7.2 Strategien im Umgang mit Risiken im Netz: Annehmen, vermeiden oder bewältigen

Eine Gefahren- bzw. Risikobewertung für das Internet als Ganzes ist den Onlinern kaum möglich und so messen sie unterschiedlichen Aktivitäten ganz unterschiedliche Risiken zu. Auch hinsichtlich der gezogenen Konsequenzen ergibt sich ein breites Handlungsspektrum. Es zeigen sich drei Strategien des Umgangs mit wahrgenommenen Gefahren:

  • Die Akzeptanz bzw. Hinnahme möglicher Gefahren,
  • die Vermeidung bestimmter Internetaktivitäten, um Gefahren aus dem Weg zu gehen und
  • das Ergreifen konkreter Sicherheitsmaßnahmen.

Welche Strategie wie ausgeprägt verfolgt wird, hängt zum einen von der generellen Relevanz der Internetaktivitäten ab, unterscheidet sich aber zum anderen stark in den jeweiligen digitalen Lebenswelten.

Inkaufnahme von Risiken aufgrund von Unverzichtbarkeit

Mit 35 Prozent ist der Anteil derer, die ein Online-Angebot nutzen, obwohl sie dabei ein Risiko wahrnehmen, beim E-Mail-Verkehr am größten. Diese Beobachtung ist plausibel, wenn man bedenkt, dass die meistgenannte wahrgenommene Gefahr auch die am häufigsten gemachte Negativ-Erfahrung bei der Internetnutzung ist: Die Belästigung durch unerwünschte E-Mails. Allerdings ist das Versenden und Empfangen von E-Mails eines der Angebote, die von den meisten Onlinern (90 Prozent) genutzt werden. Da viele Services im Internet nur dann in Anspruch genommen werden können, wenn eine E-Mail-Adresse hinterlegt wird, ist der antizipierte Nachteil eines E-Mail-Verzichts groß, und das verbundene Risiko wird in Kauf genommen.

Inkaufnahme von Risiken aus Sorglosigkeit

Ein Viertel der Onliner macht sich um die eigene Sicherheit im Internet keine Gedanken, weil sie keine ernsthaften Gefahren für sich persönlich wahrnehmen. Mit 57 Prozent ist diese Auffassung jedoch nur bei den Unbekümmerten Hedonisten mehrheitlich vertreten. Diese Gruppe ist sich vieler Gefahren nicht bewusst und zeichnet sich durch einen eher laxen Umgang mit Sicherheitsfragen aus. Aber auch 41 Prozent der Netz-Enthusiasten geben an, sich keine Gedanken über ihre Sicherheit im Netz zu machen. Gemein mit den Unbekümmerten Hedonisten ist ihnen, dass sie nur äußerst ungern dazu bereit sind, aus Risikogründen auf die Möglichkeiten des Internets zu verzichten. Allerdings sind sie im Umgang mit digitalen Medien sehr viel selbstbewusster als die Unbekümmerten Hedonisten, so dass sie optimistisch sind, Probleme lösen zu können, die durch argloses Surfverhalten auftreten könnten.

Vermeidung bestimmter Internetaktivitäten als Vorsichtsmaßnahme

Ein Viertel der Onliner meidet aufgrund von Risikowahrnehmungen Aktivitäten, die einen möglichen finanziellen Schaden, einen Verlust wichtiger Daten oder rechtliche Probleme nach sich ziehen könnten (z.B. Online-Banking, Nutzung von digitalen Speicherdiensten, Streamen bzw. Hoch- und Herunterladen gratis verfügbarer Inhalte). Der Blick auf die DIVSI Internet-Milieus offenbart in diesem Zusammenhang ausgeprägte Unterschiede zwischen den internetfernen und den internetnahen Milieus. So meidet gut ein Viertel der Internetnutzer Online-Banking wegen der damit verbundenen Risiken. Unter den Internetfernen Verunsicherten ist es sogar die Hälfte. Wenn überhaupt im Internet unterwegs, agiert diese Gruppe generell sehr vorsichtig. Die Vertreter dieser Lebenswelt fühlen sich schnell überfordert und versuchen, jegliche Risikoherde zu umgehen. So werden auch Geldgeschäfte lieber am Schalter im persönlichen Gespräch abgewickelt. Die Vorsichtigen Skeptiker und Verantwortungsbedachten Etablierten sind ebenfalls zurückhaltend in Sachen Online-Banking, ganz anders die Netz-Enthusiasten – hier geben nur 18 Prozent an, aus Risikogründen auf Online-Banking zu verzichten. Für dieses Internet-Milieu finden nahezu alle Lebensbereiche auch im Netz statt. Die Risiken bei Internet-Aktivitäten werden geringer bewertet bzw. eher in Kauf genommen. Bei anderen Aktivitäten können sie die von anderen Milieus wahrgenommenen Gefahren zum Teil gar nicht erkennen bzw. nachvollziehen. Zum Beispiel verzichten nur 4 Prozent der Netz-Enthusiasten aus Sicherheitsgründen auf das Einstellen von eigenen Beiträgen in Sozialen Netzwerken (gesamt: 26 Prozent). Auf Chatten bzw. Instant Messaging verzichtet in dieser Gruppe aus Risikogründen so gut wie niemand (0,4 Prozent vs. 12 Prozent in der Gesamtbevölkerung).

