Was verändert die Online-Beteiligung in der Politik?

Eine zentrale Fragestellung der Literatur ist, ob das Internet politische und zivilgesellschaftliche Beteiligung außerhalb des Netzes eher schwächt oder stärkt (de Zúñiga et al., 2012; Wellman, Quan-Haase, Witte, & Hampton, 2001). Zwei entgegengesetzte Theorien haben diese Debatte lange dominiert: Auf der einen Seite gingen Cyber-Optimisten von einem positiven Einfluss des Internets aus. Vor allem bisher marginalisierte und politisch desinteressierte Bevölkerungsgruppen hätten neu die Möglichkeit, sich gezielt ausdrücken und einbringen zu können. Entsprechend war hier von einer „Mobilisierungsthese“ die Rede (vgl. Best & Krueger, 2005; Oser et al., 2012; Park & Perry, 2008). Die gegenteilige Sichtweise – manchmal als „Verdrängungshypothese“ bezeichnet – sagte voraus, dass das Internet Bürgerbeteiligung und -engagement eher schwächen würde. Statt ihre Zeit gemeinschaftlichen und politischen Zwecken zu widmen, würden die Nutzer einsam vor ihren Bildschirmen sitzen (Putnam, 1995).

Soziale Netzwerke erleichtern alternative Formen der politischen Beteiligung

Beispiel 3: Soziale Netzwerke wie Facebook erleichtern alternative Formen der politischen Beteiligung, wie etwa die Organisation von Protestmärschen oder Konsumboykotten.

Schließlich verortete sich eine dritte Perspektive in der Mitte dieser Debatte: Die „Normalisierungsthese“ behauptet, dass das Internet die bestehenden Beteiligungsverhältnisse kaum verändert, und dass letztlich vieles beim Alten bleibe (vgl. Carrara, 2012; Park & Perry, 2008 für einen Überblick). Etwas angepasst kam diese Ansicht in Form der „Verstärkungsthese“ zur Sprache (Norris, 2000). Hier wurde vorgeschlagen, dass die Partizipationsangebote des Internets vor allem den politisch Interessierten und Engagierten zugutekämen – d. h. vorwiegend von gut gebildeten Eliten genutzt würden, welche sich so verstärkt engagierten (di Gennaro & Dutton, 2006; Gibson, Lusoli, & Ward, 2005). Die Nicht-Engagierten und Desinteressierten würden diese Angebote dagegen kaum in Anspruch nehmen. Damit vergrößere sich die schon bestehende Kluft in der politischen Beteiligung.

Empirische Studien fanden einen positiven Effekt der Internetnutzung und -beteiligung auf die politische Beteiligung auch außerhalb des Internets. Dieser Effekt ließ sich auch über verschiedene kulturelle Kontexte hinweg feststellen (Hwang et al., 2006; Kwak et al., 2006; Wang, 2007). Auch auf zivilgesellschaftliches Engagement kann sich die politische Beteiligung im Netz positiv auswirken (Stern & Dillman, 2006). Eine Meta-Analyse von Boulianne (2009) untersuchte 38 Studien, die sich mit dem Einfluss des Internets auf die politische und zivilgesellschaftliche Beteiligung auseinandersetzten. Obwohl die Meta-Analyse kaum negative Effekte fand, konnte ein klarer und stark positiver Gesamteffekt ebenfalls nicht ausgemacht werden. Dies unterstützt die Normalisierungsthese und spricht tendenziell gegen die Verdrängungshypothese. Auch ein Literaturüberblick von Anduiza et al. (2009) kam zu dem Ergebnis, dass die generelle Internetnutzung zwar einen positiven Einfluss auf Online-Formen der politischen Beteiligung ausübt, jedoch nur einen geringen Einfluss auf die Offline-Beteiligung.

Auch qualitative oder fallbezogene Untersuchungen finden keine negativen Effekte des Internets auf die politische Beteiligung, sondern – im Gegenteil – zumeist positive Auswirkungen (Collin, 2008; Davis, 2010). Sie fokussieren sich zunehmend auf neuere Formen politischer Beteiligung und gehen damit über das Gros der quantitativen Untersuchungen hinaus, die v. a. klassische Formen der Beteiligung innerhalb und außerhalb des Internets betrachten. Auch Studien, die spezifisch Soziale Medien untersuchen, kommen zu ähnlichen Schlüssen: Sie finden zumeist positive Effekte der Nutzung Sozialer Medien sowohl auf politische Beteiligung wie auch zivilgesellschaftliches Engagement (Conroy et al., 2012; de Zúñiga et al., 2012).

