8.2 Privates bleibt nicht privat: Der freie Umgang mit Daten ist nicht immer freiwillig

Eine Mehrheit der Internetnutzer ist der Meinung, dass man sich an einen freieren Umgang mit Daten im Internet gewöhnen müsse (64 Prozent). Gleichzeitig stört es einen Großteil der Befragten, wenn gewisse Informationen über sie im Internet zu finden sind. Paradoxerweise stört es selbst diejenigen Personen, die betonen, dass man sich an einen freieren Umgang mit Daten im Internet gewöhnen müsse. 91 Prozent dieser Gruppe wären beunruhigt, wenn die persönliche Finanzsituation online von Dritten einsehbar wäre. 88 Prozent der gleichen Personengruppe möchten nicht, dass Inhalte von E-Mails und anderen persönlichen Nachrichten offen im Internet zu finden sind. Ebenfalls über drei Viertel von ihnen wollen nicht, dass Bilder bzw. Filme von den eigenen Kindern im Internet gefunden werden können und der persönliche aktuelle Aufenthaltsort oder die eigene sexuelle Orientierung recherchierbar sind. Es zeigt sich somit: Obwohl ein Großteil der Onliner der Meinung ist, dass man sich an einen freieren Umgang mit Daten gewöhnen müsse, sollen private Angaben auch privat bleiben.

Informationen, die nicht online auffindbar sein sollen

Informationen, die nicht online auffindbar sein sollen

Erklärungsansatz #1: Freier Umgang mit Daten ist nicht gewünscht, sondern notwendiges Übel

Die Zustimmung zu der Aussage, dass man sich an einen freieren Umgang mit Daten gewöhnen müsse, kann nicht als Plädoyer für einen freieren Umgang mit Daten interpretiert werden. Wie die weitere Analyse zeigt, handelt es sich dabei um eine nüchterne Resignation in Bezug auf die geringe Kontrolle über die eigenen Daten. 59 Prozent der Onliner glauben, dass ihre private E-Mail-Adresse online auffindbar ist, fast die Hälfte davon stört das aber. Ähnlich viele glauben, dass ihre Wohnanschrift online auffindbar ist, auch dies löst bei jedem Zweiten Unbehagen aus.

Online auffindbare Informationen

Dass persönliche Informationen im Internet überhaupt ungewollt eingestellt sind, erklären die Befragten vor allem mit der Schwierigkeit, auf bestimmte Services (wie z.B. Messenger-Dienste) im Lebensalltag verzichten zu können oder zu wollen. Zum anderen ziehen sie die eigene Arglosigkeit heran, wie in den qualitativen Interviews deutlich wurde: Man mache sich oft einfach „keine Gedanken“ darüber, dass die Preisgabe von persönlichen Daten „nur schwer zurückgenommen“ werden könne und die Datenweitergabe irgendwann eine „Eigendynamik“ entwickele, auf die man keinen Einfluss mehr habe.

Erklärungsansatz #2: Nicht alle persönlichen Informationen sind aus Sicht der Internetnutzer gleichermaßen privat

Mit Blick auf Veröffentlichungen im Internet zeigt sich, dass Privatheit alters- und lebensweltspezifisch unterschiedlich verstanden wird: Jeweils etwa die Hälfte der Internetnutzer stört es, wenn Beziehungsstatus, Hobbys oder der kulturelle Geschmack (z.B. der Film- oder Musikgeschmack) im Internet nachgelesen werden können. Bei dieser Frage sind die Unterschiede zwischen den DIVSI Internet-Milieus sehr groß. Vor allem die Netz-Enthusiasten teilen das allgemeine Unbehagen in vielen Punkten nicht. 40 Prozent würde es stören, wenn ihr aktuelles Alter online auffindbar wäre (gesamt: 53 Prozent). Die berufliche Situation möchten 35 Prozent von ihnen nicht online auffindbar wissen (gesamt: 52 Prozent). Nur ein Drittel stören veröffentlichte Informationen zum Beziehungs- bzw. Familienstatus (gesamt: 62 Prozent). Auch im Preisgeben von Hobbys oder kulturellem Geschmack sehen sie weniger ein Problem. Diese Einstellung teilen auch die Effizienzorientierten Performer. Beide Internet-Milieus haben den jüngsten Altersdurchschnitt und sind in Sozialen Netzwerken wie Facebook, Twitter oder Instagram am aktivsten. Es ist für sie schlichtweg gelebter Alltag, sich dort über die eigenen Hobbys und Vorlieben zu definieren und persönliche Informationen zu veröffentlichen. Mit anderen Worten: Um am öffentlichen Leben in der digitalen Welt teilzuhaben, bedarf es aus Sicht dieser Internet-Milieus einer eigenen Online-Identität samt persönlicher Informationen, die mit der Internetgemeinschaft geteilt werden.

Informationen, die nicht online auffindbar sein sollen – Milieu-Unterschiede

Diese Ergebnisse decken sich mit den Befunden der DIVSI U25-Studie, die zeigt, dass für die junge Generation in erster Linie als privat gilt, was in den Bereich des Intimen oder Peinlichen fällt. Entspechend zählen auch in dieser Befragung das eigene Alter, aber auch Angaben wie die berufliche E-Mail-Adresse nicht dazu. Ganz anders verhält es sich mit Inhalten persönlicher Nachrichten, die offen im Netz kursieren könnten. Diese Vorstellung löst sehr wohl auch bei den Netz-Enthusiasten ein großes Unbehagen aus.

Informationen, die nicht online auffindbar sein sollen – Milieu-Unterschiede

Im Gegensatz zu den Netz-Enthusiasten möchten Vorsichtige Skeptiker und Internetferne Verunsicherte überhaupt keine Angaben über sich im Internet wissen. Für sie sind alle Informationen, die direkt ihre Person betreffen streng privat und sollten daher nicht frei zugänglich sein.