5.3 Auf wen und was kann man im Netz vertrauen?

Entscheider-Gruppen vertrauen dem Internet in unterschiedlichem Ausmaß

Wie Entscheider Sicherheitsbedürfnissen im Internet begegnen und welche Strategien sie empfehlen, hängt zunächst davon ab, welche Risiken sie selbst als relevant bewerten, denn nur Gefahren, die erkannt werden, können Beachtung finden. In den folgenden Übersichten ist als Vergleichsbasis die Gruppe der Wirtschaft angeführt, da sie die mit Abstand größte Gruppe in der Entscheider-Landschaft ist und sich ihre Risikobewertung durchgängig im mittleren Bereich bewegt.

Die Entscheider der Zivilgesellschaft sehen auffallend weniger Gefahren im Internet als alle anderen Entscheider-Gruppen. Insbesondere totale Transparenz, Massenmails oder eingeschränkte Zugänge zu eigenen Daten erscheinen ihnen kaum als Risiken im Netz.

Medien sowie Wissenschaft und Forschung betonen insbesondere soziale und kulturelle Risiken. Wissenschaft und Forschung sehen vor allem eine wachsende Informationsüberflutung und Marktkonzentration, während Medien – wie auch die politischen Entscheider – eine zunehmende Abhängigkeit von Online-Infrastrukturen und eine problematische Veränderung der politischen Kultur zu den Risiken zählen.

Bei der Einschätzung der Internet-Risiken gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Entscheider-Gruppen

Jenseits allgemeiner Risikowahrnehmung zeigen die Entscheider-Gruppen ein unterschiedliches Grundvertrauen gegenüber einzelnen Online-Anwendungen bzw. andere Handlungsmuster bei der Abwägung von Risiken und Nutzungsvorteilen.

So haben Entscheider in Wissenschaft und Forschung wesentlich umfangreichere Sicherheitsbedenken in Bezug auf konkrete Internet-Angebote als beispielsweise Entscheider in der Wirtschaft. Aktivitäten, die monetäre Transaktionen erfordern (Shopping, Auktionen, kostenpflichtige Downloads, Versicherungen und Finanzverträge), soziale Netzwerke und Sharing-Dienste (Cloud Computing, Filesharing, Bilder und Filme hochladen) oder auch der mobile Internet-Nutzung begegnen sie mit deutlich größerer Skepsis. Dennoch nutzen sie diese Möglichkeit häufiger als Entscheider in der Wirtschaft.

Entscheider aus Wissenschaft und Forschung haben fast durchgängig höhere Sicherheitsbedenken als Entscheider in der Wirtschaft

Lesebeispiel: Skype wird von Wissenschaft und Forschung (46 Prozent) im Vergleich zur Wirtschaft (43 Prozent) etwas häufiger genutzt (+3 Prozentpunkte); die Sicherheitsbedenken gegenüber Skype sind bei Wissenschaft und Forschung (47 Prozent) im Vergleich zur Wirtschaft (43 Prozent) etwas höher (+4 Prozentpunkte).

Politiker zeigen hingegen deutlich geringere Sicherheitsbedenken bei diversen Online-Aktivitäten als Akteure in der Wirtschaft. Gleichzeitig nutzen sie viele Möglichkeiten häufiger: Berufliche und private E-Mails schreiben Politiker nicht seltener als Unternehmensvertreter, sie sind sogar deutlich häufiger im Social Web unterwegs (62 Prozent vs. 41 Prozent), nutzen das mobile Internet häufiger (75 Prozent vs. 55 Prozent) und betreiben auch häufiger eine eigene Website (68 Prozent vs. 56 Prozent).

Entscheider in der Politik haben überwiegend geringere Sicherheitsbedenken als Entscheider in der Wirtschaft

Lesebeispiel: Skype wird von der Politik (36 Prozent) im Vergleich zur Wirtschaft (43 Prozent) weniger häufig genutzt (-7 Prozentpunkte); die Sicherheitsbedenken gegenüber Skype sind bei der Politik (29 Prozent) im Vergleich zur Wirtschaft (43 Prozent) geringer (-14 Prozentpunkte).

