5.2 Teilhaben zu wollen, heißt nicht unbedingt, teilhaben zu können

Die Bündelung der genannten Teilhabevoraussetzungen verdeutlicht die Existenz unterschiedlicher Teilhabe-Grade, denen die DIVSI Internet-Milieus – wie auf der folgenden Grafik ersichtlich – zugeordnet werden können.

DIVSI Internet-Milieus 2016: Teilhabe-Grade

Die in Rottönen gehaltenen, dem Internet sehr offen und positiv gegenüberstehenden Internet-Milieus der Netz-Enthusiasten, der Souveränen Realisten und der Effizienzorientierten Performer weisen einen hohen Grad an Teilhabe an der digitalen Welt auf. Diese drei Gruppen haben ein weit überdurchschnittlich ausgeprägtes Interesse an dem, was im Internet geschieht und sind begeistert von den Möglichkeiten, die das Internet privat und beruflich bietet. Gleichzeitig zeigen sie einen sehr souveränen Umgang mit dem Netz. Eine empfundene Überforderung im Zusammenhang mit Nutzungs- und Sicherheitsfragen kommt in diesen drei digitalen Lebenswelten quasi nicht vor. Die Netz-Enthusiasten schreiben sich im Milieu-Vergleich die höchste Internetkompetenz zu, gefolgt von den Souveränen Realisten und den Effizienzorientierten Performern.

Einen mittleren Grad an digitaler Teilhabe weisen die DIVSI Internet-Milieus der Unbekümmerten Hedonisten, der Verantwortungsbedachten Etablierten und der Vorsichtigen Skeptiker auf. Die selbst zugeschriebene Internetkompetenz liegt bei allen drei Typen etwas unter dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Das Zusammenspiel von Teilhabe-Wunsch und Souveränität gestaltet sich bei diesen Internet-Milieus divergent:

Die Verantwortungsbedachten Etablierten weisen einen mittleren Grad an digitaler Teilhabe auf, weil sie zwar einen relativ souveränen Umgang mit dem Internet vorweisen, ihr Teilhabe-Wunsch jedoch als bedingt und – im Vergleich zu den sehr internet-euphorischen Gruppen mit hohem Teilhabe-Grad – als „gebremst“ beschrieben werden kann. Verantwortungsbedachte Etablierte sind sehr sicherheitsorientierte, abwägende und selektive Nutzer, die durchaus auf Angebote im Internet – wie zum Beispiel Online-Banking – verzichten, weil diese ihnen zu riskant erscheinen. Die Vorsichtigen Skeptiker bewegen sich hinsichtlich ihres Teilhabe-Wunsches leicht unter dem Durchschnitt und ein knappes Drittel von ihnen ist mit dem Internet eigentlich überfordert (gesamt: 30 Prozent). Ihre Unsicherheit und ihre ausgeprägten Sicherheitsbedenken lassen sie von vielen Aktivitäten Abstand halten. Diese beiden Internet-Milieus können als selektive Onliner beschrieben werden, die Online-Angebote nur nutzen, wenn sie definitiv überzeugt sind, dass diese die bessere Lösung darstellen (z.B. für Recherchen). Auch die Unbekümmerten Hedonisten weisen einen mittleren Grad an digitaler Teilhabe auf. Sie charakterisiert zwar ein überdurchschnittlich ausgeprägter Wunsch, an dem teilzuhaben, was im Internet geschieht, sie sind mit diesem allerdings stärker als der Durchschnitt überfordert und weniger souverän. Dem bei den Unbekümmerten Hedonisten deutlich vorhandenen Wunsch nach Teilhabe steht also ihre Unsicherheit im Umgang mit dem Netz entgegen. Ihre Überforderung äußert sich durch eine weniger differenzierte und deutlich weniger gefahrensensibilisierte Sicht auf das Internet. Fehlendes Wissen über mögliche Gefahren und entsprechende Sicherheitsmaßnahmen und eine fatalistische Akzeptanz eventuell zu erlebender Schäden führen dazu, dass deutlich weniger Sicherheitsmaßnahmen, etwa zum Virenschutz etc., ergriffen werden. Aufgrund dieses unbekümmerten, teils sogar hilflosen Umgangs mit möglichen Risiken und Gefahren ist ein Teil dieses Internet-Milieus im Bereich der geringsten digitalen Teilhabe anzusiedeln.

Personen mit dem geringsten Grad an digitaler Teilhabe befinden sich insbesondere im Internet-Milieu der Internetfernen Verunsicherten. Die Vertreter dieses Internet-Milieus zeichnet ein deutlich eingeschränktes Interesse und eine gleichsam nicht vorhandene Souveränität im Umgang mit dem Internet aus, die sich aus Verunsicherung und Überforderung, aber auch aus einer sehr eingeschränkten subjektiven Internetkompetenz speist. Sie sind nicht in der Lage, sich souverän und sicher im Netz zu bewegen und meiden es zu einem großen Anteil: 72 Prozent der Internetfernen Verunsicherten sind Offliner. Sie verspüren so gut wie keinen Wunsch nach digitaler Teilhabe, die Wahrnehmung von Risiken überwiegt eindeutig das Erkennen möglicher Chancen und Vorteile der Digitalisierung.

