Was heißt Online-Beteiligung in der Kultur?

Beteiligung im Bereich der Kultur ist häufig mit produktivem Engagement verbunden: Die Beteiligten erzeugen etwas, jedoch nicht primär zu kommerziellen Zwecken (Ryu et al., 2009). Unklar ist auch weitgehend, wie dieses „Etwas“ abzugrenzen ist: Manche Autoren betrachten schon das Hervorbringen von Bedeutung, Verständnis oder Einsicht als einen kreativen Akt (Deuze, 2006). Ohnehin ist Kreativität ein zentrales Element der Beteiligung in der Kultur. Im Internet stehen dabei die medial erstellten und vermittelten Inhalte im Vordergrund. Im einfachsten Fall kann schon eine Konversation Ausdruck der Beteiligung sein. Aus diesem Grund befassen sich zahlreiche Studien in diesem Bereich mit Online-Communities, also Interessen- und Diskussionsgruppen, die sich online zu kulturellen Themen im weiteren Sinne austauschen.

Online-Communities für Austausch zu kulturellen Themen: "Goodreads"

Beispiel 11: Die Online-Community „Goodreads“ dient dem Austausch von Lektüre-Tipps. Nutzer können Bücher suchen, Buchrezensionen veröffentlichen, sich mit anderen Lesern austauschen und virutellen Lesezirkeln beitreten.

Vor allem die Sozialen Medien lassen kreative Prozesse in den Vordergrund treten, welche die Bearbeitung oder Dekonstruktion von Bestehendem, die Kombination und das neu Zusammenfügen von Elementen zum Gegenstand haben (Deuze, 2006). Basteln, Verbinden, die so genannte „bricolage“ wird vor allem dadurch möglich, dass Soziale Plattformen das Teilen von Inhalten (Ton, Bild, Video) enorm vereinfachen. Dies erklärt auch, warum die Frage des geistigen Eigentums in der digitalen Sphäre besonders umstritten ist: Ist die Dekonstruktion und neuartige Zusammenstellung verschiedener Melodien und/oder Bilder ein Akt der Piraterie oder ein kreatives Erzeugnis von kulturellem Eigenwert? Zahlreiche Autoren im vorliegenden Forschungsbereich der Beteiligung im Netz schätzen den Wert einer „Ermächtigung“ der Nutzer und die dadurch möglichen gemeinschaftlichen Erzeugungsprozesse. Kultur im Netz, das soll vor allem sozial und „bottom up“ sein (Castells, 2001).

Gemeinschaftliche Erzeugungsprozesse im Internet: Social Media-Kunstprojekt "Masterpiece 2.0"

Beispiel 12: Das Social Media-Kunstprojekt „Masterpiece 2.0“ entstand aus der Interaktion zwischen einem Künstler und den Besuchern seiner Website. Der Künstler bemalte eine mehrschichtige Leinwand, die Besucher leiteten ihn dabei an. So entstand Kunst basierend auf den Interaktionsprinzipien der Sozialen Medien.

Wenngleich die kreative Beteiligung ein Herzstück der Online-Kultur ist (Cook et al., 2009), streichen einige Analysen auch die Bedeutung unterstützender Aktivitäten hervor: Das Netz fördert den Austausch von Information und Erfahrung und erleichtert auf diese Weise die Entfaltung kreativer Energien. Ein Beispiel hierfür sind etwa Online-Communities, die sich mit Instrumenten bzw. Software-Angeboten der Musikerzeugung befassen. Aus der Beteiligung in diesen Communities werden zahlreiche kreative Akte erst ermöglicht. Auch eine moderierende Rolle in solchen Foren stellt demnach eine Form der Beteiligung im Netz dar.

Online-Beteiligung in der Kultur schließt eine enorme Bandbreite inhaltlicher Objekte ein. Musik, Film, Philosophie, Religion, Formen des Identitätsausdrucks, einschließlich der Fanultur gehören zu den Gegenständen der Forschung. Gleichfalls werden unterschiedliche Arten der Internetnutzung betrachtet. Unterhaltung, Information und Austausch können Motive der Beteiligung sein (Ryu et al., 2009; Grace-Farfaglia et al., 2006). Einige Studien übertragen daher etablierte Theorien der Mediennutzung, wie etwa „Uses and Gratifications“ (dt.: „Nutzen- und Belohnungsansatz“), auf die Online-Beteiligung in der Kultur, da diese ja unmittelbar mit einer Mediennutzung verbunden ist. Dieser Ansatz beruht auf der Annahme, dass Medien genutzt werden, um ein spezifisches Bedürfnis zu befriedigen – und differenziert diese Bedürfnisse.

Da die Erzeugung von Bedeutungen eine große Rolle im Rahmen der Beteiligung in der Kultur spielt, stehen besonders häufig Motive der Identifikation und Zugehörigkeit im Mittelpunkt der Untersuchung (McKenna & Bargh, 1998). Online-Beteiligung ist demnach gelenkt von der Identität der Nutzer und dient umgekehrt der Selbstfindung und Entwicklung eines Selbstbewusstseins – nicht selten in Form der Auseinandersetzung mit Gruppen, wie etwa in Online-Communities. Funktionale Motive (wie etwa Information und Unterhaltung) können also von sozialen (wie etwa Zugehörigkeit) unterschieden werden (Alon & Brunel, 2007). Untersuchungen von Online-Communities deuten darauf hin, dass Nutzer häufig aus funktionalen Gründen den Kontakt zu Online-Angeboten aufnehmen, dann jedoch einen persönlichen Bezug entwickeln. Im Laufe der Zeit lösen dann soziale Nutzungsmotive die funktionalen ab (Ewing, 2008).

Nutzungsmotive beeinflussen somit die Form der Beteiligung und auch deren Intensität. Nutzer mit einem hohen Zugehörigkeitsgefühl bringen sich mit einer höheren Frequenz in Online-Debatten ein. Mit steigender Erfahrung oder Dauer der Zugehörigkeit steigt dagegen die Tiefe oder Reichhaltigkeit der Beiträge (Nov et al., 2009). Einige Studien versuchen daher, die Online-Beteiligung in der Kultur nach der Art der Teilhabe zu differenzieren. Dabei wird auch die sehr unterschiedliche Verbreitung dieser Beteiligung sichtbar.