Wie verbreitet ist Online-Beteiligung in der Kultur?

Der Grad der Beteiligung unterliegt auch im Kulturellen einem so genannten „Potenzgesetz“ (engl. „power law distribution“). Mit anderen Worten: Wenige sehr Aktive erzeugen einen Großteil der Beiträge, einige Aktive ergänzen dies durch gelegentliche Beiträge, und die Masse der Nutzer trägt nur selten aktiv bei, konsumiert also eher passiv (Nov et al., 2009). Damit wird deutlich: Allein die Möglichkeit zur kreativen Entfaltung, welche durch neue Medien unterstützt und gefördert wird, führt nicht notwendigerweise zu deren tatsächlicher Nutzung.

Erwing (2008) nimmt eine hilfreiche Unterscheidung der Beteiligten an kreativen Communities vor. Seine Typologie beruht auf einer etablierten Online-Terminologie und beschreibt insbesondere sechs Gruppen:

  1. Lurker: Passive Nutzer, die vor allem die Beiträge anderer konsumieren und selbst nicht aktiv in Erscheinung treten.
  2. Newbie: Neumitglieder, die aus funktionalen Gründen auf die Plattform kommen, sich neugierig erkunden und erste Beiträge veröffentlichen (häufig Fragen stellen).
  3. Regular: Regelmäßige Nutzer, die sich an die Plattform gewöhnt haben, ein Zugehörigkeitsgefühl entwickeln und nicht zuletzt aus Verbundenheit immer wieder auch Beiträge veröffentlichen.
  4. Elder: Erfahrene Nutzer, die sich als tragender Teil der Community empfinden, viele Fragen beantworten und nicht zuletzt auch moderierende Funktionen innehaben.
  5. Legacy: Vormalige Elders, die sich schrittweise aus der Community zurückziehen, gelegentlich noch intervenieren, und deren Wort ein hohes Gewicht in der Gemeinschaft hat.

    Troll: Form störender und provokativer Beteiligung im Internet

    Abbildung 8: Warnzeichen im Netz: Lass dich nicht auf Trolle ein!

  6. Troll: Störenfriede, die durch bewusst provokative, häufig absurde Beiträge emotionale Reaktionen anderer Nutzer provozieren wollen.

Von besonderem Interesse sind häufig die so genannten „Elders”, also jene Community-Mitglieder, die am oberen Ende der Produktivitätsskala zu verorten sind und einen wesentlichen Beitrag zum Bestehen der Community leisten. Durch ihre moderierende und lenkende Funktion tragen sie wesentlich zur Identität, aber auch zur Funktionalität einer Community bei. Sie bestimmen sozusagen ihren Zweck und ihr Gesicht (Ewing, 2008). Viele ihrer Beiträge sind nicht inhaltlicher Natur, sondern dienen dem reibungslosen Funktionieren und der inhaltlichen Kohärenz der Community. Mit dieser moderierenden Rolle einher geht auch eine große Macht. Zensurentscheidungen, der Ausschluss von Mitgliedern oder die Förderung von Themen werden vor allem von Elders getragen (Holt & Karlsson, 2011). Der Zweck und die Aussage einer kreativen Gemeinschaft oder Aktion beruht somit nicht notwendigerweise auf einer breiten, „demokratischen“ Basis, sondern auf dem überdurchschnittlich aktiven Engagement Weniger. Ein Phänomen, das so zweifellos nicht nur für die Online-Beteiligung im Bereich der Kultur gilt.