Eine wichtige Erkenntnis der Forschung zur politischen Online-Beteiligung und den Effekten des Internets auf die politische Partizipation lautet, dass es notwendig ist, verschiedene Formen der (politischen) Beteiligung zu unterscheiden. Während die Internet-Nutzung einen schwachen oder keinen Zusammenhang auf traditionelle Formen des Engagements und der Beteiligung (wie Streiks, Proteste oder Wählen) haben mag, kann sie auf der anderen Seite neuere Formen begünstigen, die eher punktuell auf spezifische Themen oder Herausforderungen bezogen sind (Davies et al., 2012). Livingstone (2008) sieht hier eine zentrale Erkenntnis der bisherigen Forschung. Sie fordert ein breiteres Verständnis des Beteiligungsbegriffs, das über klassische Formen, wie Abstimmen und Wählen, hinausgeht und auch neue Phänomene, wie politisch motivierten Konsum umfasst. Der stärkste Einfluss der Internetnutzung auf politische Beteiligung ist deshalb für neue Formen der Organisation und Koordination von Anspruchsgruppen zu erwarten sowie für Formen des Aktivismus außerhalb etablierter Kanäle und Institutionen, wie Parteien und Verbänden (Dahlgren, 2011).

Neben der Unterscheidung verschiedener Formen der Beteiligung ist auch eine Differenzierung der Internetnutzung notwendig (Moy et al., 2005; Polat, 2005; Xenos & Moy, 2007). Während frühe Studien die Internetnutzung meist als undifferenzierte Größe betrachteten, wurde zuletzt zunehmend zwischen verschiedenen Nutzungsarten und -motiven unterschieden. Zahlreiche Autoren plädieren für eine differenzierte Betrachtung der Internetnutzung (Dutta-Bergman, 2006; George, 2005; Hampton et al., 2011). Undifferenzierte Maße der Internetnutzung und des Zugangs zur Technologie können die unterschiedlichen Einflüsse verschiedener Nutzungsformen auf die Beteiligung nicht berücksichtigen. So wirkt das Lesen von Online-Zeitungen oder das Engagement in Online-Communities stimulierender auf die politische Partizipation als der Konsum unterhaltsamer Videos auf YouTube (de Zúñiga et al., 2012; Kenski & Stroud, 2006; Kim, 2007; Moy et al., 2005). Bakker & de Vreese (2011) stellten fest, dass sich die Nutzung des Internets für Informationszwecke, wie der Konsum von Nachrichten, positiv auf die politische Beteiligung sowohl online als auch offline auswirkt, während der Konsum von Unterhaltungsangeboten im Netz negative Wirkungen entfaltet (vgl. auch de Zúñiga et al., 2012; Holt et al., 2013; Wang, 2007).

Internet als Erweiterung traditioneller Formen politischer Beteiligung

Beispiel 4: Gelegentlich wird das Netz vor allem als eine Erweiterung traditioneller Formen der politischen Beteiligung betrachtet, wie etwa das freiwillige Engagement im Rahmen des Wahlkampfes – hier die Kampagne Barack Obamas 2008.

Moy et al. (2005) differenzieren sieben Arten der Internetnutzung: Informationssuche, E-Mail, Haushaltsnutzung, politische Nutzung, soziale Nutzung, konsumorientierte Nutzung und gemeinschaftsorientierte Nutzung. Von diesen Formen haben nur Informationssuche, E-Mail, politische Nutzung und gemeinschaftsorientierte Nutzung einen positiven Effekt auf die zivilgesellschaftliche Beteiligung. Aktive und soziale Formen der Web-Nutzung scheinen zivilgesellschaftliches Engagement und politische Partizipation zu fördern. Die Mitgliedschaft in politischen Facebook-Gruppen hat sich als starker Prädiktor politischer Beteiligung auch außerhalb des Internets erwiesen (Conroy et al., 2012). Neben einer allzu pauschalen Betrachtung erweist es sich auch als problematisch, die Internetnutzung isoliert zu untersuchen: Der Konsum verschiedener Medien entfaltet einen wechselseitigen Einfluss. Zugleich ist bekannt, dass etwa der Konsum von Zeitungen stark mit zivilgesellschaftlichem Engagement und politischer Beteiligung assoziiert ist (de Zúñiga et al., 2009; Krueger, 2002; Moy et al., 2005; Sylvester & McGlynn, 2010). Eine relevante Frage ist daher auch, wie sich die Internetnutzung auf den Konsum anderer Medien auswirkt.