8.4 Eine digitale Auszeit wünschen sich vor allem diejenigen, die nicht so häufig online sind

In den vergangenen Jahren wird vermehrt über das Phänomen eines „Digital Detox“ (deutsch: Digitale Entgiftung) berichtet. Dahinter verbirgt sich die Idee, sämtliche digitalen Verbindungen für eine gewisse Zeit zu kappen, um so den Stress abzubauen, der durch „Always-On“ und die damit einher- gehende ständige Erreichbarkeit entsteht. Nachdem bereits rund um den kalifornischen IT-Standort Silicon Valley erfolgreich „Digital Detox“-Wochenenden angeboten werden, haben sich jetzt auch in Deutschland die ersten Anbieter auf solche Angebote spezialisiert: An Wochenenden in der Natur wird den Teilnehmenden eine Reihe „analoger Erlebnisse“ geboten, die zur Erholung führen und „den inneren Akku“ wieder aufladen sollen. Aber auch im Kleinen wird der „Digital Detox“ praktiziert. So verzichten einige gelegentlich bewusst auf digitale Medien und darauf, erreichbar zu sein – sei es zu Hause, bei einem Spaziergang oder beim Sport.

Die Vermutung liegt nahe, dass sich vor allem die Intensivnutzer des Internets mitunter „digital vergiftet“ fühlen und digitale Auszeiten zur Erholung wünschen. Tatsächlich ist es aber genau andersrum: Es sind die Personen, die eher selten und kurz online sind, die angeben, sich besser offline als online zu erholen. Dies zeigt unter anderem der Vergleich zwischen den Nutzern, die täglich online sind und denjenigen, die seltener online sind: Von den täglichen Nutzern sagen 46 Prozent, dass sie sich besser erholen, wenn sie offline sind. Bei den Onlinern, die nicht jeden Tag im Internet sind, sagen dies deutlich mehr: 56 Prozent.

Da angenommen werden kann, dass Stress im Zusammenhang mit digitalen Medien auch oder vor allem durch die berufliche Nutzung entsteht, lohnt der Vergleich zwischen Personen, die viel bzw. wenig Zeit für berufliche Zwecke online sind. Es zeigt sich, dass wer beruflich viel mit dem Internet zu tun hat, kein gesteigertes Bedürfnis nach Erholung abseits digitaler Medien hat. Am größten ist der Anteil derer, die sagen, dass sie sich am besten offline erholen, sogar bei der Gruppe, die am wenigsten Zeit (unter einer Stunde am Tag) für berufliche Zwecke online ist.

Wunsch nach digitalen Auszeiten

Erklärungsansatz: In manchen DIVSI Internet-Milieus findet Erholung mittlerweile online statt

Warum verhält es sich so widersprüchlich, dass nicht in erster Linie die Intensivnutzer zur Entspannung und Erholung offline sein wollen? Dies liegt daran, dass es vielen mittlerweile besonders gut oder gar besser gelingt, mit Hilfe von Internetangeboten abzuschalten – beispielsweise bei Musik oder Filmen, die über Streamingdienste geladen werden oder bei Videospielen. Der Blick auf die DIVSI Internet-Milieus zeigt, dass es vor allem die digitalen Lebenswelten mit einem schmalen Nutzungsspektrum digitaler Unterhaltungsmöglichkeiten sind, für die Erholung eher fernab digitaler Sphären stattfindet.

Digitale Auszeiten – Milieu-Unterschiede

Mehrheitlich äußern insbesondere die Internetfernen Verunsicherten (69 Prozent), die Vorsichtigen Skeptiker (58 Prozent) und die Verantwortungsbedachten Etablierten (55 Prozent), dass sie sich am besten offline erholen. Es sind gerade diese Internet-Milieus, die im Vergleich wenigen Aktivitäten online nachgehen. Vor allem Unterhaltungsangebote finden im Milieu-Vergleich hier selten Verwendung: Die drei genannten Internet-Milieus streamen selten Musik, Podcasts oder Filme, nutzen die Mediatheken von TV-Sendern wenig und spielen kaum Videospiele. Auf den ersten Blick überraschend erscheint die Tatsache, dass die Unbekümmerten Hedonisten sich auch mehrheitlich am besten offline erholen können. Dieses Internet-Milieu ist zwar online-begeistert, aber auch jenseits der Online-Welt unterhaltungsorientiert und viel unterwegs. Sich „richtig“ zu erholen bedeutet bei den Unbekümmerten Hedonisten vor allem, andere Menschen zu treffen und etwas zu erleben. Die Internet-Milieus, die dem Gedanken des „Digital Detox“ hingegen scheinbar weniger abgewinnen können, sind die Netz-Enthusiasten (27 Prozent), die Souveränen Realisten (40 Prozent) und die Effizienzorientierten Performer (44 Prozent). Alle drei zeichnen sich durch ein breites Nutzungsspektrum aus und nutzen auch Online-Unterhaltungsmöglichkeiten im Milieu-Vergleich oft. Darüber hinaus sind sie kompetente Internetnutzer, für die der Umgang mit digitalen Medien selbstverständlich und keine Stresssituation ist. Im Besonderen gilt dies für die Netz-Enthusiasten.