9.1 Die Bedeutung des Alters

Wenn Menschen mit Familie und Freunden kommunizieren, unterscheiden sie sich deutlich in der Art und Weise, wie sie dabei miteinander in Kontakt treten: Je jünger, desto höhere Relevanz haben beispielsweise:

Die Bedeutung des Alters

Diese Online-Kanäle spielen jedoch in der privat-geschäftlichen Kommunikation nahezu keine Rolle: Nur zwei Prozent der Befragten kommunizieren privat-geschäftlich via Videotelefonie, fünf Prozent nutzen dafür Instant-Messaging, und fünf Prozent wählen den Austausch über Soziale Netzwerke.

Das Set an Online-Kommunikationsmöglichkeiten ist somit bei der privat-geschäftlichen Kommunikation aus Perspektive der Befragten eher begrenzt und beschränkt sich vornehmlich auf E-Mail-Kommunikation und vereinzelt auf Kundenportale. Da E-Mail-Kommunikation an sich in nahezu jeder Altersgruppe mittlerweile Normalität ist, ist es plausibel, dass allenfalls geringe Altersunterschiede in der Nutzung von Online-Kanälen bei der privat-geschäftlichen Kommunikation bestehen.

Auch mit Blick auf Kommunikationsformen, die nicht online stattfinden, gibt es auf den ersten Blick kaum Altersunterschiede, teilweise schreiben die Jüngeren sogar tendenziell mehr Briefe als Ältere (z.B. mit Unternehmen). Auffällig ist jedoch, dass bei Jüngeren der Brief häufig nicht die selbst gewählte Kommunikationsform ist, sondern eher eine, auf die sie sich zwangsläufig einlassen. D.h., sie wissen oder gehen davon aus, dass bestimmte Akteure und Institutionen Briefe erwarten, und sehen sich zudem verpflichtet, einen Brief auch mit einem Brief zu beantworten. Die folgenden zwei Zitate aus der qualitativen Pilotstudie illustrieren diese Logik:

Mit wem schreibt man Briefe? Finanzamt, Rentenversicherung, Krankenkasse, Tante Helga, Onkel Dietmar. (20 Jahre, weiblich, Gruppe 3)

Ich schreibe keine Briefe. Ich bekomme Briefe von Versicherungen, Banken, Werbung. (34, weiblich, Gruppe 2)

Als wichtiges Signal für die Zukunft des Briefes ist daher auch bedeutsam, dass jüngere Befragte den Postweg deutlich stärker als lästig empfinden als dies Ältere bekunden: 58 Prozent der jüngsten Altersgruppe und 61 Prozent der 30- bis 39-Jährigen stören sich daran, dass gewisse offizielle Angelegenheiten über den Postweg stattfinden müssen (gegenüber 42 Prozent der 60- bis 69-Jährigen). Rund 70 Prozent der 18- bis 39-Jährigen finden auch, dass Briefe zu viel Papierkram verursachen, der sortiert werden muss (gegenüber 58 Prozent der 60- bis 69-Jährigen).

Mittlere Altersgruppen stellen höhere Convenience-Ansprüche

Die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen sind sich weitgehend einig: Vertraulichkeit, Verlässlichkeit und der persönliche Ansprechpartner sind am wichtigsten, wenn es um privat-geschäftliche Kommunikation geht. Es zeigen sich aber dennoch relevante Altersunterschiede hinsichtlich der weiteren Priorisierung:

  • Während Ortsunabhängigkeit den jüngeren Befragten und den Befragten im mittleren Alterssegment deutlich wichtiger ist als dem Bevölkerungsdurchschnitt (18- bis 29-Jährige: 18 Prozent, 30- bis 39-Jährige: 23 Prozent, Bevölkerungsdurchschnitt: 14 Prozent), rangiert dieses Kriterium in den anderen Altersgruppen an vorletzter bzw. letzter Stelle der wichtigsten Erwartungen an privat-geschäftliche Kommunikation.
  • Ähnliches gilt für die Zeitunabhängigkeit, die jedem vierten 30- bis 39-Jährigen wichtig ist und damit deutlich häufiger als anderen Altersgruppen oder der Gesamtbevölkerung (20 Prozent; 18- bis 29-Jährige: 20 Prozent, 40- bis 49-Jährige: 21 Prozent, 50- bis 59-Jährige: 20 Prozent, 60- bis 69-Jährige: 14 Prozent).

