4.2.1 Souveräne (26%)

Kurzbeschreibung

Kurzbeschreibung SouveräneJunge digitale Avantgarde mit ausgeprägter individualistischer Grundhaltung, kosmopolitischem Selbstbild und kreativem Gestaltungswillen.

Souveräne sind besonders aktive Onliner unter den Jugendlichen: Rund 16 Prozent sind sogar fast den ganzen Tag oder immer online (elf Prozent im Durchschnitt der 14- bis 24-Jährigen). Sie nutzen Online-Angebote in ihrer ganzen Breite und deutlich intensiver als Vertreter aller anderen U25-Internet-Milieus. Dieses Nutzungsverhalten korrespondiert mit dem Wunsch nach ständiger Horizonterweiterung: Sie sind beständig auf der Suche nach neuen und ungewöhnlichen Erfahrungen. Das Netz bietet dabei die Möglichkeit, den Blick international auszuweiten und eröffnet zahlreiche Inspirationsräume für Menschen, Orte und Marktplätze.

Dieses U25-Internet-Milieu ist im Durchschnitt etwas älter als die anderen (40 Prozent sind 20 Jahre und älter), die Geschlechterverteilung zeigt einen leichten Überhang junger Männer und männlicher Jugendlicher. Lebensweltliche Schwerpunkte liegen im postmodernen und formal höher gebildeten Segment, reichen aber bis in die junge moderne Mittelschicht.

Der Wertekanon ist rund um Unabhängigkeit und Freiheit, Mobilität und Flexibilität, Kreativität und „Coolness“ angelegt. Sie wollen viel vom Leben und am liebsten alles gleichzeitig. Die verfügbare Zeit voll und ganz zu nutzen ist wichtig, Langeweile ist eher fremd und intensive Erfahrungen sind jederzeit erwünscht.

Die Souveränen sind „kulturelle Allesfresser“. Sie nutzen sämtliche Möglichkeiten, kulturelle Güter im Netz zu beziehen, und dies häufiger als Vertreter der übrigen U25-Internet-Milieus. Ob legal, illegal oder in der Grauzone ist dabei eher nebensächlich. Die Souveränen laden beispielsweise häufiger als andere Musik aus dem Internet herunter, ohne dafür zu zahlen, kaufen aber auch häufiger als die anderen Jugendlichen Musik im Internet. Sie gehören zu den klaren Befürwortern einer Kultur des Tauschens und Teilens im Netz.

Sie betonen, einen ganz eigenen Musik-, Film- oder Literaturgeschmack zu haben und streben damit nach Abgrenzung vom Mainstream: Sie möchten sich aus der grauen Masse abheben – die Positionierung über kulturellen Geschmack ist dafür ein probates Mittel. Sie umgeben sich gern mit Gleichgesinnten, dem Selbstbild entsprechend mit „kreativen Machern“ und zählen sich zur kulturellen und stilistischen jungen Elite – sie zeigen den anderen, was Trend wird, orientieren sich nicht an Moden, sondern erfinden neue.

Diese versierten digitalen Netzwerker sind darum bestrebt, die Zahl ihrer Kontakte ständig zu erweitern: Freund kann bei Facebook jeder werden, der anfragt. Sie sind jedoch zugleich auch die aktivsten Manager digitaler Bekanntschaften: Die Listen-Funktion von Facebook nutzen sie beispielsweise intensiver als alle anderen. Auch wenn ihnen Reproduktion über Online-Communitys wichtig ist, findet diese keineswegs unreflektiert statt. Sie unterscheiden genau, von welchen Kontakten sie profitieren können und welche eher als „Followers“ einzuordnen sind. Sie geben durchaus persönliche Daten z. B. bei Facebook preis, kontrollieren aber stärker als andere, wer von den „Freunden“ diese dann auch tatsächlich einsehen darf.

Aussagen zum Thema Medien, Internet und Online-Communitys

Aussagen zum Thema Medien, Internet und Online-Communitys

Souveräne treten in vielen Lebensbereichen als Kenner und Experten auf. Auch im Internet wird ihr Anspruch deutlich, sich kompetenter und smarter zu präsentieren als andere. Sie kennen mehr und unbekanntere Online-Angebote oder hilfreiche Funktionen und Einstellungen auf etablierten Websites. Ihre Risikowahrnehmung kreist vor allem um Datenschutzverletzungen. Gegenüber anderen Risiken zeigen sie sich hingegen vergleichsweise unempfindlich. Die hohe Sensibilität gegenüber Datenschutzverletzungen spiegelt sich jedoch nicht in den Sicherheitsmaßnahmen wieder: Aktive Datenkontrolle lehnen die Souveränen sogar ab. Sie verlassen sich eher auf Softwarekontrollen, also auf technische Sicherheitsmaßnahmen, als das eigene Online-Verhalten einzuschränken. Das Risiko von Datenschutzverletzungen ist aus ihrer Sicht der Preis für vielfältige, unkomplizierte und schnelle Vernetzungsmöglichkeiten, den sie bereit sind zu zahlen.

