9.4 Vertrauen

Vertrauensanker werden in einzelnen Altersphasen neu ausgeworfen

Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene greifen auf eine Vielzahl unterschiedlicher Möglichkeiten zurück, eine Internet-Seite als sicher und vertrauenswürdig zu bewerten. Bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen überwiegt das Vertrauen in die technische Funktionsfähigkeit entsprechender Antiviren-Software. Des Weiteren setzt man vor allem auf das Know-how der Peergroup und das eigene Bauchgefühl. Letzteres spielt insbesondere bei den jungen Erwachsenen eine wichtige Rolle. Aufgrund ihrer im Laufe der Jahre angesammelten Erfahrungen sehen sie sich bereits deutlich häufiger in der Lage, bei der Beurteilung eines Internet-Angebots auf ihre Intuition zu vertrauen. Bei den Jugendlichen erweist sich auch der Inhalt eines Internet-Angebots als Entscheidungshilfe: Die Frage, ob eine Seite ohne notwendige persönliche Angaben auskommt, wird entsprechend in die Vertrauensbewertung mit einbezogen. Institutionelle Einrichtungen wie die Verbraucherzentrale, Ämter, Behörden und die Polizei sind deutlich weniger relevant.

Vertrauensinstanzen – Jugendliche und junge Erwachsene

Vertrauensinstanzen – Jugendliche und junge Erwachsene

Kinder vertrauen demgegenüber voll und ganz auf ihr enges persönliches Umfeld.

Vertrauensinstanzen – Kinder

Vertrauensinstanzen – Kinder

Relevanz von Online-Angeboten überlagert Vertrauensdefizite

Die Widersprüchlichkeit im Verhältnis wahrgenommener Risiken, angewandter Sicherheitsmaßnahmen, relevanter Vertrauensdimensionen und der tatsächlichen Internet-Nutzung war der Ausgangspunkt dieses Kapitels. Besonders deutlich wird diese Diskrepanz am Beispiel der Nutzung von Online-Communitys, allen voran Facebook. Mit 64 Prozent ist die Nutzung der Community eine der am häufigsten ausgeübten Tätigkeiten im Internet. Gleichzeitig erweist sich das in Facebook gesetzte Vertrauen als eher gering: Auf einer Skala von null bis zehn, deren Einstufung von „vertraue ich überhaupt nicht“ bis hin zu „vertraue ich blind“ reicht, erzielt das Online-Angebot nur einen durchschnittlichen Vertrauenswert (5,4). Auffallend ist, dass sich das in Facebook gesetzte Vertrauen nicht signifikant mit der Häufigkeit der Nutzung verändert. Wer häufig Facebook nutzt, vertraut diesem Netzwerk nicht mehr als jemand, der sich hier nur einmal pro Woche aufhält.

Vertrauen in Facebook ist außerdem weitgehend unabhängig von soziodemografischen Merkmalen. Knapp 20 Prozent der Facebook-Nutzer vertrauen dem sozialen Netzwerk nicht (Werte 0 bis 3 auf einer Skala von 0 bis 10); dabei üben hier im Mittel weder Geschlecht noch Bildung einen Einfluss aus.

Demgegenüber zeigen sich beim Alter der Befragten deutliche Unterschiede. So fühlt sich knapp die Hälfte der Facebook nutzenden Kinder nicht in der Lage, die Vertrauenswürdigkeit von Facebook zu bewerten. Vertrauen scheint hier noch kein ausschlaggebendes Kriterium zu sein bzw. keines, zu dem man eine konkrete Meinung hat. Dagegen sehen die Jugendlichen und die jungen Erwachsenen die Vertrauenswürdigkeit von Facebook deutlich kritischer.

Das eingeschränkte und als brüchig zu beschreibende Vertrauen in das Online-Angebot hat insgesamt kaum Auswirkung auf die Nutzung der Online-Community. Eine Einschränkung der Nutzung von Facebook beziehungsweise ein Umschlagen des festgestellten Vertrauensdefizites in konkretes Misstrauen gegenüber dem Online-Angebot kann nicht festgestellt werden. Das Vertrauensdefizit wird offenbar überlagert von der zentralen Bedeutung der Online-Community im Alltag der jungen Menschen und der gewohnheitsmäßigen intensiven Nutzung.

