6. Fazit

1. Verantwortung und Vertrauen gehen im Internet nicht Hand in Hand

Die Entscheider sind sich einig: Wer Risiken verursacht, muss auch Verantwortung tragen – allerdings offenbar nicht im gleichen Ausmaß. Während nach den Hackern große globale Internet-Dienstleister und die Nutzer in ähnlicher Form als größte potenzielle Risikoverursacher gesehen werden, wird den Nutzern deutlich mehr Verantwortung zugeschrieben. Dies erklärt sich aus zwei grundlegenden Einschätzungen:

  • Das Internet ist kaum zu kontrollieren. Sicherheit im Internet bleibt eine Illusion und kann weder technisch noch juristisch hergestellt werden. Selbst wenn man dies wollte: Zum einen bietet Software immer nur eine Teil-Lösung, zum anderen sind die rechtlichen Einflussmöglichkeiten aufgrund der globalen Vernetzung von Systemen und Angeboten begrenzt. Und nicht zuletzt lässt die mittlerweile etablierte Vormachtstellung einzelner Unternehmen es den Entscheidern geradezu als utopisch oder irrelevant erscheinen, Verantwortung von diesen Akteuren einzufordern.
  • Das Internet ist eine Infrastruktur, die mittlerweile so selbstverständlich ist, dass es immer weniger Bereiche des Alltags gibt, in der sie nicht präsent ist. Trotz dieser zunehmenden Online-Durchdringung ist aus Entscheider-Sicht eine Infrastruktur selbst noch nicht gefährlich, sondern es entstehen Risiken erst durch die unsachgemäße Nutzung dieser Strukturen. Gilt das Verursacherprinzip, ist somit der Nutzer in der Pflicht, nicht der Anbieter der Leistung.

Als Rüstzeug für ein sicheres Navigieren in der Online-Welt empfehlen die Entscheider den Nutzern Bildung und eigene Erfahrung. Gleichzeitig bekunden sie jedoch, dass die Nutzer sich nicht auskennen und bringen ihnen entsprechend nur wenig Vertrauen entgegen, sich angemessen schützen zu können.

Kann man also auf die Nutzer-Kompetenz aktuell noch nicht bauen, bleibt die Frage, welche weiteren Akteure stärker in die Pflicht genommen werden könnten. Hauptdilemma ist hierbei die Tatsache, dass die Entscheider gerade den Akteuren, die Verantwortung übernehmen sollen, weniger vertrauen. Die Entscheider, denen sie hingegen eher Vertrauen schenken (z. B. öffentliche Institutionen), werden deutlich weniger in der Verantwortung gesehen.

Ein Großteil der Entscheider hält Rahmenbedingungen im Internet für unabdingbar – auch um Freiheit im Internet überhaupt zu gewährleisten. Der Nutzer wird zwar als (haupt)verantwortlich gesehen, dennoch braucht es aus Sicht der Entscheider einen Rahmen, innerhalb dessen sich Nutzer frei bewegen können und sich auf hinreichenden Schutz beispielsweise vor Betrug verlassen können.

2. Digitalisierung kommt in die Konsolidierungsphase

Digitalisierung gilt neben Globalisierung und demographischem Wandel als einer der sogenannten Mega-Trends. „Mega“ bezieht sich dabei nicht nur auf die Dauer dieses Trends, sondern auch auf seine vielfältigen Auswirkungen auf unterschiedlichste Lebensbereiche. Dass die rasante Weiterentwicklung neuer Technologien erheblichen Einfluss auf unsere Art zu denken, zu leben und zu arbeiten hat, ist keine Überraschung – viele Jahre lag der Fokus auf den Technik-Diskursen oder einer schlichten Gegenüberstellung von Chancen und Risiken: Das Internet war entweder Revolution oder Gefahr.

Insbesondere die letzten Jahre haben gezeigt, dass Digitalisierung einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel auslöst, bei dem es längst nicht mehr nur um technologische Veränderungen geht. Kurzfristige Hypes um einzelne Techniken oder Geräte, die vor Jahren nur für einen kleinen Teil der Gesellschaft interessant waren, haben sich zu grundlegenden digitalen Verhaltensmustern und essenziellen Arbeitstechniken verdichtet und sind als Grundrauschen Teil der Arbeitswirklichkeit geworden.

Digitalisierung hat erhebliche kulturelle Implikationen, weil sie unseren Alltag in erheblichem Maße prägt. Vor allem die Vorstellungen von Mobilität und Kommunikation haben sich weitreichend verändert und neue Möglichkeiten geschaffen, die vor wenigen Jahren noch undenkbar waren. Wie man sich im Netz bewegt und damit selbst einen eigenen digitalen Werte-Kodex ausbildet, ist längst zum integralen Bestandteil unseres Lebensstils geworden – genauso wie Hobby, Beruf oder die Lieblingsmusik.

