3.2 Mediensozialisation und Identitätsbildung

Die Untersuchung geht außerdem der Frage nach, wie sich junge Menschen im Verlauf ihrer Sozialisation den Umgang mit Medien – insbesondere im Online-Kontext – aneignen.

In der Sozialisationstheorie wird davon ausgegangen, dass für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene spezifische Sozialisationsinstanzen relevant sind. Für Kinder sind dies neben dem Elternhaus, der Kinderkrippe, dem Kindergarten und der Schule auch die Medien sowie die Peergroup. Zu beobachten ist dabei eine zunehmende Verschmelzung medialer und sozialer Instanzen. Wie die vorherigen Ausführungen zeigen, werden mediale Kommunikationsmöglichkeiten immer mehr zur fast schon notwendigen Infrastruktur für die Pflege und Aufrechterhaltung von Freundschaften.

Die Faszinationskraft der Medien beruht u. a. darauf, dass sie sehr unterschiedliche Bedürfnisse befriedigen und unterschiedlichen Zwecken dienen können, von der Information und Unterhaltung über die Regulierung von Stimmungen und die Meinungsbildung bis hin zur Bereitstellung von Lösungsmodellen persönlicher und entwicklungsbezogener Probleme. Mit Hilfe von Medien werden auch Werte und Normen, Rollenverständnisse, Moral und Ethik im Austausch mit der Peergroup ausgehandelt. Im Mittelpunkt der Kommunikation innerhalb der Peergroup stehen dabei die sozialen Erfahrungen der alltäglichen Lebenswelt.

Identitätsbildung findet somit nicht im gesellschaftsfreien Raum statt. Es geht nicht nur um die individuellen Identitäten von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, sondern auch darum, welchen Platz sie in der Gesellschaft einnehmen. Medien tragen wesentlich zur Verständigung über die in der Gesellschaft geltenden Normen und Werte bei. Durch sie können junge Menschen lernen, wo ihr Platz in der Welt ist. In der Kommunikation mit der Peergroup wird dieser Platz dann genauer bestimmt und ausgehandelt, denn das Zusammensein mit Freunden hat weit höhere Priorität als die Medien selbst. Diese sind eher als Werkzeuge zu betrachten, um dem Wunsch, mit den Freunden verbunden zu sein, Rechnung zu tragen.

Medien spielen ferner bei der Ablösung vom Elternhaus eine wichtige Rolle, denn sie bieten Räume, in die die Eltern nur zum Teil Einblick erhalten (können) und bilden damit einige der wenigen, aber wichtigen Abgrenzungsbereiche.

Wie die Ergebnisse der Untersuchung im Folgenden zeigen werden, führt die vermehrte Nutzung von Medien im Alltagsleben von jungen Menschen daher nicht zu einer Verarmung ihrer sozialen Beziehungen. Im Gegenteil, es ergeben sich erweiterte Optionen für soziale Integration, sowohl innerhalb der Familie als auch in der Peergroup. Mediennutzung und die Kommunikation mit Familienmitgliedern und Freunden leisten zusammen einen wesentlichen Beitrag zur Identität und zum Selbstverständnis von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen1.

Eine Herausforderung für die Medienkompetenzbildung besteht daher darin, neue technische Entwicklungen in den Sozialisationsprozess zu integrieren und jungen Menschen einen sozial verantwortlichen und kompetenten Umgang zu ermöglichen. Da die erweiterten digitalen Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten aber auch für Eltern und Lehrer neu sind, sollten idealerweise alle Generationen in den Blick genommen werden. Um die Bedeutung der digitalen Medien im Alltag erschließen und darauf aufbauend zielgruppengenaue Maßnahmen ergreifen zu können, muss jedoch zunächst das konkrete Medienhandeln untersucht werden. Mit der vorliegenden Studie wird dies für die Altersgruppe der 9- bis 24-Jährigen geleistet.

  1. Mikos/Hoffmann/Winter 2009: Mediennutzung, Identität und Identifikationen: Die Sozialisationsrelevanz der Medien im Selbstfindungsprozess von Jugendlichen. Weinheim. S. 9f []