9. Zusammenfassung und Ausblick

Die Beziehung zum Internet wird intensiver – und unverzichtbar

Die Mehrheit der Menschen in Deutschland steht der fortschreitenden Digitalisierung positiv gegenüber, auch mit Blick in die Zukunft. Dass das Internet zukünftig noch mehr als heute den eigenen Alltag durchdringen wird, bereitet ihnen keine Angst. Vielmehr ist es so, dass für die meisten von ihnen ein Leben ohne Internet nicht mehr vorstellbar ist.

Durch den direkten Vergleich mit den Ergebnissen der DIVSI Milieu-Studie von 2012 kann die aktuelle Untersuchung aufzeigen, dass der digitale Wandel sich nicht nur technisch vollzieht, sondern dass sich auch die entsprechenden Haltungen zum Internet kontinuierlich verändern. Heute sind nicht nur wesentlich mehr Menschen täglich online als 2012, sie betonen auch die Chancen, die das Netz bereithält, deutlich stärker. Gleichzeitig wird das Internet immer selbstverständlicher: Online zu sein ist der Normalzustand; fehlt hingegen eine Internetverbindung, bedeutet dies für viele eine erhebliche Beeinträchtigung ihres Alltags.

Die Landschaft der DIVSI Internet-Milieus hat sich merklich verändert

Die Aktualisierung der DIVSI Internet-Milieus zeigt deutliche Veränderungen im Panorama der digitalen Lebenswelten, die durch zwei wesentliche Entwicklungen erklärbar sind:

  • Pragmatische Wende im Netz: Ein unaufgeregter Umgang mit dem Internet wird Normalität für weite Teile der Gesellschaft. Verunsicherung und Skepsis nehmen bei den digitalen Grundhaltungen weniger Raum ein als noch 2012. Das Internet ist somit in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
  • Nicht alle Intensivnutzer sind Internet-Fans: Waren 2012 noch alle Internet-Milieus, die viel Zeit online verbringen, uneingeschränkte Befürworter neuer Entwicklungen, hat sich dieses Gesellschaftssegment nun ausdifferenziert: Nach wie vor kann ein Internet-Milieu identifiziert werden, das euphorisch alle neuen Online-Angebote mit großem Interesse aufnimmt und das Internet „liebt“ (Netz-Enthusiasten). Gleichwohl gibt es inzwischen auch ein Internet-Milieu, das eine intensive Nutzung mit einer selektiv-kritischen Sicht auf bestimmte Entwicklungen und Möglichkeiten des Internets vereint (Souveräne Realisten). Die uneingeschränkte Begeisterung ist hier einer zunehmenden Ernüchterung gewichen.

Der Graben zwischen On- und Offlinern existiert weiterhin – aber die Bedeutung des Internets steigt auch bei den Offlinern

Auch wenn es heute weniger sind als noch vor vier Jahren, gibt es weiterhin Menschen in Deutschland, die das Internet nicht nutzen (16 Prozent „Offliner“ heute gegenüber 20 Prozent 2012). Zudem ist die Gruppe der Offliner näher an das Internet herangerückt. Sie nutzen das Internet zwar nicht aktiv selbst, aber…

  • … sie sehen zunehmend die Vorteile, die sich durch das Internet im Alltagsleben ergeben und wertschätzen entsprechende Entwicklungen. So begrüßen sie beispielsweise, dass man eine Reise auch bequem von zu Hause aus buchen kann, auch wenn sie selbst lieber ins Reisebüro gehen.
  • … sie delegieren Online-Aktivitäten an vertraute Personen. Dies betrifft zum Beispiel den „Auftrag“, schnell etwas zu recherchieren oder etwas im Internet zu bestellen, das über andere Wege nicht oder nur mühsam zu beschaffen wäre.

