3.3.3 Sicherheitsbedachte Postmaterielle

Unter den Entscheidern ist der Einstellungstypus der Sicherheitsbedachten Postmateriellen sehr stark vertreten: 22 Prozent sind zu dieser Gruppe zu zählen, in der Gesamtbevölkerung sind es mit zehn Prozent weniger als die Hälfte. Sie sind selektive Internet-Nutzer mit kritischer, aber offener Grundhaltung gegenüber dem Internet.

Sicherheitsbedachte Postmaterielle (22 Prozent): Soziodemografie

Geschlecht und Alter
  • Sowohl jüngere als auch ältere Entscheider, Ø 49 Jahre
  • Verteilung von Männern und Frauen wie in der Grundgesamtheit
Bildung
  • Mittlere bis hohe Bildungsabschlüsse
  • 16% haben Abitur (gesamt 11%) sowie 21% einen Fachhoch- schul- oder Bachelor-Abschluss (gesamt 17%)
Ausbildungsgebiet/Berufe
  • Medizinische bzw. pharmazeutische Ausbildungen
    (9%, gesamt 6%), Ingenieur-/Technische Wissenschaften
    (18%, gesamt 12%) und Rechtswissenschaften
    (11%, gesamt 6%) leicht überrepräsentiert
  • Wirtschaftswissenschaften (10%, gesamt 17%) und
    Geisteswissenschaften (1%, gesamt 5%) unterdurchschnittlich vertreten
Berufsgruppe
  • Freie Berufe überrepräsentiert (27%, gesamt 17%)
Entscheidungskompetenz
  • 23% arbeiten in der Funktion Direktor/Amtsleiter/Betriebs-/
    Werks-/Filialleiter (gesamt 14%)
Unternehmensgrößen
  • Überdurchschnittlich beschäftigt in Kleinstbetrieben oder
    Freien Berufen:
    5 – 9 Beschäftigte (26%, gesamt 19%)
Einkommen
  • Untere und mittlere Einkommensklassen innerhalb der Entscheider-Landschaft:
    34% haben ein jährliches Bruttoeinkommen zwischen
    60.000 und 80.000 Euro (gesamt 25%)

Lebenswelt

Sicherheitsbedachte Postmaterielle zeichnen sich durch ein globales Denken, prinzipielle Offenheit gegenüber anderen Lebensstilen und Einstellungen sowie ein weitgespanntes thematisches Interessenspektrum aus. Sie suchen intellektuelle Anregungen und intensiven Austausch mit Gleichgesinnten – auch im Kollegenkreis. Sie haben digitale Technologien weitestgehend in ihren Alltag integriert und nutzen diese souverän, wenn auch sehr bewusst und selektiv. Sie zeigen generell ein anspruchsvolles Konsumverhalten und haben Aversionen gegen Oberflächlichkeit.

Diese Gruppe zeigt sich ambivalent, wenn es um das Internet geht. Auf der einen Seite profitiert sie von den vereinfachten Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten, auf der anderen Seite kritisiert sie die rasante Digitalisierung und die zunehmenden Machtkonzentrationen einzelner Akteure im Internet. Aus ihrer Sicht werden Online-Aktivitäten zu wenig hinterfragt und geprüft – sie vermuten, dass dahinter die Angst steckt, den Anschluss nicht verpassen zu wollen.

Internet-Nutzung

Kritisch reflektieren sie die Vor- und Nachteile des Internets und nehmen dabei auch die Auswirkungen auf die Gesellschaft prüfend in den Blick. Positiv nehmen sie wahr, dass durch den einfachen Austausch von Gedanken und Ideen die globale Vernetzung vorangetrieben wird, sowie niedrigschwellige Partizipationsmöglichkeiten die soziale Teilhabe erleichtern. Allerdings beäugen sie skeptisch, wohin Datenmissbrauch und Überwachungssysteme noch führen könnten. Sicherheitsbedachte Postmaterielle möchten Fortschritt, jedoch nicht um jeden Preis. Dabei ist diese Gruppe nicht prinzipiell technikfeindlich, sie möchte sich von der Technik aber nicht zu stark vereinnahmen lassen. Das Internet gehört dazu, sollte aber nicht das Leben bestimmen. Sie glauben von allen Entscheidern am wenigsten, dass es in Zukunft nicht mehr möglich sein wird, komplett offline zu sein (56 Prozent vs. 64 Prozent). Trotz aller – fast schon verordneter – Internet-Zwangseuphorie sind sie überzeugt: Ein Offline-Leben ist möglich – zumindest kann das immer noch jeder selbst entscheiden.

