8.1 Wer mehr Chancen als Gefahren im Internet sieht, schützt sich; wer mehr Gefahren wahrnimmt, schützt sich weniger

Im Allgemeinen liegt die Vermutung nahe, dass Personen, die mehr Gefahren wahrnehmen auch mehr Sicherheitsmaßnahmen ergreifen. Untersucht man aber den Zusammenhang von Gefahrenwahrnehmung und ergriffenen Sicherheitsmaßnahmen bei der Internetnutzung, offenbart sich ein Paradoxon: Präventionsmaßnahmen ergreifen vor allem diejenigen, die betonen, dass es mehr Chancen als Risiken im Internet gibt und eben nicht die Personen, die eher auf die Gefahren im Netz sehen. Die folgende Grafik zeigt, wie sich diese beiden Gruppen in der Anwendung konkreter Sicherheitsmaßnahmen unterscheiden:

Anwendung von Sicherheitsmaßnahmen

79 Prozent der Onliner, die eine eher chancenorientierte Einstellung zum Internet haben, verwenden Virenschutzprogramme. Bei den Onlinern, die eher die Gefahren betonen, sind es hingegen nur 61 Prozent. Bei der regelmäßigen Aktualisierung von Schutzprogrammen und der Verwendung einer Firewall zeigt sich ein ähnliches Bild.

Wie aber lässt sich dieser Widerspruch erklären bzw. auflösen? Warum ergreifen gerade die „Chancenorientierten“ aktiver Sicherheitsmaßnahmen als die „Gefahrenorientierten“?

Erklärungsansatz #1: Chancenorientierte pochen stärker auf Eigenverantwortung und sehen sich als kompetenter im Umgang mit dem Internet

Menschen, die eher Chancen als Gefahren im Netz sehen, setzen stärker auf Eigenverantwortlichkeit im Internet. 85 Prozent von ihnen sind der Meinung, dass jeder selbst für die eigene Sicherheit im Internet zu sorgen hat. Bei den weniger „Chancenorientierten“ sind es 71 Prozent. Zum anderen halten sich diejenigen Internetnutzer, die eher die Chancen betonen, bezüglich aktueller Sicherheitstechnik eher auf dem Laufenden: 26 Prozent dieser eher Chancenorientierten, informieren sich über Sicherheitstechnik, aber nur 10 Prozent der eher Gefahrenorientierten. Generell blickt die chancenorientierte Gruppe selbstbewusster auf die eigene Internetkompetenz als die Gruppe, die eher die Gefahren betont.

Gefahrenwahrnehmung und Eigenverantwortung / -kompetenz

Erklärungsansatz #2: Chancenorientierte Milieus verbringen mehr Zeit online und ergreifen daher „zwangsläufig“ mehr Sicherheitsmaßnahmen, weil sie sich auch mehr Gefahren aussetzen

Der Blick auf die digitalen Lebenswelten ermöglicht zusätzliche Ansatzpunkte, um dieses widersprüchlich erscheinende Handeln genauer zu beleuchten. Außer bei den Internetfernen Verunsicherten überwiegt in allen Internet-Milieus die Chancenperspektive – am deutlichsten trifft das jedoch auf die Verantwortungsbedachten Etablierten sowie die netzaffinen Milieus der Netz-Enthusiasten, Effizienzorientierten Performer und Souveränen Realisten zu.

Insbesondere für die drei letztgenannten Internet-Milieus sind die digitalen Möglichkeiten gelebter Alltag. Sie verbringen deutlich mehr Zeit online als die übrigen Milieus und erleben nicht nur gewünschte Vorteile des Internets, sondern begegnen in ihrem (alltäglichen) Umgang auch häufiger Gefahrensituationen, denen sie aus dem Weg gehen müssen. Der Blick auf getroffene Sicherheitsmaßnahmen zeigt, dass eben diese versierten und netzaffinen Milieus deutlich häufiger Vorkehrungen treffen, um sich im Netz zu schützen. Bei den Verantwortungsbedachten Etablierten stellt insbesondere ihre stark sicherheitsorientierte Einstellung zum Internet den Beweggrund dar, mögliche Maßnahmen auch tatsächlich zu ergreifen.

Chancenorientierung – Milieu-Unterschiede

Sicherheitsmaßnahmen – Milieu-Unterschiede