Verortung der DIVSI Internet-Milieus im Spannungsfeld von Souveränität und Teilhabe-Wunsch

Wie sich verschiedene Gruppen in der Bevölkerung in Deutschland nach dem Grad ihres Teilhabewunsches und nach ihrer Souveränität im Umgang mit dem Netz unterscheiden, wird abschließend grafisch veranschaulicht: Je höher und weiter rechts angeordnet sich ein Internet-Milieu befindet, desto größer ist der Wunsch nach digitaler Teilhabe (Zustimmung zur Aussage „Ich möchte an dem teilhaben, was im Internet passiert“) und die selbst zugeschriebene Kompetenz beziehungsweise Souveränität im Milieu-Vergleich (Zustimmung zur Aussage „Eigentlich bin ich mit dem Internet überfordert“). An der Spitze stehen die Netz-Enthusiasten; vergleichbar hohe Index-Werte zeigen sich bei den Souveränen Realisten und den Effizienzorientierten Performern. Die Verantwortungsbedachten Etablierten liegen im Mittelfeld, gefolgt von den Unbekümmerten Hedonisten und den Vorsichtigen Skeptikern. Den mit Abstand geringsten Index-Wert erreichen die Internetfernen Verunsicherten, sie wünschen weder an dem Internet teilzuhaben noch halten sie sich für souverän.

Index digitaler Teilhabe – Milieu-Unterschiede

Was bedeutet ein eingeschränkter Grad an digitaler Teilhabe?

Welche Konsequenzen zieht es nach sich, wenn das Interesse an dem, was im Netz geschieht und/ oder eine gewisse Souveränität nicht oder nur eingeschränkt gegeben ist? Was bewirkt ein eingeschränkter Grad an digitaler Teilhabe, wenn davon auszugehen ist, dass in Zukunft vieles nur noch online erledigt werden kann? Was bedeutet es, wenn das Internet der Dinge weiter ins Private vordringt und beispielsweise finanzielle Einsparmöglichkeiten – etwa bei Heizkosten – am besten und effektivsten über netzbasierte Anwendungen und entsprechende Geräte erreicht werden können? Was heißt es, wenn gesellschaftliche Mitsprache – auch, aber nicht nur im politischen Kontext – immer häufiger über so genannte Beteiligungsverfahren und -plattformen im Internet stattfindet?

Die verschiedenen Grade digitaler Teilhabe bei den DIVSI Internet-Milieus verweisen darauf, dass es in Deutschland relevante Bevölkerungsgruppen gibt, die wenig oder auch gar nicht an vom Internet getragenen und gesteuerten zukünftigen Entwicklungen partizipieren und von diesen profitieren können. Dabei handelt es sich keineswegs nur um „Offliner fortgeschrittenen Alters“; vielmehr werden auch aktive und netzaffine Gruppen wie die Unbekümmerten Hedonisten von bestimmten zukünftigen Entwicklungen ausgeschlossen sein. Wegen ihrer Überforderung im Umgang mit dem Netz werden sie sich Chancen und Vorteile der Digitalisierung im Alltag nur eingeschränkt zu Nutze machen können. Auch bei netzbasierten Mitspracheformen werden sie möglicherweise außen vor bleiben.

Wenn die fortschreitende Digitalisierung Sorge bereitet

Ein Teil der Bevölkerung befürchtet, künftig von der Gesellschaft durch die fortschreitende Digitalisierung abgekoppelt zu werden. Bei den Internetfernen Verunsicherten, den Unbekümmerten Hedonisten und den Vorsichtigen Skeptikern löst die Vorstellung, dass in Zukunft vieles nur noch über das Internet erledigt werden kann, durchaus Angst und Sorge aus.

Knapp die Hälfte der Vorsichtigen Skeptiker, die einen mittleren Grad an digitaler Teilhabe aufweisen, empfindet Unbehagen bei dem Gedanken, dass das Internet zukünftig eine noch größere Rolle im eigenen Alltag spielen wird. Bei den klar am Netz interessierten Unbekümmerten Hedonisten mit einem mittleren bis niedrigen Grad an digitaler Teilhabe, äußert etwas mehr als die Hälfte diese Sorge. Ganz abgeschlagen sind hier die Internetfernen Verunsicherten. Sie sehen sich nicht in der Lage, mitzuhalten und mitzumachen, wenn das Internet einen noch weitergehenden Einzug in ihr Leben hält.

Völlig anders verhält es sich bei den Souveränen Realisten, den Netz-Enthusiasten und den Effizienzorientierten Performern. Sie blicken mit großer Gelassenheit in eine digitalisierte Zukunft und sehen sich ohne Zweifel in der Lage, die zu erwartenden Entwicklungen mitzumachen und an ihnen teilzuhaben. Auch die Verantwortungsbedachten Etablierten, die einen mittleren Grad an digitaler Teilhabe aufweisen, erwarten bei der Vorstellung, dass vieles in Zukunft nur noch über das Internet laufen wird, für sich keine „gravierenden Probleme“.

Bedenken bzgl. zu umfassender Digitalisierung