Die Sicherheitsbedachten Postmateriellen sind zielorientierte Internet-Anwender. Sie schließen sich dem Online-Kosmos nicht bedingungslos an, sondern nutzen ausgewählte Anwendungen. So möchten nur 28 Prozent der Sicherheitsbedachten Postmateriellen an dem teilhaben, was im Internet passiert (gesamt 57 Prozent). Ihre Expertise im Internet schätzen sie entsprechend etwas schwächer ein im Vergleich zu den anderen Entscheidern (Mittelwert 4,1, gesamt 4,3 auf einer sechsstufigen Antwortskala; 6 = Experte).

Diese Entscheider nutzen lediglich einen Teil der Online-Optionen. Nur drei von zehn haben ein Social-Media-Profil (29 Prozent, gesamt 47 Prozent). Die technischen Möglichkeiten der Selbstdarstellung und des Austauschs von – aus ihrer Sicht – „Belanglosigkeiten“ empfinden sie als langweilig. Sehr selten beteiligen sie sich an Filesharing oder laden Software herunter. Nur 13 Prozent nutzen Cloud Computing (gesamt 24 Prozent). Sie sind keine Early Adopter, wenn es um Innovationen in Sachen Internet geht, denn ihr Interesse an neuen Angeboten und Entwicklungen hält sich in Grenzen, und mit dem ganzen Technik-Hype können sie wenig anfangen. Nur die Hälfte verfügt über einen mobilen Internet-Zugang (51 Prozent, gesamt 60 Prozent), denn sie möchten gar nicht immer erreichbar sein. Sie vertreten die Auffassung, dass die beruflichen Anforderungen ohnehin mittlerweile sehr weitreichend in die Lebensgestaltung eingreifen. Ein Verschwinden der Grenzen zwischen Berufs- und Privatleben, das die Digital Souveränen und Effizienzorientierten Performer als Freiheit erleben, empfinden sie als unangemessene Vereinnahmung. Allerdings sind sie in einer beruflichen Position, die ihnen hierbei durchaus Gestaltungsspielräume ermöglicht, um eine angemessene Work-Life-Balance zu gestalten – und die besteht u. a. auch darin, am Wochenende keine E-Mails lesen zu müssen.

Sicherheitsbedachte Postmaterielle: Typische Aussagen

Einstellungen zu Datensicherheit und Datenschutz

Sicherheitsbedachte Postmaterielle sind besonders stark für die Themen Datensicherheit und Datenschutz sensibilisiert, sowohl hinsichtlich persönlicher als auch gesellschaftlicher Implikationen.

Neun von zehn Entscheidern dieser Gruppe sind sehr bewusst im Umgang mit dem Netz und stellen kaum private Daten online (gesamt 81 Prozent). Ihre Bedenken hinsichtlich verschiedener Aktivitäten sind überdurchschnittlich hoch. Beispielsweise hegen 40 Prozent Vorbehalte gegenüber dem Kontakt mit Ämtern (gesamt 29 Prozent) und 49 Prozent beim Betreiben einer eigenen Website (gesamt 39 Prozent). Nur 41 Prozent von ihnen verlassen sich hauptsächlich auf die gängigen Schutzprogramme und fühlen sich damit sicher (gesamt 59 Prozent).

Jenseits des persönlichen Nutzungsverhaltens verweisen sie kritisch auf die gesellschaftlichen Konsequenzen des freien Datenverkehrs und denken dabei an Datenmissbrauch unter der Prämisse der Gewinnmaximierung und an staatliche Überwachungssysteme. Deswegen befürworten sie die Reglementierung des Netzes stärker als die Entscheider insgesamt. Gesetze und Regelungen sind für sie die Voraussetzung, damit es Freiheit im Internet geben kann – denn Freiheit bedeutet immer auch die Freiheit des anderen.