Es ist plausibel, dass die Aspekte Zeit und Ort vor allem bei den 30- bis 39-Jährigen eine wichtigere Rolle spielen, denn häufig ist der Alltag in dieser Lebensphase eng getaktet, da intensive Berufstätigkeit (Aufstiegs- und Etablierungsphase) und Familiengründung parallel stattfinden und wenig Raum für die Erledigung privat-geschäftlicher Angelegenheiten bleibt.

Für die 18- bis 29-Jährigen sind zudem Kosten von größerer Bedeutung als bei allen anderen Altersgruppen; dennoch rangiert die Kostenfrage auch hier nur an drittletzter Stelle. Sie verliert mit zunehmendem Alter an Relevanz, da das verfügbare Haushaltsbudget in der Regel mit dem Alter zunimmt.

Für Jüngere sind andere Daten und Informationen vertraulicher als für Ältere

Bereits die DIVSI U25-Studie (2014) zeigte auf, dass sich das Privatsphäre-Verständnis bei den unter 25-Jährigen gewandelt hat.1 Es sind weniger (technische) Informationen wie Geburtsdatum oder Augenfarbe schützenswert, sondern vor allem Informationen, die die soziale Reputation gefährden oder die Möglichkeit für soziales Stalking oder Mobbing eröffnen. Zudem achten Jüngere stark darauf, dass die Grenze zwischen der (als eher anonym und unverbindlich) wahrgenommenen Online-Welt und der Realität gewahrt bleibt. Es ist daher nicht überraschend, aber dennoch auffällig, dass die Jüngeren die sexuelle Orientierung und politische Einstellung für deutlich weniger schützenswert halten als der Durschnitt, die Wohnanschrift jedoch überdurchschnittlich häufig.

  • Während rund die Hälfte aller Befragten die sexuelle Orientierung für sehr vertraulich hält, sind es unter den 18- bis 29-Jährigen nur 39 Prozent.
  • 32 Prozent der jüngsten Befragten halten die politische Einstellung für schützenswert gegenüber 43 Prozent insgesamt.
  • Das Alter halten 30 Prozent der Jungen gegenüber 36 Prozent insgesamt für sehr schützenswert.
  • Die Wohnanschrift betrachtet über die Hälfte der Jüngsten gegenüber 46 Prozent insgesamt und 38 Prozent bei den Ältesten als sehr schützenswert.

Möglicherweise lässt sich die höhere Sensibilität der Jüngeren auf Erfahrungen im digitalen Raum zurückführen. Für die jüngsten Befragten könnte hier der Verlust bzw. die Aufweichung der online bestehenden „anonymen“ bzw. nicht materiell verankerten Identität verbunden sein. Die vor einigen Jahren noch breit medial diskutierten Gefahren, die mit einer Preisgabe der Wohnanschrift in Sozialen Netzwerken verbunden sind (Einbruch während Urlaub, unüberschaubare Teilnehmerzahlen bei in Sozialen Netzwerken angekündigten privaten Feiern etc.), könnten sich hier als sogenannter „Facebook-Effekt“ niederschlagen.

Die Sicherheit der eigenen Daten ist für jüngere Befragte weniger wichtig als für Ältere

Müssen sich die Befragten entscheiden, ob ihnen eher Sicherheits- oder Convenience-Aspekte wichtiger sind, votiert knapp über die Hälfte der 60- bis 69-Jährigen eindeutig für Sicherheit, aber nur ein Viertel der 18- bis 29-Jährigen.

