4.3.7 Internetferne Verunsicherte (19 Prozent)

Internetferne Verunsicherte

„Ich gehe sehr vorsichtig mit dem Internet um, eher distanziert. Also, ich bin ein Mensch, der lebt noch von Printmedien, das ist so und da wird sich auch nicht mehr groß was ändern.“ (männlich, 61 Jahre)

Internetferne Verunsicherte sind im Umgang mit dem Internet stark überfordert und nehmen deutlich mehr Risiken als Chancen wahr. Das führt zu einer extrem zurückhaltenden Nutzung oder zu einer rigorosen Meidung des Netzes (knapp drei Viertel sind Offliner). Weil sie sich mit dem Internet kaum auskennen, delegieren sie die Verantwortung für die Sicherheit vor allem an den Staat und die Unternehmen und nehmen sich selbst vergleichsweise wenig in die Verantwortung.

Die Gruppe der Internetfernen Verunsicherten bildet das größte der DIVSI Internet-Milieus. Der Altersdurchschnitt liegt bei 67 Jahren, 70 Prozent sind 65 Jahre und älter. Sie weisen den höchsten Anteil formal niedrig Gebildeter auf, auch das Durchschnittseinkommen ist im Milieu-Vergleich am niedrigsten. Etwas mehr Frauen als Männer zählen zu diesem Internet-Milieu.

Internetferne Verunsicherte finden sich überwiegend im traditionellen Segment der Gesellschaft. Sie sind insbesondere darauf bedacht, das bisher Erreichte zu sichern und ein (weiterhin) harmonisches Leben in guter Gesundheit im Kreise der Familie zu verbringen. Von den großen gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte (Individualisierung, Digitalisierung) fühlen sie sich überfordert.

„Das Wichtigste in meinem Leben ist jetzt eigentlich, dass wir gesund bleiben.“ (weiblich, 67 Jahre)

„Na Wert hat für mich, sagen wir mal, dass man freundlich miteinander umgeht, dass man andere Menschen akzeptiert und respektiert, weil vieles entsteht ja dadurch, weil der Eine vor dem Anderen keinen Respekt mehr hat.“ (weiblich, 66 Jahre)

 Soziodemografisches Profil – Internetferne Verunsicherte

Die Rolle des Internets in der Lebenswelt der Internetfernen Verunsicherten

Der Großteil der Internetfernen Verunsicherten (72 Prozent) ist nie online. Als Begründung dafür führen 59 Prozent an, dass es schlichtweg keine konkreten Anlässe gibt, in denen man auf das Internet angewiesen ist. In anderen Worten: Man kommt aus eigener Sicht gut ohne das Internet aus. Eine zentrale Barriere ist aber auch die Überforderung mit dem Netz – 55 Prozent ist das Internet zu kompliziert.

Auch unter den Onlinern der Internetfernen Verunsicherten spielt das Internet keine bedeutsame Rolle im Alltag. Sie finden die digitale Welt alles in allem befremdlich und nutzen die vielfältigen Möglichkeiten des Internets daher auch deutlich seltener als die anderen Internet-Milieus. Beispielsweise erledigen sie Einkäufe oder Bankgeschäfte nur sehr selten online. Hintergrund ist dabei nicht nur ihre Unsicherheit im Umgang mit dem Netz, sondern auch der Wunsch, Dinge wie gewohnt anzufassen bzw. anzuprobieren oder das Bedürfnis, einen „realen“ Ansprechpartner vor Ort zu haben. Noch am ehesten schreiben sie gelegentlich E-Mails zum Verschicken von Fotos in den Bekanntenkreis oder recherchieren gezielt Informationen im Internet. Einige haben sich hier auch an das Smartphone gewöhnt. Oft wird die Internetfunktion aber aus Kostengründen gemieden oder weil man fürchtet, etwas falsch machen zu können.

„Ich gucke höchstens manchmal bei Google, wenn man so Medikamente aufgeschrieben kriegt, dass man da mal guckt, was es ist. Oder wenn Ärzte jetzt hier irgendwas schreiben, was sich dahinter verbirgt.“ (weiblich, 70 Jahre)

„Also ich kaufe nichts im Internet. Gar nicht, überhaupt nicht. Dadurch, dass ich selber im Verkauf arbeite, ist Internet-Einkaufen für mich überhaupt gar keine Alternative. Informieren ja, aber kaufen nein. Ich muss Sachen anfassen und anprobieren können.“ (weiblich, 52 Jahre)

Nutzungshäufigkeit, Gerätebesitz und subjektive Internetkompetenz

Von allen Internet-Milieus können sich die Internetfernen Verunsicherten noch am ehesten ein Leben ohne Internet vorstellen. Sie kritisieren, dass ein zu häufiger und umfassender Umgang mit digitalen Medien ungesund und gefährlich sei. Insbesondere Soziale Netzwerke, von denen sie über (jüngere) Verwandte und Freunde immer wieder hören, sind ihnen suspekt. Selbst die Onliner dieser Gruppe befürchten zu 91 Prozent, dass die Qualität der persönlichen Beziehungen unter zu viel Online-Kommunikation leidet (gesamt Onliner: 60 Prozent).