Zudem ist fraglich, ob es mittlerweile überhaupt noch möglich ist, offline zu sein. Auch Menschen, die das Internet nicht nutzen, wissen, dass immer mehr Prozesse im Alltag, an denen auch sie teilnehmen, online gesteuert sind. Ist beispielsweise jemand ein Offliner, der sich in einem online-gestützten Verkehrsleitsystem bewegt? Offliner werden somit zwangsläufig immer mehr zu (Passiv-)Onlinern, nämlich wenn digitale Infrastrukturen immer unsichtbarer werden und sich das Internet der Dinge weiter etabliert.

Die Gruppe der Offliner bedarf dennoch der Aufmerksamkeit und Unterstützung. Nicht wenige fühlen sich überfordert und es macht ihnen Angst, dass immer mehr Bereiche ihres vertrauten Alltags dem digitalen Wandel unterworfen werden. In dieser Gruppe sammeln sich zudem auch andere Zukunftsängste (gesundheitliche Versorgung, ökonomische Existenzsicherung etc.), die vor allem mit Blick auf die soziodemografischen Merkmale nachvollziehbar werden: Hier finden sich überwiegend Personen, die formal niedrige Bildungsabschlüsse erzielt haben, über 64 Jahre alt sind oder im niedrigen Einkommensbereich nahe dem Existenzminimum leben.

Ungleich verteilte Teilhabechancen an der digitalisierten Gesellschaft

Die vorliegende Studie beschreibt nicht nur die verschiedenen Einstellungen zum Internet, sondern identifiziert milieuspezifische Grade der Teilhabe bzw. Teilhabechancen am digitalen Leben. Diese digitale Teilhabe muss heute als wesentlicher Bestandteil sozialer Teilhabe verstanden werden – denn: Ohne digitale Teilhabe keine soziale Teilhabe. Die Ergebnisse zeigen, dass die Teilhabechancen an der digitalisierten Zukunft über die DIVSI Internet-Milieus ungleich verteilt sind und dies ist längst mehr als eine Frage danach, ob jemand das Internet nutzt oder nicht. Entscheidend ist neben dem Wunsch nach digitaler Teilhabe die subjektiv empfundene Souveränität:

  • Einen hohen Grad an digitaler Teilhabe weisen die internetnahen Gruppen der Netz-Enthusiasten, Souveränen Realisten und Effizienzorientierten Performer auf. Sie vereint eine subjektiv hohe Souveränität im Umgang mit dem Internet und ein ausgeprägter Wunsch, an allem was im Netz passiert, teilzuhaben. Neuen Innovationen werden hohes Interesse und Aufmerksamkeit entgegen gebracht. Gleichzeitig fühlen sie sich in der Lage, auf Unvorhergesehenes und auf Gefahren entsprechend reagieren zu können. In diesen Internet-Milieus stehen die Chancen der Digitalisierung im Fokus der Aufmerksamkeit. Zukünftige Entwicklungen, die eine noch stärkere Organisation des beruflichen wie privaten Alltags mithilfe des Internets erfordern, stellen für sie keinerlei Hindernis dar. Mehr noch: Sie sehen sich in der Lage – auch über das Internet – die Gesellschaft mitzugestalten, etwa in Form von digital organisierten Meinungsbildungsprozessen.
  • Einen mittleren Grad an digitaler Teilhabe weisen die Gruppen der Verantwortungsbedachten Etablierten und der Vorsichtigen Skeptiker auf. Diese Internet-Milieus zeichnet eine Zurückhaltung bei der Nutzung des Internets aus. Hintergrund ist eine gewisse Überforderung mit dem Netz – teils verzichten sie aus Sorge vor Sicherheitsproblemen auf verschiedene Anwendungen und Möglichkeiten, wie beispielsweise Online-Banking. Aber auch ihr Interesse an der Digitalisierung ist geringer als in den Internet-Milieus mit einem hohen Teilhabe-Grad. Die Unsicherheit im Umgang mit dem Internet, gepaart mit einer eingeschränkten Chancenwahrnehmung wirkt als Barriere für die Teilhabe an zukünftig noch stärker digital geprägten Infrastrukturen und Angeboten.
  • Besonderes Augenmerk wird künftig auf die Unbekümmerten Hedonisten zu richten sein: Ihrem zwar vorhandenen großen Wunsch nach Teilhabe stehen eine ausgeprägte Überforderung und ein vergleichsweise unbedarfter Umgang mit möglichen Risiken entgegen. Sie weisen, gemeinsam mit den Internetfernen Verunsicherten, einen eher geringen Grad digitaler Teilhabe auf und sind nur teilweise in der Lage, Chancen und Optionen der Digitalisierung für sich zu nutzen und an zukünftigen Entwicklungen zu partizipieren.
  • Ein besonders geringer Teilhabegrad an der digitalen Welt findet sich bei den Internetfernen Verunsicherten. Sie fühlen sich weder kompetent im Umgang mit Online-Angeboten, noch zeigen sie einen ausgeprägten Wunsch, von diesen Gebrauch zu machen. Diese Gruppe ist zudem zu einem großen Teil in prekärer sozioökonomischer Lage.