Risikoverarbeitung – Milieu-Unterschiede

Je höher die subjektive Souveränität desto geringer die Verzichtsbereitschaft

„Im Internet bin ich eher zurückhaltend, aus Sorge, dass ich Fehler mache“ – während von den Onlinern der Netz-Enthusiasten hier nur 12 Prozent zustimmen, sind es bei den Internetfernen Verunsicherten 90 Prozent. Verzicht auf bestimmte Online-Services aus Sicherheitsgründen ist bei den Netz-Enthusiasten keine Option. Zudem betrachten sie das Internet nicht aus der „Fehlerperspektive“, sondern erwarten, dass ein Angebot so intuitiv bedienbar ist, dass sie keine Fehler machen können. Ansonsten würde es sich ohnehin nicht durchsetzen. Auch die Souveränen Realisten sehen vor dem Hintergrund ihrer selbst zugeschriebenen Internetkompetenz keinen Anlass, sich in ihrem Online-Verhalten zurückzuhalten. Für die Internetfernen Verunsicherten ist die primäre Perspektive im Internet hingegen die Gefahr: Sie denken zunächst an die eigenen (mangelnden) Kompetenzen und machen daher nur Dinge, bei denen sie sich sicher fühlen, d.h. nur sehr wenige.

Zurückhaltung als Vorsichtsmaßnahme – Milieu-Unterschiede

Abwehr von Gefahren durch das Ergreifen konkreter Sicherheitsmaßnahmen

Den Menschen sind diverse Möglichkeiten bekannt, sich vor Gefahren im Internet zu schützen. Die nachfolgende Grafik zeigt die zehn meistgenutzten Sicherheitsmaßnahmen. Besonders häufig werden Virenschutzprogramme verwendet, dennoch ist knapp ein Viertel der Onliner ohne ein solches Schutzprogramm im Netz unterwegs. 60 Prozent verwenden eine Firewall, weniger als die Hälfte achtet darauf, so wenig persönliche Daten wie möglich im Internet zu hinterlassen. Die Passwörter ändert nur ein Drittel regelmäßig.

Die am seltensten ergriffenen Maßnahmen stehen im Zusammenhang mit Beratungs- und Aufklärungsangeboten: Lediglich 3 Prozent der Onliner besuchen spezielle Kurse, die sie im Bereich Internetsicherheit fit machen oder wenden sich an professionelle Beratungsstellen, z.B. über telefonische Hotlines.

Ergriffene Sicherheitsmaßnahmen

IT-Sicherheit ist vorwiegend eine Männer-Domäne

Während es mit Blick auf Nutzungsweise und Einstellungen zum Internet kaum Geschlechterunterschiede gibt, ist das Themengebiet IT-Sicherheit hingegen eine Männerdomäne. Alle abgefragten Sicherheitsmaßnahmen werden häufiger von Männern als von Frauen ergriffen. Frauen tendieren eher dazu, die Verantwortung für die eigene Sicherheit im Internet an andere zu übertragen. Beispielsweise sagen 24 Prozent aller Internetnutzerinnen, dass sich jemand anderes um ihre IT-Sicherheit kümmert. Von den Männern sagen dies lediglich halb so viele. Des Weiteren informieren sich deutlich weniger Frauen als Männer über Sicherheitstechnik (15 Prozent vs. 31 Prozent). Diese geschlechterspezifischen Unterschiede sind dabei altersunabhängig.

Wenn nur wenige Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden, fehlt häufig das Wissen darüber

Die Onliner der Internet-Milieus der Unbekümmerten Hedonisten und der Internetfernen Verunsicherten ergreifen im Milieu-Vergleich relativ wenig konkrete Sicherheitsmaßnahmen. Ein Virenschutzprogramm verwenden 64 Prozent der Internetfernen Verunsicherten und 53 Prozent der Unbekümmerten Hedonisten. Dass sie darauf achten, so wenig persönliche Daten wie möglich ins Netz zu stellen, trifft nur auf 25 Prozent der Unbekümmerten Hedonisten zu. Und lediglich 14 Prozent der Internetfernen Verunsicherten ändern regelmäßig ihre Passwörter. Hintergrund dieser Zurückhaltung in Sachen Schutzmaßnahmen ist insbesondere die Überforderung, sich damit konkret auseinander zu setzen. Die Vertreter beider Gruppen geben überdurchschnittlich oft an, dass ihnen beispielsweise Informationen dazu fehlen, was sie selbst für den Schutz ihrer Daten im Internet machen können.

Informationsdefizit – Milieu-Unterschiede