3.1 Die Seite der Nutzer

„Am Anfang hatte ich nur ein paar Fragen, doch mit jedem Tag wurde ich immer mehr in eine andere Welt gezogen“ – so beschreibt die Autorin der NDR-Panorama 3-Reportage „Angeworben im Netz der Dschihadisten“1 ihren Selbstversuch in sozialen Netzwerken, den sie begeht, um die Anziehungskraft extremistischer Organisationen auf Jugendliche im Internet besser verstehen zu können. Nachdem sie sich auf Facebook ein neues Pro l erstellt hat und dort die Seite des deutschen islamistischen Predigers Pierre Vogel mit „Gefällt mir“ markiert, gerät sie in hoher Geschwindigkeit in Kontakt mit Personen, die ihr Komplimente machen, Fragen beantworten und ein Gemeinschaftsgefühl vermitteln. Sie erhält Kontakt- und Freundschaftsanfragen von Leuten, die sich in ihren Profilbildern mit Schleiern, Masken und Waffen darstellen. Sie erzählen ihr von ihrer eigenen Konvertierung, lehren sie neue Regeln zu ihrem Lebensstil und schicken ihr Propagandavideos des sog. Islamischen Staates (IS), in denen Feindbilder zum Westen aufgebaut werden. Innerhalb von nur zwei Wochen erhält sie Kontakte zu Menschen, die sich mutmaßlich in Syrien aufhalten und sie dazu einladen, ihnen zu folgen und Hilfe bei der Einreise versprechen. Welche Systematik in Hinblick auf die Nutzungsmechanismen Jugendlicher und ihren Radikalisierungsprozess aber steckt hinter diesem Selbstversuch?

Auf Basis einer Analyse des Bundesamtes für Verfassungsschutz (2011) hat die Arabistin und Turkologin Katrin Strunk (2013) die Stadien eines idealtypischen Verlaufs der Radikalisierung einer jungen Muslima auf Facebook nachgezeichnet. Strunk bezieht sich explizit auf einen gestuften Radikalisierungsprozess, wenn sie beispielhaft an der Facebook-Kommunikation die verschiedenen Radikalisierungsphasen in vier Etappen innerhalb nur eines Jahres rekonstruiert. Zu Beginn findet eine kurze Orientierungsphase statt, die sich vor allem durch ein alltägliches und unauffälliges Nutzungsverhalten darstellt. Der Freundeskreis wächst langsam an und wird zunächst von persönlichen Kontakten dominiert. Persönliche Interessen, Meldungen und andere Inhalte des täglichen Geschehens werden mit der Außenwelt geteilt. Nach dieser Phase beginnt die Hinwendung zum Salafismus. Diese zeigt sich durch den Beitritt zu salafistischen Gruppen und ein merkliches Wachstum an islamischen Kontakten, welche zumeist als optisch erkennbare Salafisten auftreten. Zudem beginnen sich das Nutzungsverhalten und die Außendarstellung durch ein verändertes Profilbild und thematisch einschlägige Interessendarstellung zu wandeln. In der dritten Phase findet eine Befürwortung des gewaltbereiten Salafismus statt. Die Außendarstellung des Pro ls kommuniziert offen die Sympathisantenrolle. Freunde und Kontakte, die dem neuen Weltbild nicht entsprechen, werden aussortiert. Es werden antiamerikanische sowie ideologisch eingefärbte Inhalte, die auf die Missstände der Muslime weltweit aufmerksam machen, geteilt und verbreitet. Dieser Phase folgt die dschihadistische Ausrichtung, die sich vor allem durch die Intensivierung in der Kommunikation und der geteilten Inhalte zeigt. Weitere Anzeichen für die dschihadistische Ausrichtung sind die aktive Aufforderung zur Teilnahme am Dschihad sowie das offene Bekennen zu einem Leben nach der Scharia.

Auch die Studie des Niedersächsischen Ministeriums für Inneres, Jugend und Sport (2012) setzt das Kommunikationsverhalten Jugendlicher im Internet in Relation zu Etappen und Radikalisierungsstufen und formuliert dabei Indikatoren, anhand derer sich der Grad ihrer Radikalisierung benennen lässt:

  • Anzahl- und Intensitätsänderung von dschihadistisch eingefärbten Äußerungen in öffentlichen Gruppen und Foren
  • Verbreitung von dschihadistischen Narrativen, Klischees und Deutungsmustern
  • Zielgerichtete private Kommunikation über radikale Inhalte (E-Mails, private Nachrichten
  • Veröffentlichung von gewaltverherrlichenden Inhalten und damit signalisierte steigende Militanz
  • Größe und Qualität der einschlägigen radikalen Netzwerke, welche aus Freundeslisten und der
    virtuellen Zugehörigkeit zu radikalen Gruppen bestehen können; Hinweise zur stärkeren Vernetzung bzw. dschihadistischer Netzwerkbildung
  • Anzahl und Art von strafbaren Handlungen im Internet, zum Beispiel durch Veröffentlichungen
    oder Verbreitung von extremistischen Inhalten
  • Verwendung von islamistischer oder dschihadistischer Symbolik oder Namen
  • Wesentliche Veränderung der Außendarstellung: Änderungen des Benutzerpro les, Accountbildes, zum Beispiel durch Umbenennung in islamistische Namen (arabische Zeichen), Änderung im Layout, oder Anonymisierung
  • Veröffentlichung und Verbreitung von selbsterstelltem audiovisuellen Material mit islamistischen Inhalten

Was die empirische Grundlage für diese Verknüpfung von (Kommunikations-)Verhalten im Internet und den verschiedenen Stufen der Radikalisierung ist, bleibt jedoch sowohl bei Strunk (2013) als auch in der Studie des Niedersächsischen Ministeriums für Inneres, Jugend und Sport (2012) im Unklaren. Auch wenn die Reichweite und die Erklärungskraft dieser Typisierung von Radikalisierungsstufen anhand der Kommunikation im Internet wissenschaftlich nicht gesichert ist und ihnen ein idealtypischer Charakter verbleibt, so ist damit doch als interessante Frage angesprochen, inwieweit anhand von Internetkommunikation Radikalisierungsverläufe rekonstruiert und abgelesen werden können.2

  1. https://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama3/Angeworben-im-Netz-der-Dschihadisten,syrien698.html [07.03.2016] []
  2. Es ist an dieser Stelle allerdings auch kritisch anzumerken, dass solche Profile wie bei Strunk (2013) nicht zwangsläufig mit einem realen Radikalisierungsprozess korrespondieren müssen, sondern ein propagandistisches Projekt sein können. []