Beteiligung 2.0 – Gibt es sie wirklich?

Warum sollte das Internet einen Einfluss auf die Beteiligung der Menschen an sozialen Interaktionen und Entscheidungsprozessen haben? Schon früh begannen Autoren auf die Beteiligungschancen und -potenziale hinzuweisen, die das Internet breiten Bevölkerungsschichten eröffnet (White, 1997; Davis, 1999; Hacker, 1996). Im Vordergrund stand dabei die Überzeugung, das Internet erleichtere vor allem den Zugang zu vielfältigen und reichhaltigen Informationen – und leiste so einen Beitrag zu einer informierten, aufgeklärten und motivierten Öffentlichkeit.

Schnell wurde jedoch auch darauf hingewiesen, dass das Internet aufgrund seiner Reichhaltigkeit die Menschen von einer Beteiligung ablenken könne (Putnam 1995), dass neue digitale Formen der Beteiligung bisherige Formen einfach ersetzen könnten, oder dass der vermeintlich breite Online-Zugang zu Informationen keinesfalls von allen Nutzern gleichermassen genutzt werde (Hargittai, 2010). Die Hoffnung auf eine partizipative Wirkung des Internets bekam dann aber erneut Schwung – ein Schwung, der vor allem auf die technologischen Entwicklungen zurückgeführt werden kann, die mit dem Begriff „Web 2.0“ und Soziale Medien verbunden sind.

Ermöglichte des Internet 1.0 den Zugang zu einer zuvor nicht gekannten Breite an Informationen und Quellen, so schuf das Web 2.0 einen beispiellosen Zugang zur selbständigen Veröffentlichung von Informationen (O’Reilly, 2006). Soziale Medien machen es kinderleicht, Texte, Fotos, Tondateien und Videos im Internet zu veröffentlichen. Jeder Nutzer kann sich mit wenigen Klicks eine eigene Präsenz im Netz aufbauen, eine Plattform, über die eigene Gedanken, Analysen und Meinungen dem Netz und damit der Welt mitgeteilt werden können (boyd & Ellison, 2007). Auf Basis dieser Plattformen verbinden sich die Nutzer miteinander, knüpfen Netzwerke und bauen Gemeinschaften auf. Die Nutzung des Internets wurde damit „sozialer“. Gerne ist darum auch vom „Mitmach-Netz“ die Rede.

Die Beteiligung steckt somit in der DNA des Web 2.0, sie ist sein Definitionsmerkmal. Doch was heißt Beteiligung oder Mitmachen im Netz eigentlich genau? Woran beteiligen sich die Nutzer, welche Nutzer beteiligen sich, und welche Formen nimmt diese Beteiligung an? Die Online-Beteiligung ist ein noch junges Phänomen. Vieles ist daher heute noch unklar – die Forschung zur Beteiligung im Netz steckt noch in den Kinderschuhen. Die DIVSI-Milieu-Studie (2012) konnte zeigen, dass nach wie vor Nutzungsgräben die deutsche Internet-Bevölkerung durchziehen – wichtiger als der technische Zugang zum Netz sind dabei jedoch die Einstellungen und Mentalitäten der Nutzer, ihr Selbstbewusstsein, Vertrauen oder ihre Sicherheitssorgen. Im digitalen Deutschland gibt es noch zahlreiche Nichtnutzer, aber auch skeptische und zurückhaltende Netzbürger („Digital Outsiders“).

Ist es also zu früh davon auszugehen, dass die neuen Medien unsere Gesellschaften verändern? Spektakuläre Einzelbeispiele – vom Wahlkampf Präsident Obamas bis zu Twitter- und Facebook-Revolutionen im arabischen Frühling – lassen utopische Hoffnungen aufkeimen. Doch völlig unbegründet sind viele dieser Hoffnungen nicht. Neue Medien verändern stets die Art, wie Gesellschaften kommunizieren, und damit wie sie funktionieren. Neue Medien hinterlassen also immer soziale Spuren. Das wird auch im Fall des Internets und Web 2.0 nicht anders sein. Besonders spannend sind dabei meist nicht die medientechnologischen Veränderungen, sondern die gesellschaftlichen. Die Frage lautet also nicht: Facebook oder Twitter? Sondern: Wie verändern sich aufgrund medialer Möglichkeiten die Einstellungen und Gewohnheiten der Menschen?

Deutlich wird schon heute, dass die Menschen Soziale Medien verwenden, um Kontakte zu Gleichgesinnten zu knüpfen und Gemeinschaften zu bilden – mehr oder minder dauerhafte (Woodly, 2007; Steinfield et al., 2008; Gil de Zuniga et al., 2010). In diesen Gemeinschaften werden nicht selten gemeinsame Anliegen formuliert und gemeinsame Aktionen koordiniert (Wilson & Peterson, 2002). Der Austausch in Online-Netzwerken generiert für die Teilnehmenden also Vorteile, die auch als „Sozialkapital“ beschrieben werden (Ellison et al., 2007; Adler & Kwon, 2000; Putnam, 1995). Dieses Sozial- kapital kann innerhalb von Gemeinschaften entstehen, aber auch indem sich diese Gemeinschaften formieren und nach aussen engagieren. Soziale Medien bieten vielfältige Plattformen der Interessenformulierung, sie erleichtern eine Beteiligung am öffentlichen Agenda Setting (Foot & Schneider, 2002; Towner & Dulio, 2011; Wattal et al., 2010).

Ob diese Beobachtungen Anlass zu utopischen Hoffnungen geben, kann jedoch mit Fug und Recht bezweifelt werden. Soziale Medien können zu einer Fragmentierung der Öffentlichkeit führen, wenn jede Interessengruppe ihr eigenes Medienbiotop etabliert (Bennet & Iyengar, 2008). Soziale Entkoppelungen und Polarisierungen können die Folge sein (Scheufele et al., 2006; Woodly, 2007; Nie et al., 2010). Etablierte soziale Institutionen könnten ins Wanken geraten, wenn Menschen dauerhafte Formen des Engagements zunehmend vermeiden (Dahlgren, 2005). Die Online-Formen der Beteiligung schaffen nicht in jedem Fall den Sprung in die Offline-Welt und können sich in einem bloßen „Clicktivism“ oder „Slacktivism“ erschöpfen (Morozov, 2009). Eine sehr ungleich verteilte Beteiligungsaktivität kann dazu führen, dass wenige sehr gut Vernetzte den Online-Diskurs monopolisieren (Van Deursen & Van Dijk, 2010; Brandtweiner et al., 2010). Auch in Deutschland zeichnen sich Bürger mit einem hohen sozio-ökonomischen Status eher durch einen offensiven und strategischen Umgang mit den neuen Medien aus (DIVSI, 2013a).

Es zeigt sich: Das Forschungsfeld der Beteiligung im Internet ist nicht nur jung, es ist auch sehr breit und komplex – manchmal erscheint es gar widersprüchlich. In der Überzeugung, dass neue Medien das Gesicht einer Gesellschaft prägen und das Verhalten der Bürger beeinflussen, will das DIVSI-Forschungsprogramm „Beteiligung im Netz“ einen wissenschaftlich fundierten Beitrag zum öffentlichen Diskurs rund um die Netz-Beteiligung leisten. Dabei soll Licht auf die Voraussetzungen, Formen und Folgen der Online-Beteiligung gerichtet werden.