Entsprechend sehen die Sicherheitsbedachten Postmateriellen das Internet im Vergleich zu den Entscheidern insgesamt eher als Risiko anstatt als Chance (Mittelwert von 7,5, gesamt 8,2 auf einer Skala von 0 bis 10; 10 = „bietet vor allem Chancen“). Die Vorstellung, dass zukünftig vieles nur noch online erledigt werden könnte, beängstigt sie mehr als andere (68 Prozent, gesamt 34 Prozent). Dabei geht es ihnen weniger darum, selbst technisch abgehängt zu werden, denn sie fühlen sich durchaus kompetent. Sie fürchten eher systemische Auswirkungen, z. B. eine Bedrohung der Demokratie (65 Prozent, gesamt 48 Prozent), eine problematische Entwicklung der politischen Kultur (73 Prozent vs. 61 Prozent) oder die Gefahr totaler Transparenz (93 Prozent vs. 85 Prozent).

Datenschutz war bei den Sicherheitsbedachten Postmateriellen schon ein Thema, lange bevor es das Internet gab. Allerdings hat sich ihr „Feindbild“ verschoben bzw. erweitert: Stand früher der Staat im Fokus (Stichwort Volkszählung), so sind es nun die globalen Internet-Dienstanbieter, die aus der Anhäufung immer größerer Datenbestände Kapital generieren und im Internet wesentlich mitbestimmen, was in welcher Form zugänglich ist. In diesem Zusammenhang nehmen sie deutlich stärker eine Marktkonzentration einzelner Akteure im Netz wahr als andere Entscheider (81 Prozent vs. 70 Prozent). Gruppen, die potenziell ein Risiko verursachen können, sind aber auch private Internet-Dienstanbieter allgemein (55 Prozent vs. 49 Prozent) und staatliche Einrichtungen, z. B. Verwaltungsorgane (31 Prozent vs. 18 Prozent) oder Sicherheitsbehörden (34 Prozent vs. 29 Prozent).

Unternehmen, die Risiken verursachen, sollten aus ihrer Sicht auch entsprechend Verantwortung für Sicherheit im Internet übernehmen, insbesondere Netzbetreiber/Provider und Anbieter von Internet-Diensten und -Produkten. Wird bei allen anderen Gruppen in der Entscheider-Landschaft als erstes der Nutzer in der Verantwortung für Sicherheit gesehen, so taucht er hier „erst“ an dritter Stelle auf – allerdings sehen auch 74 Prozent der Sicherheitsbedachten Postmateriellen den Nutzer (mit) in der Verantwortung.

Verlassen sollte man sich in punkto Internet-Sicherheit aus Sicht dieser Entscheider vor allem auf die eigene Erfahrung und Aufklärung. Sowohl Meinungen anderer, z. B. von unabhängigen Institutionen (62 Prozent vs. 72 Prozent) oder Experten (56 Prozent vs. 70 Prozent) als auch Angeboten staatlicher Einrichtungen (32 Prozent vs. 44 Prozent) oder dem deutschen Rechtssystem (29 Prozent vs. 39 Prozent) vertrauen sie deutlich weniger als die Gesamtheit der Entscheider. Auch der gute Ruf eines Unternehmens (53 Prozent vs. 68 Prozent) ist für sie weitaus weniger eine Vertrauensreferenz.

Trotz dieses (aktuell vorherrschenden) Misstrauens sehen sie sowohl Staat als auch Unternehmen in der Pflicht: Es muss ein Rechtsrahmen geschaffen werden, und Haftung sollte von denjenigen übernommen werden, die Schäden verursachen. Auch wenn sie ihre eigene Sicherheitszone durch Vermeidung verschiedener Online-Aktivitäten abstecken, gehen sie davon aus, dass die meisten Nutzer dies (noch) nicht können. Entsprechend sehen sie auch eine höhere Schutzbedürftigkeit des Nutzers (63 Prozent vs. 54 Prozent), selbst wenn ihn dies nicht entpflichtet, sich umsichtig zu verhalten.