Zudem haben Jüngere deutlich weniger Vorbehalte und Sicherheitsbedenken gegenüber Online- Kommunikationsformen als Ältere. Die E-Mail gilt als verlässliches, beständiges Instrument, das dem Brief in puncto Sicherheit kaum nachsteht. Je jünger die Befragten, desto geringer werden die Gefahren eingeschätzt: Über die Hälfte der unter 30-Jährigen geht davon aus, dass E-Mails genauso sicher sind wie ein verschlossener Brief, gegenüber rund 40 Prozent der über 50-Jährigen.

Welche Auswirkungen hat es auf getroffene Sicherheitsvorkehrungen, wenn Online-Kommunikationsformen weitgehend als sicher eingestuft werden und Jüngeren die Sicherheit der eigenen Daten zudem weniger wichtig ist? Konsequenterweise führt es dazu, dass Jüngere insgesamt deutlich weniger Schutzmaßnahmen ergreifen als Ältere.

  • Ein Virenschutzprogramm verwenden 60 Prozent der 18- bis 29-Jährigen, 73 Prozent der 40- bis 49-Jährigen und 82 Prozent der 60- bis 69-Jährigen.
  • Etwa die Hälfte der unter 30-jährigen Befragten aktualisiert die Antiviren-Software regelmäßig (50 Prozent der 18- bis 29-Jährigen, 54 Prozent der 30- bis 39-Jährigen), während dies 63 Prozent der 40- bis 49-Jährigen und 74 Prozent der 60- bis 69-Jährigen tun.
  • Die Firewall nutzt ebenfalls etwa die Hälfte der jüngsten Befragten, aber 63 Prozent der 40- bis 49-Jährigen und 69 Prozent der 60- bis 69-Jährigen.

Neben automatisierten Schutzmaßnahmen sind auch die punktuellen aktiv betriebenen Maßnahmen je nach Alter unterschiedlich ausgeprägt – wenn auch auf geringerem Gesamtniveau.

  • Datenschutzhinweise werden mit zunehmendem Alter häufiger gelesen (32 Prozent insgesamt, 27 Prozent der Jüngsten, 43 Prozent der Ältesten).
  • Passwörter werden mit zunehmendem Alter regelmäßig geändert (42 Prozent insgesamt, 30 Prozent der Jüngsten, 50 Prozent der Ältesten).2
  • Je älter die Befragten, desto eher löschen sie Mails von unbekannten Absendern sofort (29 Prozent insgesamt, 14 Prozent der Jüngsten und 42 Prozent der Ältesten).

Jüngere schätzen sich insgesamt souveräner ein und vertrauen bei Schutzmaßnahmen eher ihrem eigenen Urteil: Knapp die Hälfte (49 Prozent) der 18- bis 29-Jährigen ist sich gelegentlich unsicher, ob eine E-Mail gefälscht ist. Der Anteil steigt ab dem Alter von 30 auf fast 65 Prozent. Ob das Souveränitätsgefühl der Jüngeren berechtigt ist, kann angesichts der Tatsache infrage gestellt werden, dass die älteste Gruppe sich zumindest am wenigsten von negativen Erfahrungen betroffen sieht (mit Ausnahme von Spam), was im Wesentlichen darauf zurückzuführen ist, dass sie sich diesen Gefahren schlicht nicht aussetzt.

  1. Siehe DIVSI (2014): DIVSI U25-Studie. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene in der digitalen Welt. Eine Grundlagenstudie des SINUS-Instituts Heidelberg im Auftrag des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI). Online: http://46.30.3.106/wp-content/uploads/2014/02/DIVSI-U25-Studie.pdf []
  2. Bill Burr, verantwortlich für die Empfehlung, Passwörter alle 90 Tage zu ändern, hat sich widerrufen. Aktuell dazu: http://www.sueddeutsche.de/digital/it-sicherheit-der-mann-der-schuld-ist-am-passwort-wahnsinn-bereut-sein-werk-1.3623586. Siehe dazu auch Fußnote 12 auf Seite 58. []