3. Digital Souveräne: Die Entscheider der Zukunft?

22 Prozent der Entscheider gehören zum Internet-Milieu der Digital Souveränen. Diese bilden damit die größte der digitalen Lebenswelten in der Entscheider-Landschaft. Zudem sind die Digital Souveränen das am schnellsten wachsende Internet-Milieu. Es kann somit davon ausgegangen werden, dass auch der Einfluss dieser Gruppe in der Entscheider-Landschaft zunehmen wird.

Digital Souveräne bewegen sich selbstverständlich im Internet und verlassen sich hinsichtlich möglicher Risiken auf die persönlichen digitalen Kompetenzen. Insbesondere Wirtschaftsvertreter dieses Internet-Milieus möchten deutlich weniger „Schutz“ bzw. Einflussnahme durch Institutionen und Politik. Nicht nur die Vorstellung eines Offline-Lebens erscheint ihnen obsolet, sondern auch die schlichte Übertragung von Prinzipien der Offline- in die Online-Welt. Vieles funktioniert aus ihrer Sicht im Internet völlig anders, daher entstehen neue Ordnungssysteme, die sich jedoch kontinuierlich entwickeln und nicht von einzelnen Akteuren „in Stein gemeißelt werden können“.

Auch Verantwortung und Vertrauen müssen offenkundig neu definiert und bewertet werden. Vertrauen ist für Digital Souveräne eine deutlich weniger relevante Kategorie in der Entscheidung für oder gegen eine Online-Handlung als für andere. Wichtiger als die Verlässlichkeit der Quelle oder des Anbieters sind dieser Gruppe Effizienz und Praktikabilität.

Hierin zeigt sich das offenkundige Dilemma besonders stark: Wenn gerade die künftig wachsende Gruppe der digital versierten Entscheider Vertrauen und im Fall der Entscheider aus der Wirtschaft auch Verantwortung als Kriterien in Frage stellt und in Form von Selbstverpflichtung und Selbstvertrauen individualisiert – nicht nur für sich selbst, sondern auch als Empfehlung an die Nutzer –, bleibt die Frage, wie handlungswirksame und tragfähige Lösungen in punkto Internet-Sicherheit gefunden werden können.

Auch der Blick in die gesamte Entscheider-Landschaft zeigt, dass fast alle mittlerweile im Internet angekommen sind und nahezu jeder regelmäßig online ist. Fast jeder Zweite gehört zu den Digital Natives, der digitale Alltag hat sich somit in den Führungsetagen weitgehend etabliert. Mit dem Internet sind nicht nur neue Technologien in die Arbeitswelt eingezogen, sondern haben sich auch die wesentlichen Prozesse der Arbeitsorganisation und des beruflichen Selbstverständnisses verändert. Neue Anforderungen an Prozessoptimierung und Vernetzung erfordern anders gelagerte bzw. erweiterte Kompetenzen von Führungskräften in Organisationen und Unternehmen. Immer mehr ist es nicht nur entscheidend zu wissen, wie etwas zu tun ist, sondern auch mit wem, d.h. die kontinuierliche Netzwerk-Erweiterung gilt als immer bedeutsamer werdende (Wissens-)Ressource – auch in Berufen und Generationen, in denen Adressbuchänderungen noch in größeren zeitlichen Abständen erfolgen.

Eine zentrale zukünftige Frage ist, wie sich das Verhältnis der Digital Souveränen, die aufgrund der demografischen Entwicklung einen immer größeren Anteil der Entscheider stellen werden, zu den etablierten Institutionen entwickeln wird. Diese Gruppe nimmt besonders stark wahr, dass das Internet mit seiner netzwerkorientierten und in wesentlichen Bereichen konsensualen Governance erstaunlich robust und leistungsfähig ist und sieht dies u. a. als Vorbote von Steuerungsansätzen, die sich von den institutionell basierten Modellen des 20. Jahrhunderts deutlich unterscheiden. Dies erklärt zu einem nicht unerheblichen Ausmaß auch das schwindende Vertrauen in dieser Gruppe in herkömmliche Institutionen.

Gerade weil das Internet für die Beteiligten aller Handlungsfelder und für die Bürger inzwischen zu einer Infrastruktur geworden ist, wird die Frage virulent, welche Rolle Institutionen, die „traditionell“ für Infrastrukturen Rahmenrichtlinien definieren und deren Einhaltung gewährleisten (z. B. ein nationales Rechtssystem), im Internet spielen sollen und können.

Die Antwort auf die Frage, wie sich die Balance zwischen Institutionen und Individuen austariert, wird dafür entscheidend sein, welcher Spielraum für Internet-Nutzer in Bezug auf die Spannungsfelder Freiheit vs. Sicherheit und Vertrauen vs. Kontrolle bleiben wird.