Zur Sicherstellung der digitalen und damit auch immer mehr der sozialen und gesellschaftlichen Teilhabe reicht weder die Bereitstellung technischer Zugänge noch die Motivation zu mehr Internetnutzung aus. Entscheidend ist vielmehr, die Menschen auch entsprechend zu befähigen, sich souverän in der digitalen Welt bewegen und Risiken richtig einzuschätzen zu können. Dabei geht es wesentlich auch um die Frage, wie sichere und nachvollziehbare Rahmenbedingungen geschaffen werden können, die gerade für internetferne Personen vertrauensbildend wirken.

Der Glaube an Datensicherheit im Internet schwindet – aber das trübt den Optimismus nicht

Im Vergleich zu 2012 fühlt sich die Bevölkerung in Deutschland den verschiedenen Risiken heute stärker ausgesetzt. Die Befragten berichten zum Beispiel häufiger von tatsächlichen Negativerlebnissen wie dem Befall ihrer Computer mit Schadprogrammen, der Belästigung durch Spam-Mails etc. Insgesamt erscheint das Thema Sicherheit im Netz präsenter, aber auch diffuser als noch 2012. Der „Glaube“ an eine grundsätzlich mögliche (Daten-)Sicherheit ist deutlich zurückgegangen; es hat sich vielmehr ein nüchterner Fatalismus eingestellt. Insbesondere die Sorge um einen möglichen Missbrauch der eigenen persönlichen Daten treibt die Menschen in Deutschland um. Sie haben Schwierigkeiten einzuschätzen, welche Auswirkungen beispielsweise die Enthüllungen des ehemaligen NSA-Mitarbeiters Edward Snowden oder Vorfälle wie die Hackerangriffe auf den deutschen Bundestag auch für sie persönlich haben (könnten). Interessant ist, dass die gestiegene Wahrnehmung verschiedener Risiken im Internet nicht dazu führt, dass die Menschen weniger vom Internet begeistert sind. Im Gegenteil: Der Internetoptimismus ist sogar gestiegen.

Sinkendes Vertrauen in diejenigen, die Verantwortung tragen sollten

Den Menschen ist noch deutlicher bewusst als vor vier Jahren, dass es in punkto Verantwortung für Sicherheit im Internet keine einfachen Lösungen geben kann. Wer den Staat in der Verantwortung sieht, möchte noch lange nicht, dass dieser etwas reglementiert. Wer Eigenverantwortung befürwortet, verlangt gleichzeitig klare Regeln.