Institutionen-Vertrauen vs. Selbstvertrauen

Die Entscheider empfehlen unterschiedliche Strategien für mehr Sicherheit im Internet:

  • Bei politischen Entscheidern und im Öffentlichen Dienst – teilweise auch in der Zivilgesellschaft – ist das Institutionen-Vertrauen tendenziell stärker ausgeprägt als bei anderen Entscheidern. Diese Akteure vertrauen eher unabhängigen Institutionen (Zivilgesellschaft) und staatlichen Einrichtungen sowie dem deutschen Rechtssystem – nicht zuletzt, weil beispielsweise Politiker hier gleichzeitig ihre eigenen professionellen Gestaltungsräume sehen. Dennoch empfehlen auch Politiker, vor allem auf Bildung und Expertenmeinungen zu setzen. Ebenso sind eigene Erfahrungen hier von Bedeutung, allerdings deutlich weniger als bei anderen Entscheidern. Politiker lehnen stärker als andere Entscheider ein Versuch- und-Irrtum-Prinzip als Handlungsgrundlage im Internet ab.
  • Bei Wirtschaftsvertretern ist der Blick auf die unterschiedlichen Internet-Segmente innerhalb dieser Gruppe interessant: Vor allem Digital Souveräne vertrauen deutlich weniger auf unabhängige Institutionen, sondern setzen auf Bildung und eigene Erfahrungen. Besonders wenig Vertrauen bringen sie dem deutschen Rechtssystem entgegen (30 Prozent vs. 39 Prozent). Zudem zeigt sich, dass Verantwortung und Vertrauen bei Digital Souveränen unter den Wirtschaftsvertretern kaum relevante Kriterien für die Beurteilungen von Akteuren im Netz zu sein scheinen. Auch Unternehmen – selbst solchen mit gutem Ruf – vertrauen sie weniger als die Gesamtheit der Entscheider.
  • Entscheider aus Medien sowie Wissenschaft und Forschung setzen als Vertrauensbasis vor allem auf Erfahrungswissen, das durch Informationen von unabhängigen Institutionen, Experten (vor allem aus Sicht von Wissenschaft und Forschung), seriösen kommerziellen Dienstleistern sowie kundigen Nutzern bzw. dem Rat von Freunden gestützt wird. Das heißt, wenn die eigene Erfahrung nicht ausreicht, soll man denen vertrauen, die sich etwas besser auskennen. Vertrauen meint hier vor allem Personen-Vertrauen. Technische Sicherheitsvorkehrungen oder „der Staat“ sind weniger bedeutsam.

Die Verlässlichkeit von Akteuren im Internet wird von den Entscheider-Gruppen unterschiedlich eingeschätzt

 Die Medienkompetenz der Nutzer hat höchste Priorität

Den Nutzer und seine nötigen, aber offenbar fehlenden Kompetenzen haben alle Entscheider gleichsam im Blick. Vor allem aus der Sicht von Wissenschaft und Forschung sowie der Medien ist die Qualifizierung der Nutzer eines der dringlichsten Probleme mit Blick auf die Sicherheit im Internet; dies verdeutlicht auch ihr Muster der Verantwortungszuschreibung. Sie sehen zwar nahezu alle Akteure stärker in der Verantwortung als die Entscheider im Durchschnitt, der Bevölkerung wird mit 94 Prozent (Wissenschaft und Forschung) und 92 Prozent (Medien) jedoch die größte Verantwortung zugeschrieben.

Auch die qualitative Erhebung stützt diesen Befund, wie folgende Aussagen unterstreichen:

„Die Leute wissen nicht genug Bescheid über das Internet und diese Mechanismen. Da sind noch ganz klare Defizite. Und deswegen ist es wichtig, dass da, wo Menschen Bildung erfahren, Schule, Kindergarten usw., auch wirklich die Kompetenz vorhanden ist und entsprechend gebildet werden kann.“

„Also dass man sagt, okay, bevor ich zu Facebook gehe, sollte ich mir klar sein, wie mein Profil aussieht. Das heißt, man muss es eben schaffen, dass die Leute eine gewisse Skepsis dem Internet gegenüber haben und das auch gar nicht als Bedrohung sehen, sondern dass es einfach völlig normal ist, genauso wie ich nicht bei Rot über die Ampel gehe.“

