entsprechend scheint es für die Einschätzung von Einzeltätern nicht relevant zu sein, ob sie lediglich online mit anderen kommunizieren, sondern vielmehr, ob sie allgemein in Austausch treten oder aber sich völlig isolieren. Überraschenderweise zeigt die Auswertung zudem, dass Einzeltäter, die sich alleine auf das Internet als Kommunikationsmedium und Lernplattform beschränkten, in der Ausführung ihrer Anschläge weniger erfolgreich waren, als Einzeltäter ohne ausgeprägte Internetnutzung. []