Was heißt Online-Beteiligung in der Politik?

Eine im Bereich der Beteiligung verbreitete Definition beschreibt die „Beteiligung“ als „Handlungen, die Einfluss auf die Politik nehmen wollen oder direkte oder indirekte Auswirkungen auf diese haben“ (Verba et al., 1995; Übers. d. Verf.). Nach zahlreichen Definitionen basieren politische Beteiligungshandlungen stets auf einer Grundabsicht, politische Entscheidungen bewirken oder verändern zu wollen. Eine erstaunlich große Zahl der gesichteten Studien verzichtet jedoch auf eine explizite Definition der Beteiligung. Politische und zivilgesellschaftliche Beteiligung werden häufig gemeinsam untersucht. Manche Definitionen der Beteiligung sind daher breiter und berücksichtigen auch Handlungen, die sich nicht auf die Politik beziehen, wie Freiwilligenarbeit in Nachbarschaftsorganisationen: „Civic engagement refers to citizens‘ individual and collective involvement in public affairs“ (Park & Perry, 2008).

Oft wird bereits politisches Informationsverhalten – z. B. das Googeln von Regierungsinformationen – als eine Form der Beteiligung gewertet (di Gennaro & Dutton, 2006). Darüber hinaus umfasst die Online-Beteiligung in der Politik ein breites Spektrum an Aktivitäten. Diese reichen von Tätigkeiten, welche auch aus der Offline-Welt bekannt sind, wie das Unterschreiben von Petitionen oder das Abstimmen, bis hin zu nur im Netz möglichen Handlungen, wie dem Verfassen eines Blogs. Besonders häufig untersuchte Aktivitäten sind: Suche oder Lesen von politischen Informationen, Spenden, Kontaktaufnahme zu politischen Institutionen bis hin zur Etablierung einer Verbindung, Konversationen zu politischen Themen, Teilnahme an politischen Veranstaltungen, das Teilen von Fotos, Videos oder Tondateien, Proteste und Boykotts sowie Abstimmungen (Best & Krueger, 2005; Calenda & Meyer, 2009; Cogburn & Espinoza-Vasquez, 2011; di Gennaro & Dutton, 2006; de Zúñiga et al., 2012; Emmer et al., 2012; Hoff, 2006; Hoffman, 2012; Jugert et al., 2013; Kahneet al., 2012; Kaufhold et al., 2010; Kavanaugh et al., 2008; Krueger, 2002; Livingstone et al., 2005; Oostven & Besselaar, 2004; Oser, Hooghe & Marien, 2012; Rojas & Puig-i-Abril, 2009; Vissers et al., 2012; Ward et al., 2003).

Die verschiedenen Formen der Beteiligung in der Politik weisen unterschiedliche Grade der Institutionalisierung auf. Traditionellere, stark institutionalisierte Formen sind dabei häufig weniger aufwendig und ressourcenintensiv, als neuere, weniger institutionalisierte Formen. Die Offline-Beteiligung unterscheidet sich zudem in mehreren Punkten von der Online-Beteiligung. Offline-Beteiligung (v. a. in etablierten Demokratien) umfasst eine definierte Auswahl an Möglichkeiten, wie etwa wählen, sich in einer Partei engagieren, Petitionen unterzeichnen, streiken oder an Protestmärschen teilnehmen. Beteiligung im Internet ist dagegen deutlich weniger definiert und ständigen Veränderungen ausgesetzt. Die Grenzen sind hier weniger klar gezogen.

In der betrachteten Literatur ist in den letzten rund fünf Jahren eine starke Konzentration auf die politische Beteiligung in Sozialen Medien festzustellen. Immer mehr Studien untersuchen das politische Verhalten der Nutzer in Sozialen Netzwerken oder auf Blogs (Conroy et al., 2012; de Zúñiga et al., 2012; Macafee & De Simone, 2012; Rojas & Puig-i-Abril, 2009; Zavestoski et al., 2011). Damit einher geht eine Debatte, welche Aktivitäten tatsächlich als eine Form der Beteiligung betrachtet werden können – oder aber nur eine Form des „Slacktivism“ bzw. der Symbolpartizipation darstellen (Ritzi et al., 2012). Das Klicken eines „Like“-Knopfs auf Facebook stellt laut kritischen Stimmen keine tatsächliche Beteiligung dar und dient allein der Gewissensberuhigung oder – schlimmer noch – der Selbstinszenierung (Morozov, 2011).

Online Kampagne "Kony 2012" des NGO Invisible Children

Beispiel 1: Die durch die NGO „Invisible Children“ lancierte und aufwändig inszenierte Online-Kampagne für die Verhaftung des Warlords und Kriegsverbrechers Joseph Kony erreichte 2012 einen zuvor unbekannten Grad an Viralität in den Sozialen Medien. Zugleich wurde sie für ihre Wirkungslosigkeit und ihren rein symbolischen Charakter kritisiert.

Die wenigen empirischen Studien, die sich bislang mit dieser Frage auseinandersetzen, zeichnen jedoch ein differenziertes Bild. Vitak et al. (2011) zeigen, dass niederschwellige Formen der Beteiligung, wie das „Liken“ von Inhalten auf Facebook oder politische Status-Updates, bei Studenten einer US-amerikanischen Universität nicht nur weit verbreitet waren, sondern durchaus mit ressourcenintensiveren Offline-Partizipationsformen, wie dem Engagement in einer politischen Organisation einhergingen. Zu ähnlichen Schlüssen kommen Conroy et al. (2012). Sie untersuchten die Mitgliedschaft in politischen Gruppen im Internet und deren Auswirkung auf die Beteiligung ausserhalb des Netzes und fanden ebenfalls einen positiven Zusammenhang.

Politisches Engagement in Sozialen Medien

Beispiel 2: Politisches Engagement ist in Sozialen Medien vergleichsweise wenig verbreitet. Greenpeace, eine der weltweit bekanntesten politischen Organisationen, verfügt über 1,4 Mio. Facebook-„Likes“, verglichen mit fast 30 Mio. „Likes“ für die Restaurant-Kette McDonald‘s.

Ein substantieller Anteil der Studien in diesem Bereich der Literatur konzentriert sich auf die Aktivitäten junger Nutzer (Bakker & de Vreese, 2011; Bennett et al., 2011; Bridges et al. 2012; Burwell, 2010; Calenda & Meijer, 2009; Collin, 2008; Dahlgren, 2011; Kann et al., 2007; Kaun & Guyard, 2011; Lariscy et al., 2011; Livingstone, 2008; Spaiser, 2012; Vromen, 2008). Oft werden hier Debatten um Politikverdrossenheit oder fehlendes Wissen auf Seiten der Jugendlichen und jungen Erwachsenen aufgenommen, und untersucht, ob das Internet tatsächlich eine aktivierende Wirkung bei diesen Bevölkerungsgruppen erreichen kann.