3.3.1 Digitale Souveräne

Digital Souveräne sind mit 22 Prozent neben den Sicherheitsbedachten Postmateriellen (ebenfalls 22 Prozent) das größte Internet-Milieu innerhalb der Entscheider. Sie sind die digitale Avantgarde, die Individualismus und Unabhängigkeit als Ausgangspunkte ihres Denkens und Handelns sieht.

Digital Souveräne (22 Prozent): Soziodemografie

Geschlecht und Alter
  • Jüngere Altersgruppen, Ø 44 Jahre
  • Verteilung von Männern und Frauen wie in der Grundgesamtheit
Bildung
  • Verteilung der Bildungsabschlüsse wie in der Grundgesamtheit
  • 45% haben einen Hochschulabschluss, 9% sind promoviert
Ausbildungsgebiet/Berufe
  • Wirtschaftswissenschaftliche (21%, gesamt 17%) und kommunikationswissenschaftliche Ausbildungen (6%, gesamt 3%) leicht überrepräsentiert
  • Ingenieurwissenschaftliche Ausbildungen unterdurchschnittlich vertreten (6%, gesamt 12%)
Berufsgruppe
  • Überwiegend Leitende Angestellte (69%, gesamt 56%)
  • Freie Berufe unterdurchschnittlich (9%, gesamt 17%)
Entscheidungskompetenz
  • 45% arbeiten in der Funktion Abteilungsleiter oder Prokurist
  • (gesamt 36%)
Unternehmensgrößen
  • Überdurchschnittlich beschäftigt in kleineren und mittelständischen Betrieben:
    20 – 49 Beschäftigte (17%, gesamt 12%)
    100 – 249 Beschäftigte (16%, gesamt 13%)
Einkommen
  • Untere Einkommensklassen innerhalb der Entscheider- Gesamtheit:
    39% haben ein jährliches Bruttoeinkommen zwischen
    40.000 und 60.000 Euro (gesamt 30%)

Lebenswelt

Digital Souveräne sind junge Individualisten, die sich im Beruf gern auf kreative Weise verwirklichen. Sie sind adaptiv und flexibel, wenn es darum geht, sich in neue Situationen und Unternehmensstrukturen einzufügen, haben aber durchaus ihren eigenen Kopf, möchten Ideen umsetzen und dabei auch manches anders machen und neu denken. Sie haben nicht das Karriereziel „oben ankommen“, sondern möchten sich vor allem weiterentwickeln und immer wieder neue Herausforderungen suchen. Aktuell befinden sie sich überwiegend noch am Beginn ihrer Karriere und haben erst seit einigen Jahren eine Führungsposition inne. Digital Souveräne sind geografisch und mental mobil, denken in globalen Dimensionen und zeigen sich dabei liberal und weltoffen. Das Internet bietet ihnen vor diesem Hintergrund die Möglichkeiten, unabhängig von Zeit und Raum Neues zu entdecken, sich umfassend zu vernetzen und zu vermarkten. Das Internet ist für sie ein omnipräsenter Optionen-Pool, der auch Quelle für neue Geschäftsmodelle und -ideen sein kann – sei es in Bezug auf Produkte und Dienstleistungen oder hinsichtlich des Kunden- und Partner-Netzwerkes.

Internet-Nutzung

Für mehr als drei Viertel der Digital Souveränen ist ein Leben ohne Internet nicht vorstellbar. Sie haben das Internet selbstverständlich in ihren Alltag eingebunden. Fast alle (97 Prozent) nutzen das Internet täglich. Sie verfügen dabei auch über eine sehr gute technische Ausstattung.

Digital Souveräne sind selbsternannte Alleskönner im Umgang mit dem Internet. Keine andere Gruppe schreibt sich derart selbstsicher eine ähnlich hohe IT-Kompetenz zu (Mittelwert von 4,9 auf einer sechsstufigen Antwortskala; 6 = Experte). Ihre Online-Expertise eignen sie sich überwiegend selbst an und vertreten die Meinung, dass sich die meisten Funktionen ohnehin intuitiv erschließen. Sie probieren dabei gern Neues (neue Geräte, neue Gadgets, neue Apps) und tauschen sich darüber im Bekanntenkreis aus. Digitale Entdeckungen sind ein beliebtes Small-Talk-Thema.

Auch im Beruf möchten Digital Souveräne auf diese technischen Möglichkeiten nicht verzichten und erwarten eine entsprechende Ausstattung des Arbeitsplatzes, denn digitale Kommunikationswege sind für sie die Grundlage der alltäglichen Arbeitsprozesse. Das Internet ist auch die Basis für Recherchen, zur Ideenfindung und zum kurzfristigen Auffüllen von Wissenslücken – z. B. wenn man sich in ein neues Thema oder ein Projekt einarbeitet. Webseiten gelten als verlässliche Informationsquellen, Wikipedia quasi schon als Brockhaus unter den Nachschlage-Optionen.

