Vorwort DIVSI Schirmherr Bundespräsident a. D. Prof. Dr. Roman Herzog

Vorwort des Schirmherrn

Prof. Dr. Roman Herzog, Schirmherr des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI)

Prof. Dr. Roman Herzog, Schirmherr des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI)

Als ich im November 2012 die Schirmherrschaft für DIVSI übernahm, habe ich anlässlich eines Senatsempfangs im Hamburger Rathaus einige aktuelle Fragen angesprochen, die sich durch das Internet für uns ergeben. Ich habe damals auch auf die positiven Möglichkeiten des digitalen Zeitalters hingewiesen, die jedoch nur zum Wohle aller ausgeschöpft werden können, wenn die noch offenen Punkte gelöst werden.

Mir scheint dabei, dass die Experten die rein technische Seite sehr gut im Griff haben, auch wenn es sicherlich immer noch Neues, Überraschendes geben wird.Welche offenen Fragestellungen bleiben also? Dazu habe ich bereits im Hamburger Rathaus Stellung bezogen. Ich selbst muss wohl – meinem Lebenslauf entsprechend – von den sich aufdrängenden verfassungsrechtlichen Fragen ausgehen. Nicht, weil ich der Meinung wäre, dass ausgerechnet Rechtsfragen im Zentrum unserer Problematik lägen. Aber meine Erfahrungen haben mich gelehrt, dass man den ethischen Fragen, die sich uns heute stellen, sehr gut beikommt, wenn man den Blick immer wieder vergleichend über die verfassungsrechtliche Nachbarschaft schweifen lässt.

Ich meine, dass in unserem digitalen Zeitalter Fragen der Ethik einen zunehmend größer werdenden Raum einnehmen. Fragen, an die zu Beginn des Internet-Zeitalters wohl kaum jemand gedacht hat.

Eine der Aufgaben des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet liegt darin, Fakten und Hintergründe auf wissenschaftlich gesicherter Basis zu liefern. Im Idealfall initiiert das Institut daher interdisziplinäre Diskussionen, deren Ergebnisse letztlich ein gemeinsames Ziel haben sollten: Dafür Sorge zu tragen, dass die positiven Chancen des Internets von jedem bequem und ohne Angst genutzt werden können.

Die hier vorgelegte Entscheider-Studie gibt fraglos Denkanstöße in verschiedene Richtungen. Sie ermuntert auch, über soziale und ethische Fragen aus gänzlich neuen Blickwinkeln nachzudenken. Erstmals und in bislang nicht gekannter Klarheit lässt sich aus den Ergebnissen ein möglicher gesellschaftspolitischer Umbruch ablesen. Für mich eine der wesentlichen Erkenntnisse dieser Entscheider-Studie.

Mich hat folgendes Ergebnis der sorgfältigen Untersuchung äußerst nachdenklich gestimmt: Die Digital Souveränen unter den Entscheidern, also die nachwachsende Elite unseres Landes, hat im Vergleich zu anderen Teilnehmern der Studie das geringste Vertrauen in das politische System, ja sogar in unseren Rechtsstaat selbst. Hier könnten Entwicklungen zu einem Abrücken vom Rechtsstaat und vom Staat gegebenen Garantien im Gange sein.

Was bedeutet das für unser Land und für unser aller Zukunft? Die Gruppe der Digital Souveränen ist immerhin die Avantgarde unter den Führungskräften. Steuern wir durch diesen natürlichen Prozess womöglich einer allgemeinen Vertrauenskrise entgegen?

Ich will über diese offengelegte Tendenz nicht weiter philosophieren, sondern einfach davor warnen, sie leichtfertig zu ignorieren. Eine mögliche Entwicklung zu erkennen und zu benennen, ist immer nur der erste Schritt. Wir brauchen Vertrauen in unser politisches System, unseren Staat. Ich empfehle den Verantwortlichen, die Erkenntnisse der Studie ernst zu nehmen.

Noch etwas anderes glaube ich aus der Studie zu erkennen: Die Tonalität, der wechselseitige Umgang, das Vertrauen zueinander scheint mir zunehmend belastet. Da werden Verantwortlichkeiten und Schwarze Peter hin- und hergeschoben, da traut man – besonders den Politikern – wenig zu. Da wer- den Internet-Unkundige mit Neandertalern verglichen.

Ich würde mir wünschen, statt dessen das Miteinander, das Menschliche mehr in den Fokus zu rücken. Auch und gerade im Zeitalter des Internets. Um das Vertrauen ins Internet, in die mit ihm eröffneten Chancen und Möglichkeiten nicht zu verspielen, brauchen wir eine breite Diskussion darüber, welche verbindlichen Spielregeln hier gelten sollen. Wir brauchen Leitplanken, die uns auf dem richtigen Weg halten. Ein digitaler Kodex, von allen Verantwortlichen getragen, könnte ein Weg dahin sein.

Auf jeden Fall ist die Entscheider-Studie, ganz im Sinne von DIVSI, bestens dazu geeignet, neue Diskussionen in Gang zu bringen. Wissenschaftlich fundiert liegen wichtige Fragen unserer Zeit auf dem Tisch. Gehen wir es an – finden wir Antworten!