1. Einführung

…Ein 16-jähriges Mädchen aus Konstanz reist unbemerkt nach Syrien in den „Heiligen Krieg“ – Ein eher mäßig erfolgreicher „Gangsta-Rapper“ aus Berlin wird zum Popstar des Islamismus und einem der wichtigsten deutschen Propagandisten der Dschihadistenszene – Ein 17-jähriger Lehrling aus dem oberösterreichischen Feldkirchen erlangt unfreiwillig Berühmtheit, weil er auf Facebook ein Foto spielender Flüchtlingskinder mit einem rassistischen Kommentar versieht und daraufhin seinen Job verliert – In Güstrow werfen Jugendliche Steine auf ein Flüchtlingsheim…

Die Liste mit aktuellen Bezügen und Belegen für innergesellschaftliche Konfliktkonstellationen im Allgemeinen und eine zunehmende Radikalisierung junger Menschen im Speziellen ließe sich noch lange fortführen. Sie deutet darauf hin, dass radikale Positionen in Deutschland und anderen westlichen Staaten wieder verstärkt Zulauf finden – wahrnehmbar insbesondere im Bereich des Rechtsextremismus und des extremistischen Islamismus (Zick & Böckler 2015). Die Auswirkungen sind gesellschaftlich spürbar: Wachsender Fremdenhass einerseits, insbesondere im Zuge des andauernden Flüchtlingsstroms aus dem Nahen Osten, Nordafrika und anderen Ländern, entlädt sich im Zuwachs ausländerfeindlicher Kommentare in diversen sozialen Netzwerken, in Demonstrationen zu Tausenden rund um die Pegida-Bewegung und darüber hinaus in rechtsextremistisch motivierten Angriffen und Gewalttaten. Von „Social-Nationalismus“ und einem „deutschen, digitalen Dauermob“ sprechen die Medien, einer digitalen Transformation der Gewalt, die sich im schlimmsten Fall „vom Gewaltpöbeln im Netz zum Gewaltpöbel auf der Straße“ wandelt (Lobo 2016).1 Auf der anderen Seite entstehen und wachsen Bewegungen, deren Anhänger sich aufbauend auf radikalen Auslegungen des Islam den Idealen des „Islamischen Staates“2 verschreiben. Sie ziehen aus vermeintlich religiösen Gründen in den Dschihad und bringen diesen mit Terroranschlägen wie denen von Paris im November 2015 oder denen von Brüssel im März 2016 auch zu uns nach Europa.

Die ideologischen Inhalte und Ziele rechtsextremer und islamistischer Bewegungen mögen sich einerseits eklatant voneinander unterscheiden. Sie haben jedoch auch entscheidende Gemeinsamkeiten. Allem voran greifen sie die demokratische Grundordnung unserer Gesellschaft an. Sie stellen eine Bedrohung für das an Pluralität und Partizipation orientierte Zusammenleben dar. Und: Ihre Anziehungskraft auf junge Menschen im Verhältnis zur Gesamtgesellschaft ist überdurchschnittlich stark, insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene verfallen ihren Idealen (Bouhana & Wikström 2011; Glaser 2015). Und noch eine weitere Gemeinsamkeit ist über die ideologischen Bewegungen und ihre Protagonisten hinweg augenfällig: Sie sind digital aktiv! Sie nutzen das Internet auf vielfältige Art und Weise und propagieren dort ihre Positionen – im Kontext von Radikalisierungsprozessen im Allgemeinen, als Vehikel terroristischer Botschaften, zur transnationalen Vernetzung und insbesondere auch als Instrument zur Mobilisierung und Rekrutierung (Böckler & Zick 2015).

Beides – die starke Anziehungskraft radikaler Organisationen auf junge Menschen wie auch die intensive Nutzung des Internets – lässt sich anhand zahlreicher Beispiele nachzeichnen. Immer wieder berichten die Medien über Jugendliche, die sich gegen den Willen und das Einwirken ihrer Familie und Freunde und zum Teil sogar unbemerkt vor allem islamistischen Gruppierungen anschließen. Und immer spielen neben Netzwerken und Kontakten im „realen“ Umfeld die sozialen Medien dabei eine wichtige Rolle. Da ist zum Beispiel Dominic S. aus Mönchengladbach, der im Alter von 17 Jahren über einen Freund in Kontakt mit der salafistischen Szene gerät. Er radikalisiert sich im Dunstkreis des deutschen islamistischen Predigers Pierre Vogel und wird schließlich als Musa Almani selbst zum Missionar. Dazu unterhält er unter anderem einen eigenen YouTube-Kanal3 . Inzwischen hat sich der heute 28-Jährige von der salafistischen Ideologie distanziert und tourt durch Deutschland, um Schülerinnen und Schülern seine Geschichte zu erzählen und sie vor radikalen Irrwegen zu warnen (Himmelrath & Klovert 2016). Nicht immer jedoch gibt es einen Weg zurück. Da ist die 16-Jährige Elif Ö. aus München, die Anfang 2015 über die Türkei nach Syrien ausreist. Die Familie ahnte bis zuletzt nichts, über die sozialen Netzwerke lässt sich ihre Wandlung jedoch detailliert rekonstruieren. Über Facebook- und WhatsApp-Gruppen kommt sie in Kontakt mit islamistischen Ideologien und gerät immer mehr in deren Sog. Sie verfällt den Versprechungen einer Frau, die ihr ein gottgefälliges Leben in Syrien anpreist und sie schließlich zur Ausreise ermutigt (Heil, von der Heide, Baars, Kabisch & Riedel 2015). Laut Medienberichten ist Elif inzwischen verheiratet und lebt in Rakka, von wo aus sie nun selbst Propaganda über soziale Netzwerke betreibt (Mrkaja 2015).

  1. Abrufbar unter: http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/koeln-und-die-folgen-eskalation-des-social-nationalismus-kolumne-a-1071780.html [Stand: 13.03.2016] []
  2. Der Islamische Staat (IS) ist eine terroristische Organisation in Syrien, Irak und Libyen. Weitere Synonyme: ISIL (Islamic State of Iraq and the Levant), ISIS (Islamic State of Iraq and Syria), Daesh []
  3. https://www.youtube.com/user/MusaAlmani []