4.1 Es gibt kein Offline-Leben mehr

Die Entscheider sind mehrheitlich überzeugt, dass die Unterscheidung von online und offline bald obsolet sein wird: 64 Prozent sind der Meinung, dass es in der Zukunft nicht mehr möglich sein wird, komplett offline zu sein.

Diese Einschätzung basiert auf zwei wahrgenommenen Entwicklungen, die bereits in den Interviews der qualitativen Vorstudie genannt wurden:

  • Die Technologien werden sich so weit vereinfachen und ausdifferenzieren, dass die Nutzung verschiedener Geräte und ihrer Funktionen immer weniger digitales Grundlagenwissen, generelles Technikverständnis oder Feinmotorik voraussetzen. In Zukunft wird es für jeden Typus und jede Geschmacksrichtung die adäquaten Anwendungen geben, die den Menschen Zugänge zu vernetzten Informations- und Kommunikationssystemen eröffnen.
  • Das Phänomen des real existierenden Offliners wird sich von allein „auswachsen“, denn Menschen werden in Kürze nicht mehr „ins Internet gehen“, weil online ohnehin immer mehr Prozesse des Alltags gesteuert werden (z. B. die Navigationstechnik im Auto, die Bestückung des Supermarktregals, das Monitoring im Krankenhaus). Digitale Gräben werden somit von allein versanden, da alle in eine Online-Welt hineingeboren werden – d. h. sie werden zu Digital Natives, ohne sich dessen bewusst zu sein.

Aus Sicht der Entscheider befinden wir uns mitten in einem grundlegenden gesellschaftlichen Wandel, denn es geht längst nicht mehr um technologische Veränderungen, die sich allein auf die Effizienz von Arbeitsabläufen auswirken.

Ein Großteil der Entscheider hat im eigenen Arbeitsumfeld realisiert oder irgendwann akzeptiert, dass auch Unternehmen oder Organisationen, in denen keine digitalen Produkte oder Online-Dienstleistungen im Zentrum stehen, Teil einer „Internet-Wirtschaft“ sind. Die immer selbstverständlichere Nutzung von Online-Anwendungen entlang der kompletten Wertschöpfungskette bzw. in allen Phasen eines Projekts oder in der Organisation von Verwaltungsstrukturen hat zu einem Grad an Vernetzung geführt, der auch erhebliche Auswirkungen auf den Arbeitsalltag und das Verständnis des jeweiligen Berufsbilds hat:

  • Es entstehen neue erforderliche Kompetenzen zur Erfüllung eines Berufs (z. B. die schnelle Verzahnung von Wissenseinheiten, das flexible Einarbeiten in immer neue Themenfelder, die Gestaltung bzw. Bewertung der persönlichen oder institutionellen Internet-Präsenz, das flexible Agieren in globalen Kontexten); „klassische“ Kompetenzen werden immer weniger gebraucht oder haben sich wesentlich verändert (Ablage, Terminkoordination per Telefon).
  • Arbeits- und Berufsleben sind in vielen Bereichen immer schwerer voneinander zu trennen, denn die digitalen Anwendungen ermöglichen die Abwicklung von Projekten jenseits des Bürotisches. Daraus erwachsen neue Chancen (Home-Office, „Workation“), aber auch Herausforderungen (Abgrenzung des Privatlebens, Fehler durch Informationsüberlastung).

Die wesentlichen Veränderungen bewegen sich somit nicht nur im technischen und ökonomischen Bereich, sondern haben insbesondere kulturelle Implikationen, indem sie (neue) Arbeits-, aber auch Lebensstile prägen. Wurde zwar bereits vor mehr als 20 Jahren die Ablösung des industriellen Zeitalters durch ein – wie auch immer geartetes – Informationszeitalter verkündet, nimmt dieses nun dadurch immer konkretere Formen an, dass sich zunehmend Auswirkungen auf sozialer und kultureller Ebene manifestieren.

Die Digitalisierung wird zur Industrialisierung des 21. Jahrhunderts. Dies beinhaltet aus Sicht der Entscheider eine Veränderung von Selbstverständlichkeiten, d. h. vieles muss neu definiert und ausgehandelt werden. Manches kann eventuell gar nicht geregelt werden; es bleiben Ungewissheiten.

 „Also, ich glaube, dass das eigentlich nur eine Frage der Zeit ist, bis alle online sind. Und wenn ich mir überlege, dass ein iPad oder artverwandte Endgeräte so einfach sind, dass sie jeder benutzen kann, selbst mit gichtigen Fingern, da habe ich eigentlich schon das Gefühl, dass das auch die Teile der Gesellschaft revolutioniert, bei denen ich das vor zwei, drei Jahren nicht für möglich gehalten hätte.“

Antwort auf die Information, dass in Deutschland ca. 39 Prozent der Bevölkerung zu den Digital Outsiders gehören: „Ja, ja, das ist eine große Gruppe, aber die Neandertaler waren auch eine große Gruppe und die sind ja dann auch ausgestorben. Ich habe ehrlich gesagt überhaupt kein Verständnis für diese Gruppe. Wir können mit der nächsten Frage weitermachen.“