3.1.3 Aktiv versus Passiv – Bottom up versus top down?

Die Studie von Pauwels und Kollegen (2014) hat gezeigt, dass der aktiven Wahrnehmung extremistischer Online-Inhalte in Bezug auf die Wirkung, im Gegensatz zu passiver Konfrontation, eine bedeutende Rolle im Radikalisierungsprozess Jugendlicher zukommt. Eine klare Abgrenzung von passivem zu aktivem Konsum lässt sich im Internet jedoch kaum ziehen – die Übergänge sind meist fließend. Ähnliches gilt für die Unterscheidung sogenannter „bottom up“- und „top down“-Prozesse, welche die Richtung der Motivation und des Informationsflusses hinsichtlich des Konsums von Online-Inhalten beschreiben. Beim dem als „bottom up“ bezeichneten Prozess radikalisiert sich das Individuum über die aktive Suche nach extremistischen Inhalten und Angeboten im Internet selbst, bis es den Anschluss an eine radikale Gruppe sucht. Bei „top down“ werden dagegen von einer extremistischen Organisation Inhalte und Informationen verbreitet, um neue Anhänger zu rekrutieren (Veldhuis & Staun 2009; McCauley & Moskalenko 2011). Eine saubere Auseinanderdifferenzierung dieser Prozesse ist im Internet nicht möglich. Denn so können sich Individuen beispielsweise durch eigene Recherche mit propagandistischem Material versorgen und den Radikalisierungsprozess damit aktiv betreiben, gleichzeitig werden die Inhalte aber auch bewusst „top down“ von extremistischen Organisationen platziert (Ravndal 2013). Auch kann das bereitgestellte Material von Sympathisanten bearbeitet, vermischt und über verschiedene Kanäle weiterverbreitet werden. Entsprechend der oben dargestellten Befunde funktioniert die direkte Anwerbung von Anhängern daher zumeist bei denjenigen am besten, die der Thematik zugeneigt sind und sich bereits auf einschlägigen Foren und Webseiten bewegen (Sageman 2008).

Die Schwierigkeit, aktiven und passiven Online-Konsum bzw. bottom up- und top down-Prozesse klar voneinander abzugrenzen, wird außerdem dadurch bedingt, dass die Abstufung in der Kommunikation im Internet, je nach Grad der Radikalisierung junger Männer und Frauen, eine Entsprechung auf der Rezeptionsseite von radikalisierten Inhalten findet. Auch können Abstufungen im Radikalisierungsgrad als ein wesentliches Element für den Rezeptionsprozess wie auch die Wirkung bei den Jugendlichen vermutet, allerdings nicht wissenschaftlich fundiert werden. Die Bandbreite an unterschiedlichen Medienangeboten auf einem speziflschen Radikalisierungslevel ermöglicht dem Jugendlichen einen Medienkonsum entsprechend seines Radikalisierungsgrades sowie eine sukzessive Vertiefung und Verschärfung radikaler Haltungen. Eine wesentliche Dimension für die Radikalisierung scheint dabei der Doppelcharakter des Internets als Informationsmedium einerseits und als Kommunikationsmedium andererseits zu sein. Dieser ermöglicht es den Jugendlichen ohne weiteres, vom passiven Rezipienten zum aktiv Beitragenden zu werden (Wagner & Gebel 2014) und diesen Rollenwechsel im Internet zu erproben und zu intensivieren. Welche Möglichkeiten der Resonanzraum Internet als Informations- und Kommunikationsplattform extremistischen Organisationen bietet und wie junge Menschen diese Möglichkeiten nutzen, wird im folgenden Kapitel dargestellt.