1. Prolog

Das Internet hat sich zu einer selbstverständlichen Infrastruktur entwickelt, die fest in unserem Alltag verankert ist – allerdings auf sehr unterschiedliche Weise. Für den einen ist das Internet das Tor zu unbegrenztem Wissen und vielfältigen Kontakten rund um die Welt, für den anderen eine große Spielwiese mit ungeahnten Unterhaltungsangeboten, für manche ist es schlicht und ergreifend technisches Hilfsmittel zur Organisation von Arbeitsabläufen und für den nächsten spielt das Internet im Alltag praktisch keine Rolle.

Wir wissen bereits viel darüber, wie sich die Bevölkerung im Netz bewegt. Durch die „DIVSI Milieu-Studie zu Vertrauen und Sicherheit im Internet“ wurde erstmalig auch aufgezeigt, in welchen digitalen Lebenswelten die Menschen in Deutschland zu Hause sind, welche Werte, Wünsche und Ziele sie antreiben – und wie sich all dies in ihren Einstellungsmustern gegenüber dem Internet niederschlägt.

Die DIVSI Milieu-Studie zu Vertrauen und Sicherheit im Internet

In der Anfang 2012 veröffentlichten „DIVSI Milieu-Studie zu Vertrauen und Sicherheit im Internet“ wurde die Bevölkerung in Deutschland hinsichtlich ihrer Einstellungsmuster zum und Verhaltensweisen im Internet nach Ähnlichkeiten gruppiert und zu sieben Internet-Milieus zusammengefasst.

Zu den zentralen Befunden gehört, dass fast drei Viertel der Bevölkerung (74 Prozent) von Staat und Wirtschaft erwarten, Sicherheit im Internet zu gewährleisten. 26 Prozent (insbesondere die Digital Natives) lehnen dagegen jegliche Einmischung ab. Sie sehen die Verantwortung beim Nutzer und sind überzeugt, alles selbst im Griff zu haben. Die DIVSI Milieu-Studie zeigt das Spannungsfeld zwischen den verschiedenen Gruppen. Wer sich im Internet nicht auskennt, fordert Schutz, und wer sich sicher fühlt, wünscht Freiheit. Dabei verlaufen zwei digitale Gräben durch die deutsche Gesellschaft: Der erste Graben trennt die Digital Outsiders vom Rest der digitalen Gesellschaft. Digital Outsiders sind rund 27 Mio. Menschen, die komplett bis nahezu komplett ohne das Internet leben. Der zweite Graben trennt die Digital Natives von den Digital Immigrants und Digital Outsiders. Digital Natives sind ca. 29 Mio. Menschen, die das Internet als natürlichen Bestandteil ihrer Lebenswelt empfinden, während die etwa 14 Mio. Digital Immigrants zwar nicht in der digitalen Welt aufgewachsen sind, sich aber regelmäßig im Internet bewegen.

Im Rahmen der Untersuchung wurden in einer explorativen Phase 60 leitfadengestützte Interviews mit Vertretern unterschiedlicher sozialer Milieus in Deutschland geführt. In einer anschließenden Repräsentativ-Erhebung auf der Basis von 2.000 Personen ab 14 Jahren wurden die qualitativ gewonnenen Hypothesen überprüft und die Ergebnisse quantifiziert.

Bislang kamen somit die Menschen in ihrem Alltag und damit insbesondere in ihrer privaten Umgebung zu Wort. Dabei zeigte sich auch, dass sie sich zum großen Teil als Nutzer sehen, die Angebote wahrnehmen oder ablehnen und nur teilweise mitgestalten bzw. mitgestalten können. Die Bevölkerung lernt aus den Medien, wie andere über Medien denken, hört von Politikern, was in punkto Urheberrecht dringend entschieden werden müsste oder erfährt von Unternehmensvertretern, wo Daten abhanden gekommen sind und wer daran schuld ist. Auch am Arbeitsplatz existieren bestimmte Regeln oder eine vorgegebene Netiquette, was online zu erledigen ist und was nicht, welche Umgangsformen man online wahrt, was man darf und was nicht und welche technische Ausstattung überhaupt für notwendig erachtet wird.

Wer aber sind eigentlich die Menschen in den Unternehmen oder Organisationen, die darüber entscheiden, wie und ob digitale Infrastrukturen eingesetzt werden – und sei es nur dadurch, dass sie diese entsprechend bereitstellen, ihre Nutzung einschränken, unterstützen oder den „Online- Irrsinn“ komplett ignorieren? Wie denken Entscheider über Chancen und Risiken im Internet und setzen dies in ihrem Einflussbereich entsprechend um? Und wer sind die Menschen, die in der Öffentlichkeit zu Wort kommen?

Führungskräfte und gesellschaftliche Meinungsführer prägen in erheblichem Maße das öffentliche Klima in Bezug auf Verantwortungs- und Vertrauensfragen im Internet und bestimmen damit ein ganzes Stück weit mit, wie die Bevölkerung über das Internet denkt. Bislang wissen wir aber erstaunlicherweise nahezu nichts darüber, wie diejenigen über das Internet denken, die nicht nur mitspielen, sondern wesentlich die Spielregeln gestalten und die öffentlichen Meinungsbilder prägen.

Als Fortsetzung und komplementär zur Bevölkerungsbefragung konzipiert, lässt die DIVSI Entscheider-Studie Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Öffentlichem Dienst, Zivilgesellschaft, Medien sowie Wissenschaft und Forschung zu Wort kommen.

Die vorliegende Studie bietet erstmalig einen Überblick der digitalen Lebenswelten in der deutschen Entscheider-Landschaft (Kapitel 3) und beschreibt die grundlegenden Haltungen der Entscheider gegenüber dem Internet und ihre Anforderungen bezüglich Vertrauen und Sicherheit im Netz. Kapitel 4 fokussiert dabei diejenigen Themenbereiche und Aspekte, hinsichtlich derer unter den Entscheidern relativ große Einigkeit besteht. Kapitel 5 zeigt auf, welche Konflikte unter dieser Oberfläche lagern und macht damit deutlich, dass der Weg zu mehr Sicherheit und Vertrauen im Internet noch einige Etappenziele vor sich hat. Ein erster Schritt kann dabei sein aufzuzeigen, welche Gruppen sich hierin in welcher Weise positionieren.

Um Vertrauen im Umgang mit dem Internet zu schaffen, genügt es schließlich nicht, dass Entscheider wissen, was die Nutzer im Netz machen; die Nutzer sollten auch wissen, wie sich die Entscheider im Netz bewegen, welche Haltung sie gegenüber Chancen und Risiken einnehmen und nicht zuletzt, wie sie über die Nutzer und andere Entscheider denken und was sie von ihnen erwarten.