Ihr Blick auf Möglichkeiten zum Datenschutz im Netz ist realistisch bis nüchtern. Sie fühlen sich gut informiert, was gleichzeitig auch bedeutet, sich keine Illusionen über Datenmissbrauch zu machen. Gefahren führen nicht zu einer Begrenzung der eigenen Aktivitäten oder einer Einschränkung der Online-Zeit – Datenmissbrauch im Internet findet statt, davon lässt man sich allerdings nicht abschrecken. Die Souveränen setzen mit Blick auf Risiken und Sicherheit im Internet vor allem auf Eigenverantwortung: Um Datenschutz und Datensicherheit muss sich jeder selber kümmern. Wer sich nicht informiert, darf sich nicht beschweren. Die subjektiv hohe eigene Kompetenz gilt ihnen dabei als Maßstab.

Vertrauen und Sicherheit

Vertrauen und Sicherheit

Das Vertrauenskonzept1 der Souveränen lebt vor allem von sozialem und intuitivem Vertrauen – sie verlassen sich auf das Know-how ihres Netzwerks, die Online-Gemeinschaft insgesamt und ihr eigenes Bauchgefühl. Persönliches Vertrauen, z. B. in den Rat von Eltern, Lehrern oder Geschwistern, ist aus Sicht der Souveränen zu Fragen der Sicherheit im Internet kaum relevant. Dies korrespondiert mit der subjektiven Überlegenheit in punkto Internet-Kenntnissen im Vergleich zu ihren Eltern.

Souveräne können sich am wenigsten vorstellen, dass zukünftig ein Leben komplett ohne Internet noch möglich sein wird. Aus ihrer Perspektive steigt die Bedeutung des Internets kontinuierlich an, sowohl persönlich wie auch gesellschaftlich. Viele junge Erwachsene erleben dies bereits, vor allem beim Übergang ins Studium. Aber nicht nur beruflich, sondern auch mit Blick auf private Dimensionen ist das Internet mit seinen Möglichkeiten internationaler Vernetzung und Vereinfachung des Alltags nicht wegzudenken. Viele Aktivitäten sind ohne Internet schlicht nicht mehr vorstellbar – warum sollte man sich noch an eine Theaterkasse anstellen oder mühsam einen Stadtplan auseinanderfalten, wenn es auch anders geht.

Schon im Jugendalter ist das Internet für diese Gruppe somit vor allem auch Informationsmedium. Sie sehen die künftigen Entwicklungen nicht allein aus der Freizeitperspektive (mit Blick auf Kommunikations- und Unterhaltungsmöglichkeiten), die für sie in einigen Jahren weniger relevant werden könnte. Das Netz ist vielmehr ein multimedialer, unbegrenzter und schier unerschöpflicher Lern-, Lebens- und Erfahrungsraum.

„Das sind nicht meine Freunde, die Leute, die mich auf Facebook adden.2 Das sind einfach irgendwelche Leute für mich. Ich kenne zwar mindestens 450 von den Leuten, aber ich meine, ich benutze es für Sachen wie z. B. die Vermarktung meiner Sachen. Also Vermarktung heißt einfach, ich poste3 meine Sachen, die ich selber kreiert habe, und die können sich die Leute da angucken. Und desto mehr Klicks, desto besser, meinetwegen, da habe ich kein Problem mit, ob da 100 Leute mehr sind oder nicht.“ (18-24 Jahre, m)

[Zum Thema Datenschutz] „Allein was da an Hunderten von Nachrichten ist, ich habe Facebook seit knapp vier Jahren jetzt oder fünf sogar und das wird, glaube ich, auch kein Mensch durchlesen. Das sollen die erst mal schaffen. Bestimmt gibt es Suchmaschinen, die das irgendwie auswerten können, aber ich denke, dass das irgendwie verstanden werden kann, dann muss da irgendwie ein Typ dahinter sitzen und sich das dann durchlesen. Also da macht sich bestimmt keiner die Mühe.“ (18-24 Jahre, m)

„Ich sehe es so, dass man bald ohne Internet kaum noch was machen kann, auch was Arbeit angeht und solche Sachen. Schule auch. Deswegen wird Internet immer so ein Mittelpunkt sein im Leben.“ ( 14-17 Jahre, m)

  1. Die Vertrauenskonzepte und Sicherheitsmaßnahmen sind Ergebnisse vertiefender Analysen zur Verdichtung von Einzelaussagen. Wie sich die einzelnen Vertrauenskonzepte zusammensetzen, wird in Kapitel 11 erläutert. []
  2. Eingedeutschte Verwendung des aus dem Englischen stammenden Verbs „to add – hinzufügen“. Bedeutung: (in sozialen Netzwerken) zu den eigenen Kontakten hinzufügen. []
  3. Eingedeutschte Verwendung des aus dem Englischen stammenden Verbs „to post – abschicken, absenden“. Verwendet wird der Begriff sehr häufig im Zusammenhang mit der Nutzung von Online-Communitys. Hier können Nutzer Text, Fotos, Videos u. Ä. an die virtuelle Pinnwand anderer Nutzer oder auch die des eigenen Profils posten. []