„Ich finde, krank ist ein harter Ausdruck, aber ich glaube, dass auch schon viele krank sind durch diesen Computer. Jetzt nicht durch Strahlung oder so, sondern ja abhängig, süchtig.“ (weiblich, 59 Jahre)

„Und dann mit diesen Sozialen Netzwerken wie Facebook, da hört man ja immer wieder: ‚Ach, kannst mir doch schreiben, ich bin doch in Facebook.‘ Hab ich gesagt: ‚Nee, das mache ich nicht.‘ Weil man hört so viel und liest so viel, was da alles passieren kann. Man kann ja da ausgespäht werden in Facebook.“ (weiblich, 67 Jahre)

Einstellungen zum Internet

Internetferne Verunsicherte haben eine klar risikenzentrierte Perspektive auf das Internet. Knapp die Hälfte geht davon aus, dass es mehr Risiken als Chancen birgt (gesamt: 22 Prozent). Gefahren, denen sie sich bei der Internetnutzung im Milieu-Vergleich überdurchschnittlich ausgesetzt sehen, sind Opfer eines Betrugs beim Online-Banking zu werden und dass die eigenen Daten ausgespäht und illegal genutzt werden. Risiken in Kauf zu nehmen (beispielsweise für einen Zugewinn an Zeit oder aus Bequemlichkeit), ist für sie vergleichsweise selten eine Option: So erledigen zum Beispiel nur 25 Prozent der Onliner dieses Internet-Milieus ihre Bankgeschäfte über das Internet (gesamt Onliner: 50 Prozent). Wer kein Online-Banking nutzt, führt als wesentliches Argument an, darin ein Risiko zu sehen (46 Prozent vs. gesamt Onliner: 27 Prozent). Lediglich 13 Prozent der Onliner dieser Gruppe sagen über sich, dass sie sich ausreichend mit dem Netz auskennen, um Gefahren aus dem Weg zu gehen (gesamt Onliner: 61 Prozent). Entsprechend bewegen sie sich sehr zurückhaltend im Internet.

„Und bei den Medien, da habe ich immer den Eindruck, da steht einer irgendwie und greift das ab, was ich schreibe oder liest das, was ich schreibe. Ja, ich habe Angst um meine Daten. Ich habe auch ein Unsicherheitsgefühl, weil man so viel hört. Zum Beispiel dass bei Online-Banking Daten geklaut wurden von Hackern.“ (weiblich, 67 Jahre)

„Keiner kann mir garantieren bis heute, dass meine Daten nicht missbraucht werden, keiner.“ (männlich, 64 Jahre)

Vertrauen, Sicherheit und Verantwortung

Die Internetfernen Verunsicherten haben ein äußerst geringes Selbstzutrauen mit Blick auf das Internet. Selbst unter den Onlinern dieses Internet-Milieus sagen 90 Prozent, dass sie Angst haben, Fehler zu machen und sich deswegen zurückhaltend im Netz bewegen (gesamt Onliner: 48 Prozent). Diese ausgeprägte Überforderung mit dem Internet bedeutet, dass sie auf ein Unterstützernetzwerk angewiesen sind, um im Internet einigermaßen handlungsfähig zu sein. 76 Prozent der Onliner unter ihnen gestehen sich ein, dass sie ohne die Hilfe von Freunden und Bekannten im Internet verloren wären (gesamt Onliner: 27 Prozent). Typischerweise holen sie sich Hilfe zum Installieren von Anwendungen und konsultieren Freunde und Bekannte, wenn sie sich nicht sicher sind, womöglich etwas Unnützes oder Gefährliches anzuklicken. Sie lassen aber nicht nur sicherheitsrelevante Aspekte von Dritten regeln, sondern delegieren häufig auch „Internet-Arbeitsaufträge“ an ihr Unterstützungsnetzwerk: Der Aussage, „wenn ich das Internet für etwas brauche, erledigen das andere für mich“ stimmt knapp die Hälfte der Onliner unter ihnen zu (gesamt Onliner: 17 Prozent).

Die umfassende Überforderung mit dem Internet führt bei den Internetfernen Verunsicherten dazu, die Verantwortung für Sicherheit und Datenschutz an andere zu delegieren. Mit 66 Prozent sind sie im Milieu-Vergleich am seltensten der Meinung, dass jeder selbst für seine Sicherheit im Internet sorgen muss (gesamt: 80 Prozent). Umgekehrt erwarten knapp drei Viertel, dass sich der Staat aktiv um Sicherheit bemüht. Gleichzeitig ist ihr Vertrauen in Angebote von staatlichen Einrichtungen unterdurchschnittlich ausgeprägt, auch hier steht das grundsätzliche Misstrauen gegenüber der digitalen Welt und seinen Angeboten im Vordergrund.

„Ich kenne mich jetzt nicht aus, aber wenn ich zum Beispiel bei Google bin, dann muss Google mir garantieren, dass mit den Daten nichts passiert. Die müssten mir eigentlich eidesamtlich erklären: Mit Ihren Daten passiert nichts.“ (männlich, 64 Jahre)

Einstellungen zum Internet

Der Blick in die digitalisierte Zukunft

Internetfernen Verunsicherten bereitet die weitere Digitalisierung ihres Alltags große Sorgen. Die breite Mehrheit hat Angst davor, dass in Zukunft vieles nur noch über das Internet erledigt werden könnte (84 Prozent vs. 38 Prozent gesamt). Der Meinung, dass man sich an einen offeneren Umgang mit persönlichen Daten gewöhnen müsse, gewinnen sie überhaupt nichts ab – zu groß sind ihre derzeitigen Sorgen über den unkontrollierten Umgang mit persönlichen Daten. Die Weitergabe persönlicher Daten mit der Aussicht auf eine angemessene Bezahlung lehnen sie daher rigoros und im Milieuvergleich am stärksten ab (94 Prozent vs. 80 Prozent gesamt).

Internetferne Verunsicherte – Wohnbilder