Für Sicherheitsfragen im Internet sieht die große Mehrheit der Bevölkerung auch sich selbst in der Pflicht (82 Prozent). Eine Grundregel ist aus Nutzersicht, sich in der Infrastruktur des Netzes bewusst zu bewegen; man sollte die notwendigen Regeln beachten und Vorsichtsmaßnahmen ergreifen (z.B. sichere Passwörter wählen) sowie den gesunden Menschenverstand einschalten; sonst ist man selbst schuld, wenn etwas passiert. Neben der eigenen Umsicht wird der Staat als verantwortlich für Sicherheitsfragen gesehen. Die deutliche Mehrheit der Befragten (70 Prozent) erwartet, dass sich dieser aktiv um Sicherheit im Netz kümmert. Umgekehrt ist jedoch das Vertrauen in die Fähigkeit des Staates, die Bürger vor den Gefahren zu schützen, seit 2012 deutlich zurückgegangen.

Als dritter Akteur im Kontext Sicherheit werden Unternehmen, also die Anbieter von Online-Diensten, in die Pflicht genommen. Die breite Mehrheit (88 Prozent) der Bevölkerung ist beispielsweise der Meinung, dass Unternehmen für einen besseren Datenschutz sorgen sollten. Gleichzeitig ist mehr als die Hälfte der Befragten davon überzeugt, dass Anbieter von Online-Diensten nicht gewissenhaft mit Nutzerdaten umgehen.

Ausblick: Sind die Menschen ausreichend auf eine digitalisierte Zukunft vorbereitet?

Das Internet wird im Alltag der Menschen insbesondere durch mobile onlinefähige Geräte immer präsenter. Weitere Innovationen werden diese Dynamik in den nächsten Jahren nochmals verstärken. Nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung hat bereits konkrete Vorstellungen von den Möglichkeiten, die zum Beispiel „SmartHome“-Technologien bieten und es wird noch dauern, bis das „Internet der Dinge“ im Alltag der Menschen zur Normalität wird. Eine rechtzeitige Vorbereitung auf neue, infrastrukturelle Entwicklungen ist jedoch wichtig, damit die Möglichkeiten und Risiken neuer Techniken richtig eingeschätzt und zum persönlichen Vorteil in den Alltag integriert werden können.

Eine weitere Entwicklung, die zukünftig deutlich relevanter werden wird, ist der auf verschiedensten Wegen stattfindende Handel mit persönlichen Daten. Auch wenn den meisten Befragten im Prinzip klar ist, dass Unternehmen ihre Daten monetarisieren, können sie für den eigenen Handlungsbereich nicht überblicken, ob und inwieweit sie selbst (schon) Teil dieses komplexen Systems einer Datenvermarktung sind. „Personal Data Economy“ im Sinne einer aktiv eingesetzten persönlichen Daten-Strategie ist noch selten anzutreffen (außer z.B. bei professionellen Bloggern). Gerade hier ist es aber von Bedeutung, dass die Nutzer – wenn sie schon ihre Daten zur Verfügung stellen – um den Wert ihrer Daten wissen und sich diesen ggf. auch entsprechend vergüten lassen. Dazu gehört auch, Nutzer überhaupt in die Lage zu bringen, selbst entscheiden zu können, ob und wie ihre Daten verwendet werden dürfen, was auch mit Aufklärung und entsprechend notwendigen Rahmenbedingungen verbunden ist.

Aufklärende Maßnahmen über Möglichkeiten aber auch Fallstricke künftiger Entwicklungen wären demnach wichtige Handlungsansätze, um möglichst viele Menschen als souveräne Akteure an der digitalen Welt teilhaben zu lassen. Für die Frage, wie die jeweiligen Personengruppen erreicht und angesprochen werden können, liefert die vorliegende Studie detaillierte Beschreibungen der digitalen Lebenswelten in Deutschland. Zudem identifiziert sie diejenigen Internet-Milieus, die Gefahr laufen, von zukünftigen Entwicklungen ausgeschlossen zu sein, obwohl sie Onliner sind. Dabei wird deutlich, dass die Grenzen künftig immer weniger zwischen Onlinern und Offlinern verlaufen werden, sondern zwischen denjenigen, die den digitalen Wandel aktiv mitgestalten und denen, die daran teilhaben wollen, aber nicht können.