3.2.3 Web-Foren und Chatrooms

„The web forums are the soap boxes of the Islamist militant movement, where key debates about the latest news take place, networks are formed, and real sense of community emerges“ (Neumann, Brooke, Rogelio, & Luis 2007, S. 50).

Die Kommunikations- und Interaktionsfunktion des Internets im Radikalisierungsprozess Jugendlicher entfaltet sich insbesondere in Web-Foren und Chatrooms. Sie sind bekannte Anlaufpunkte für Austausch und Diskussion zu jeglicher Thematik und beherbergen den Ergebnissen mehrerer Mediennutzungsstudien zu Kindern und Jugendlichen folgend wichtige Kommunikationsräume.1) Sie können entsprechend auch zur Diskussion abweichender und ideologisch aufgeladener Thematiken genutzt werden. Gleichgesinnte können sich in offenen Foren und Chaträumen „antasten“ und kennenlernen und Interessierte an weitere Informationen und Ressourcen herangeführt werden (Weimann 2008b; Lennings et al. 2010). Zwar werden diese meist von Moderatoren überwacht, welche extremistische Inhalte entfernen bzw. Nutzer blockieren können. Ideologisch eingefärbte und radikale Diskussionen lassen sich jedoch dennoch häufig finden. Zudem kann ein erster persönlicher Kontakt mit Hilfe zeitlich asynchroner Chatprogramme (Skype, ICQ, Slack, Viber, etc.) oder mobiler Chatapplikationen (WhatsApp, Telegram, etc.) unabhängig vertieft und intensiviert werden. Darüber hinaus gibt es einschlägige ideologisch eingefärbte Foren und Chaträume, die in der Regel von entsprechenden ideologischen Organisationen oder Sympathisanten geführt werden (Kohlmann 2008). Um diese aufzusuchen, müssen sich Nutzer jedoch von sich aus auf eine aktive Suche begeben (Torok 2010). Die Aufnahme in solche Chaträume und Foren ist zwar Zugangsbeschränkungen unterworfen, diese sind in der Regel jedoch kaum ein Hindernis, da es von Interesse zu sein scheint, möglichst viele Interessierte und potenzielle Rekruten zuzulassen. Hier kann neben einer weiteren ideologischen Bearbeitung auch die Selektion und Überprüfung der einzelnen Kandidaten erfolgen, beispielsweise fragen manche dschihadistische Foren beiläufig Kenntnisse der arabischen Sprache oder bestimmte religionstypische Praktiken ab (Bergin, Osman, Ungerer, & Yasin 2009).

Einer Studie des Change Institute London (2008) zu den Inhalten, Narrationen und Interaktionen dschihadistischer Webseiten und Foren folgend sind tiefgehende religiöse Diskurse eher in arabisch-sprachigen Foren vorzufinden. Die englischsprachigen Foren wurden in ihrer Diskussionskultur als weniger aggressiv bewertet, die Diskussionen über islamistische Themen und Auslegungen eher oberflächlich. Zudem verweist die Studie auf eine begrenzte Lebenszeit der Foren bzw. ein nomadisches Dasein und das häufige Wechseln ihres virtuellen Standorts. Nicht selten dienen die Foren auch als Zwischenstation und Transferschleuse zu weiteren digitalen Räumen, z. B. sogenannten „Core Foren“ im „Deep Web“2 , welche sich durch strengere Zugangsberechtigungen und Möglichkeiten interpersoneller Kommunikation durch verschlüsselte E-Mails und Chats auszeichnen (AIVD 2012).

  1. Kulhay (2013); BITKOM (2014); JIM (2014 []
  2. Als „Deep Web“ wird das sogenannte nicht indexierte Internet bezeichnet. Bereits das Auf finden der Foren stellt an sich eine Herausforderung dar. Da die Seiten nicht durch Suchmaschinen indexiert sind, muss die spezifische, direkte URL der Seite oder des Forums bekannt sein. Die Foren selbst sind durch Schutzmechanismen wie passwortverschlüsselte Zugänge und mehrere Nutzerzugangsebenen geschützt. Ein Großteil der Foren befindet sich im sogenannten Dark Web, ein spezifischer Teilbereich des Deep Webs. Der Zugriff darauf muss durch eine anonyme Internetverbindung erfolgen. Wird die Verbindung durch eine „normale“ unverschlüsselte Internetverbindung angewählt, verweigert der Server, auf dem die Webseite gelagert ist, den Zugang (Mielke & Chen 2008; Chen, Chung, Qin, Reid, Sageman, & Weimann 2008). []