Digital Souveräne möchten an dem teilhaben, was im Internet passiert, und nutzen viele Online- Angebote im Vergleich zu anderen Entscheidern überdurchschnittlich häufig, z. B. Cloud Computing (40 vs. 24 Prozent in der Gesamtheit der Entscheider). Auch in sozialen Netzwerken sind die Digital Souveränen sehr stark vertreten (73 vs. 47 Prozent). Bedenken, private Daten ins Internet einzustellen, sind nur gering ausgeprägt und private wie berufliche Kontakte werden über die Plattformen gleichermaßen gepflegt, zumal sich Erwerbs- und Privatleben bei den Digital Souveränen auch häufig gegenseitig durchdringen. Private Kontakte liefern Informationen für berufliche Zwecke und umgekehrt; das persönliche Netzwerk hat man entsprechend strukturiert und weiß, wen man für was anfragen könnte und welche privaten Kontakte man nutzen sollte, um das geschäftliche Netzwerk auszubauen. Dieser zunehmend fließende Übergang zwischen Beruflichem und Privatem, insbesondere auch auf sozialer Ebene, ist eine generelle gesellschaftliche Entwicklung, die sich in dieser Gruppe besonders deutlich zeigt. Damit verbunden ist eine – zumindest theoretisch und technisch mögliche – kontinuierliche Erreichbarkeit. 87 Prozent (gesamt 60 Prozent) nutzen ein internetfähiges Smartphone, mit dem sie jederzeit auf E-Mails zugreifen können. Es ist den Digital Souveränen wichtig, diese Möglichkeit zu haben und flexibel in Projekten (re)agieren zu können, ohne dabei im Büro sitzen zu müssen – gern arbeitet man auch einmal „eine Woche von New York aus“.

Entscheider aus dem Internet-Milieu der Digital Souveränen legen viel Wert auf einen professionellen Auftritt im Netz. Die ansprechende Gestaltung von Websites und Online-Printprodukten ist ihnen besonders wichtig – eine „altbackene“ digitale Ästhetik fällt ihnen entsprechend negativ auf. Sie betrachten die Website eines Unternehmens daher als wichtiges Aushängeschild und als zentrale Facette der Außendarstellung. Auch gekonnte Auftritte im Bereich Social Media sollten aus ihrer Sicht dazugehören. Häufig haben gerade die Digital Souveränen unter den Führungskräften den Facebook-Auftritt ihres Unternehmens angeregt und auf den Weg gebracht.

Digital Souveräne: Typische Aussagen

Digital Souveräne: Typische Aussagen

Einstellungen zu Datensicherheit und Datenschutz

Digital Souveräne sind wenig besorgt hinsichtlich Datensicherheit und Datenschutz, da sie auf ihr eigenes Know-How vertrauen. Sie fühlen sich in der Lage, Sicherheitsrisiken im Internet richtig einzuordnen und entsprechend zu reagieren. Das Internet sehen sie vor allem als Chance und weniger als Risiko (Mittelwert von 9,2 auf einer Skala von 0 bis 10; 10 = „bietet vor allem Chancen“). 65 Prozent der diesem Milieu Zugehörigen sind der Meinung, dass wir uns ohnehin an einen freieren Umgang mit Daten im Internet gewöhnen müssen (gesamt 60 Prozent). Dabei liegt die Hauptverantwortung beim Nutzer, dem von diesem Internet-Milieu kaum Schutzbedürftigkeit zugesprochen wird.

Mehr als die Hälfte der Digital Souveränen sieht das Internet insgesamt als freies Medium an, welches unter keinen Umständen reglementiert werden sollte. Für sie ist längst Realität, dass man das Netz ohnehin nicht kontrollieren kann; sie halten es für einen Irrglauben, in globalen Kontexten nationale Grenzen und Verbote einziehen zu können. Entsprechend sehen sie auch die Rolle des Staates als äußerst begrenzt. An rechtliche Rahmenregelungen und Gesetze als Basis für Freiheit im Netz glauben sie deutlich weniger als die anderen Entscheider.

Der Staat ist aus ihrer Sicht nicht nur hilflos, sondern sogar ein Risiko, wenn sie eine Überregulierung durch staatliche Kontrolle als Bedrohung sehen. Zwar sehen auch Digital Souveräne Risiken im Internet vor allem durch Hacker verursacht, allerdings nehmen sie große globale Internet-Dienstleister wie z. B. Google oder Facebook (66 Prozent, gesamt 73 Prozent) und auch unbedachte Nutzer (65 Prozent, gesamt 73 Prozent) weniger als Bedrohung wahr als die Gesamtheit der Entscheider; im Gegenzug schreiben sie den staatlichen Sicherheitsbehörden mehr Risikopotenzial zu (36 Prozent, gesamt 29 Prozent) und haben ein deutlich geringeres Vertrauen in das deutsche Rechtssystem (32 Prozent, gesamt 39 Prozent) oder politische Entscheider (22 Prozent vs. 29 Prozent).

Interessanterweise scheint die Kategorie „Vertrauen“ für die Digital Souveränen unter den Entscheidern insgesamt weniger relevant zu sein, denn sie sprechen allen Akteuren weniger Vertrauen zu als andere Entscheider. Besonders wichtig sind aus ihrer Sicht eigene Erfahrung, Meinungen von Experten – die man hoffentlich im eigenen Netzwerk hat – und Bildung.

Sie haben eine eher nüchterne Haltung gegenüber den verschiedenen Playern im Netz. Dies betrifft nicht nur Institutionen. Sie halten auch Unternehmen nicht unbedingt für vertrauenswürdig, da ihnen bewusst ist, dass Unternehmen gewinnorientiert arbeiten und Vertrauen bewusst als Kapitalform einsetzen. Ein „Unternehmen mit gutem Ruf“ ist für sie daher nicht gleichzeitig ein Hinweis für Vertrauenswürdigkeit.