„Und deswegen glaube ich, gibt es definitiv Bedarf. Vor allem Bedarf für die Aufklärung, weil das Medium noch immer für viele ein neues Medium ist und deshalb weitaus mehr Bedarf für Aufklärung besteht als beispielsweise in der Offlinewelt. Jeder kennt jetzt das Thema Haustürgeschäfte. Die Menschen brauchen bei dem Thema, zumindest die meisten Bürger, nicht mehr aufgeklärt werden. Im Internet sieht das noch anders aus.“

Vertreter aus Wissenschaft und Forschung sowie aus den Medien sind die Akteure, die ein ganzheitliches, systemisches Vertrauenskonzept verfolgen, zu dem alle Netz-Akteure (inklusive des Nutzers) ihren Beitrag leisten und wiederum von anderen profitieren. Vor allem im Vergleich zu den Entscheidern der Wirtschaft zeigt sich, dass sie nahezu allen Akteuren mehr Verantwortung zuschreiben.

Entscheider in den Medien schreiben den meisten Akteuren mehr Verantwortung zu als Entscheider in der Wirtschaft

Lesebeispiel: Die Medien bringen den Netzbetreibern/Providern (36 Prozent) im Vergleich zur Wirtschaft (37 Prozent) etwas weniger Vertrauen entgegen (-1 Prozentpunkt), weisen mit 89 Prozent Zustimmung den Netzbetreibern/Providern aber deutlich größere Verantwortung zu, als dies die Wirtschaft tut (79 Prozent) (+10 Prozentpunkte).

Im Vergleich zu Entscheidern der Wirtschaft sehen Wissenschaftler und Forscher bei politischen Entscheidern und öffentlichen Institutionen wesentlich höhere Verantwortung

Lesebeispiel: Die Wissenschaft hat zu den Netzbetreibern/Providern (41 Prozent) im Vergleich zur Wirtschaft (37 Prozent) etwas mehr Vertrauen (+4 Prozentpunkte) und weist mit 86 Prozent Zustimmung den Netzbetreibern/Providern auch eine größere Verantwortung zu, als dies die Wirtschaft tut (79 Prozent) (+7 Prozentpunkte).

Wirtschaft traut der Wirtschaft nicht; Politik sieht sich als vertrauenswürdiger an, als sie von anderen wahrgenommen wird

Die nähere Betrachtung einzelner Entscheider-Gruppen hat vor allem das Spannungsfeld von Wirtschaft und Politik fokussiert. Interessant ist dabei, dass innerhalb der Entscheider-Landschaft gerade diese beiden Akteure, d. h. sowohl Unternehmen als auch Politik, relativ geringes Vertrauen genießen; nur der Bevölkerung, den Parteien und den Medien vertrauen die Befragten noch weniger.

Betrachtet man innerhalb der befragten Entscheider die Politiker und Unternehmen im Vergleich, so zeigt sich ein deutlicher Unterschied in der Selbstwahrnehmung der Akteure. Während die Politiker der eigenen Gruppe zu 42 Prozent ihr Vertrauen aussprechen (vs. 29 Prozent in der Gesamtheit), so vertrauen Wirtschaftsvertreter dem eigenen Sektor genauso wenig wie die Gesamtheit der Entscheider. Ebenso zeigt der Blick auf die Internet-Segmente weitere Differenzierungen: Während Digital Outsiders unter den Wirtschaftsvertretern der Polizei, dem Verfassungsschutz und den Politikern deutlich mehr vertrauen als die Gesamtheit der Entscheider, schenken Digital Natives insbesondere der Polizei und den Politikern deutlich weniger Vertrauen. Die Digital Souveränen unter den Vertretern der Wirtschaft weichen sogar bei mehreren Akteuren um mehr als zehn Prozentpunkte von den Entscheidern insgesamt ab: Während beispielsweise 29 Prozent der Entscheider insgesamt politische Entscheider in punkto Internet-Sicherheit für vertrauenswürdig halten, stimmen dem nur 17 Prozent der Digitalen Souveränen unter der Wirtschaftsvertretern zu.

Die folgende Abbildung veranschaulicht zusammenfassend noch einmal das Verhältnis von Politik und Wirtschaft in Bezug auf die Zuordnung von Verantwortung und Vertrauen. Die Politik ordnet verschiedenen Entscheidern mehr Verantwortung zu, vertraut dabei aber vorrangig den ihnen professionell nahe liegenden Akteuren und Einrichtungen:

Die Politik vertraut vorwiegend den ihr nahestehenden Akteuren