Vertrauen in Facebook – Soziodemografie

Vertrauen in Facebook – Soziodemografie

Vertrauen wird anhand der Faktorenanalyse in fünf Dimensionen dargestellt:

Dimensionen Vertrauen

Die Grafik auf der folgenden Seite zeigt nochmals deutlich die Relevanz von persönlichem Vertrauen bei Jugendlichen und den rapiden Einbruch der Bedeutung dieser Vertrauensdimension bei den jungen Erwachsenen. Mit steigendem Alter erweitert sich demnach das Spektrum relevanter Vertrauensdimensionen und entkoppelt sich zugleich von den natürlichen und für das Kindes- und frühe Jugendalter charakteristischen Vertrauensinstanzen im familiären Umfeld.

Vertrauensdimensionen

Vertrauensdimensionen

Lesebeispiel:
Persönliches Vertrauen spielt für Jugendliche eine deutlich überdurchschnittliche Rolle. Institutionelles Vertrauen ist für sie dagegen unterdurchschnittlich relevant.

Suche nach vertrauenswürdigen Ansprechpartnern

Nutzungsroutinen und die ausgeprägte Bedeutung von Online-Angeboten im Alltag können – wie am Beispiel von Facebook gezeigt – mögliche Risse im Vertrauensverhältnis der jungen Menschen zu diesen Angeboten kitten und überlagern.

Andererseits kann jedoch ein gewisses Bedürfnis nach vertrauenswürdigen Instanzen festgestellt werden. So spielt vor allem für Jugendliche das persönliche Vertrauen eine ausgeprägte Rolle, wenn es um die Nutzung des Internets geht. Sie vertrauen am ehesten Personen aus dem nahen Umfeld. Gleichzeitig sind sie jedoch häufig mit der Situation konfrontiert, dass sie zum Beispiel mit ihren Eltern keine „echten“ Gespräche über das Internet führen können. Aus Sicht der Jugendlichen erweisen sich Eltern häufig nicht als kompetente Ansprechpartner. Hinweise zu möglichen Risiken und Ratschläge über Vorsichtsmaßnahmen werden von den Jugendlichen als eher pauschal und zu allgemein empfunden. Konkrete Begründungen oder wirkliche Unterstützung erfahren sie dabei nicht.

„Meine Eltern nutzen das Internet wenig und konnten mir da nicht wirklich etwas beibringen, sie haben mir nur versucht beizubringen, dass ich aufpassen sollte.“ (18-24 Jahre, w)

„Naja, was soll man mit seinen Eltern schon übers Internet erzählen?“ (18-24 Jahre, m)

Das Internet als Medium positiver Erfahrungen und Spaß scheint selten Thema zu sein. Auch die Schule hat scheinbar wenig neue Informationen in Sachen Internet zu bieten. Thematisiert werden hier in der Wahrnehmung der Befragten in erster Linie Risiken, denen man mit vorsichtiger Nutzung oder Verzicht begegnen soll.

In der qualitativen Vorstudie wurde deutlich, dass Kinder ein ausgeprägtes Interesse an der Besprechung von Themen rund um Sicherheit im Internet haben, diese jedoch eher selten aufgegriffen werden. Als Recherche-Instrument wird das Internet jedoch bereits früh in die Unterrichtsarbeit und vor allem für die Hausaufgaben einbezogen.

Bei den Jugendlichen konnte demgegenüber ein eher leidenschaftsloses Aufzählen der Themen, die in der Schule behandelt wurden, beobachtet werden. Im Fokus stehen dabei Gefahren wie die Preisgabe persönlicher Daten, Veröffentlichung von Bildern und Kontaktaufnahme mit fremden Personen. Die Jugendlichen lassen deutlich erkennen, dass diese wiederkehrenden Pauschalitäten ihre Aufmerksamkeit nicht mehr zu binden vermögen. Bei aktuellen und für den digitalen Alltag der Jugendlichen relevanten Fragen rund um Legalität und Illegalität verschiedener Download-Optionen werden die Lehrer von den Jugendlichen jedoch auch nicht als kompetente Ansprechpartner wahrgenommen.

Während der Schulzeit der jungen Erwachsenen wurde das Internet auch teils noch gar nicht im Schulunterricht thematisiert.

„In der Schule? Das Übliche, was Erwachsene Jugendlichen immer und immer wieder mitgeben: Das Internet ist gefährlich und unsicher.“ (14-17 Jahre, w)

„Als ich vor vier Jahren Abi gemacht habe, wussten meine Lehrer nicht mal, wie man ein Beamer-Kabel an einen PC anschließt […] geschweige denn, dass die irgendwas über das Internet wussten.“ (18-24 Jahre, w)

„Kann mich nicht erinnern, dass das zur Sprache kam.“ (18-24 Jahre, m)