Was sind Voraussetzungen der Online-Beteiligung in der Politik?

Eine Reihe von Studien im Bereich der politischen Beteiligung zeigt, dass die Möglichkeiten einer aktiven Nutzung des Internets in der Bevölkerung sehr ungleich genutzt werden – es entsteht eine Art „Beteiligungsspaltung“ oder ein „Beteiligungsgraben“ (engl. „participation divide“) (Hargittai & Walejko, 2008). Diese Spaltung verläuft entlang soziodemographischer Trennlinien, wie Alter, Geschlecht und Status. Nicht alle Bürger beteiligen sich also mit gleicher Wahrscheinlichkeit und Häufigkeit – ein Befund, der sowohl für die Online- wie auch die Offline-Welt zutrifft. Demographische Eigenschaften erweisen sich als hilfreich, um politisches Interesse und Beteiligung zu prognostizieren (Best & Krueger, 2005). Di Gennaro und Dutton (2006) zeigen am Beispiel Großbritanniens, dass es große Überschneidungen zwischen den offline und online politisch Beteiligten gibt – jedoch keine völlige Deckungsgleichheit. Kaufhold et al. (2010) zeigen, dass Personen, die sich online engagieren, parteiischer sind und weniger Vertrauen in klassische Medien haben, als die offline Beteiligten.

Die Unterschiede nach Bildung sind gemäß aktuellen Studien beträchtlich: In den USA reicht die politische Beteiligung von 10 % bei Personen ohne Schulabschluss bis zu 50% bei College-Abgängern (Smith, 2013). Auch in Bezug auf Alter und Einkommen sind große Unterschiede zu vermerken. In der Gruppe der 18-24-Jährigen beteiligen sich in den Vereinigten Staaten immerhin 44% politisch im Internet, während es bei der Gruppe 65+ gerade mal die Hälfte ist, also 22%. Ähnliche Tendenzen sind festzustellen, wenn die politische Beteiligung in Sozialen Netzwerken, wie Facebook, betrachtet wird. Auch hier spielen Alter und Bildung eine große Rolle: Während von den Personen ohne Schulabschluss nur 23% politisch aktiv sind, ist es unter den College-Absolventen mehr als die Hälfte (51%).

Wie in den USA gibt es auch in Deutschland große Unterschiede zwischen verschiedenen sozialen Milieus. Jüngere Altersgruppen engagieren sich überdurchschnittlich stark online, ältere dafür offline. Besonders die jüngeren politisch Interessierten (16-29 Jahre alt) verbinden aber immer wieder auch das Online- und Offline-Engagement. Von einer Verdrängung der Offline-Beteiligung durch Online-Beteiligung kann also nicht die Rede sein. Vielmehr findet eine Ergänzung statt. Die relativ kleine Gruppe der „Political Net Activists“ ist dabei in der Tendenz eher männlich, jung, gut gebildet und gut verdienend (Köcher & Bruttel, 2011, S. 50). Es bestätigen sich also die Befunde zur politischen Partizipation außerhalb des Netzes wie auch der Internetnutzung im Allgemeinen (DIVSI, 2012).

Internetbasierte Beteiligungsplattform "AVAAZ"

Beispiel 5: Über die internetbasierte Beteiligungsplattform „AVAAZ“ werden weltweit politische Kampagnen organisiert. Es handelt sich aktuell um das größte und einflussreichste Netz von Online-Aktivisten – welche vor allem jungen Alters sind.

Neben demographischen Faktoren wurden auch Aspekte wie politisches Interesse, politische Selbstwirksamkeit (d.h. der Glaube an die eigene Fähigkeit, politisch etwas zu bewegen) und politisches Wissen als Treiber der politischen Online-Beteiligung untersucht. Besonders das politische Interesse und die politische Selbstwirksamkeit spielen demnach eine wichtige Rolle (Albrecht, 2006; Conroy et al., 2012; Jugert et al., 2013; Kenski & Stroud, 2006; Krueger, 2002; Spaiser, 2012; Xenos & Moy, 2007; Zavestoski et al., 2011). Laut einer Studie von Best und Krueger (2005) sind jedoch vor allem digitale Kompetenzen ausschlaggebend für die politische Online-Beteiligung, während zivilgesellschaftliche und politische Kompetenzen eine eher geringe Rolle spielen. Dieser Befund trifft offenkundig auf die Offline-Beteiligung nicht zu, hier sind digitale Kompetenzen kaum relevant, während zivilgesellschaftliche und politische Kompetenzen einen starken Einfluss ausüben. Der Kontext der Beteiligung macht also spezifische Voraussetzungen notwendig.

Vertrauen ist ebenfalls eine wichtige Bedingung der Beteiligung (Uslaner, 2004). Besonders bei neuen technologischen Anwendungen ist fehlendes Vertrauen seitens der Nutzer ein zentrales Beteiligungshindernis. Dies trifft z. B. auf E-Voting und Online-Abstimmungen zu, das sich zwar 50% der Deutschen vorstellen können (DIVSI, 2013b), aber dennoch erhebliche Bedenken hervorruft (Carter & Belanger, 2012). Vertrauen spielt auch eine wichtige Rolle in Hinblick auf Sorgen vor Überwachung und staatlicher Kontrolle, z. B. im Falle von Anti-Regierungsprotesten (Earl, 2012; Krueger, 2005; Mercea, 2011). Allerdings verlaufen diese Effekte nicht immer in die erwartete Richtung. Krueger (2005) zeigt etwa, dass sich in den USA Personen mit von der Mehrheit abweichenden Meinungen eher politisch beteiligen, wenn sie das Gefühl haben, sie werden von der Regierung überwacht. Bei Personen, die gleicher Meinung sind wie die Regierung hat die wahrgenommene Überwachungssituation dagegen keinen Einfluss auf die politische Beteiligung im Internet.

Trotz der Breite der hier beschriebenen Erkenntnisse besteht noch immer ein erheblicher Forschungsbedarf im Bereich der Online-Beteiligung in der Politik. Es fehlt insbesondere an ganzheitlichen, theoretisch fundierten Ansätzen, die Aspekte wie Lebensstile, Habitus, soziale Milieus oder politische Sozialisation berücksichtigen (vgl. Jugert et al., 2013; Spaiser, 2012). Auch eine Kombination verschiedener Untersuchungsmethoden und Datenquellen findet bislang nur selten statt. Empirische Untersuchungen gleichen oft einem Flickenteppich aus sehr spezifischen Fragen, die noch zu wenig aufeinander Bezug nehmen. Ferner berücksichtigen bisher nur wenige Studien (sozial)psychologische Charakteristika, wie Extraversion oder Sozialität. Eine interessante Ausnahme bildet eine Studie von Evans und Ulbig (2012): Die Autoren deuten an, dass für die politische Beteiligung im Internet die Sozialität eine noch stärkere Rolle spielt als offline. Auffällig ist auch, dass sich viele Studien auf junge Bürger fokussieren, aber ältere Bevölkerungsschichten vernachlässigen. Laut einer kulturübergreifenden Studie von Xie und Jaeger (2008) aus den USA und China sind ältere Menschen – selbst wenn sie Zugang zum Internet haben – sehr skeptisch gegenüber Partizipationsangeboten im Internet. Dies sei auch ein Grund, warum viele E-Government-Angebote scheitern. Ein fast gänzlich unerforschtes Thema ist derzeit die politische Beteiligung über mobile Applikationen. Weder in der englischsprachigen noch in der deutschsprachigen Literatur finden sich substantielle Untersuchungen zu diesem Thema.