4.1 Die neuen Netzgenerationen – U25 im Vergleich zur Gesamtbevölkerung

Die DIVSI Milieu-Studie 2012 zeigte, dass in der deutschen Gesellschaft digitale Gräben existieren: Es gibt Menschen, für die das Internet eine fremde Welt ist, manche entdecken diese Welt gerade für sich und tasten sich vorsichtig in sie hinein, wiederum andere sind so selbstverständlich online, dass sie sich kaum vorstellen können, wie jemand ohne Internet überhaupt leben kann. Die Grafik auf der folgenden Seite skizziert die DIVSI Internet-Milieu-Landschaft der deutschen Gesamtbevölkerung. Grundsätzlich werden drei Segmente unterschieden:1

  • Digital Natives haben das Internet im vollen Umfang in ihren Alltag integriert und bewegen sich mit großer Souveränität und Selbstverständlichkeit in der digitalen Welt. Die Sphären online und offline verschmelzen in diesem Segment zunehmend. Rund 44 Prozent der Deutschen zählen zu dieser Gruppe.
  • Digital Immigrants bewegen sich zwar regelmäßig, aber selektiv im Internet und stehen vielen Entwicklungen darin skeptisch gegenüber, insbesondere wenn es um die Themen Sicherheit und Datenschutz geht. Sie machen etwa 19 Prozent der Bevölkerung aus.
  • Digital Outsiders sind vollkommen oder stark verunsichert im Umgang mit dem Internet und nutzen es deshalb so gut wie gar nicht. Sie machen rund 37 Prozent der deutschen Bevölkerung aus.

DIVSI Internet-Milieus

DIVSI Internet-Milieus

Wird innerhalb der Gesamtbevölkerung nur die Gruppe der 14- bis 24-Jährigen2 betrachtet, so zeigt sich ein interessantes Bild: Digitale Gräben scheinen hier nahezu gänzlich versandet zu sein. Nur zwei Prozent der 14- bis 24-Jährigen nutzen das Internet gar nicht. In der Gesamtbevölkerung finden sich zum Vergleich 19 Prozent Offliner. In der jungen Altersgruppe hat der Begriff der Offliner also kaum mehr eine Relevanz. Dennoch bedeutet „Online-Sein“ nicht für alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen das Gleiche. In der jungen Generation existiert eine Vielzahl unterschiedlicher Zugangsweisen zum Internet nebeneinander. Diese beziehen sich weniger auf die Breite der genutzten Online-Angebote, die Dauer des täglichen „Online-Seins“ oder die Art und Weise des technischen Zugangs zum Internet.

Bedeutsam sind dabei vielmehr Unterschiede in der subjektiven Souveränität im Umgang mit dem Netz insgesamt und bei Gefahren und Risiken im Speziellen, aber auch die jeweiligen Perspektiven auf die zukünftige persönliche Relevanz des Internets. Es sind zwar (fast) alle online, dieser Status sagt jedoch kaum etwas über die Haltung zum und den Umgang mit dem Internet aus. Eine konsequente Betrachtung der unterschiedlichen Netzkulturen innerhalb der jungen Generation zwischen 14 und 24 Jahren ist daher notwendig.

Vom eigenen Elternhaus unabhängige lebensweltliche Unterschiede zeigen sich generell erst ab etwa 14 Jahren. Bei den Jugendlichen entwickeln sich ab diesem Alter zum Teil deutliche Unterschiede in der normativen Grundorientierung, die über die formalen Bildungsunterschiede hinaus wirksam sind und sich auch – soweit dies möglich ist – gelöst vom Herkunftsmilieu entfalten. Das heißt, das Aufwachsen in einem konservativ-bürgerlichen Herkunftsmilieu mündet nicht notwendigerweise in eine eigene bürgerliche Lebensweltorientierung. Werte, Ziele, Wünsche, Ängste, Freizeitgestaltung und kulturelle Orientierungen oder ästhetische Präferenzen der Jugendlichen bilden sich ab diesem Alter immer unabhängiger von den Vorstellungen der Eltern.

Wie groß die lebensweltlichen Unterschiede bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ausgeprägt sind, zeigt sich bereits in den Bildern, die sie im Rahmen der qualitativen Online-Phase erstellt haben, um sich vorzustellen:

Collage (Beispiel 1)

Collage (Beispiel 1)

In dieser Collage sind die Lieblingsorte (Café, WG-Couch und nahegelegener Park), die wichtigsten Dinge (Gitarre und ein geerbter Ring) und das Lieblingskleidungsstück (ein geerbter Kimono) einer jungen Frau zwischen 18 und 24 Jahren aus dem sozialökologischen Lebensweltsegment3 zu sehen. Die sozialökologische Lebenswelt fasst nachhaltigkeits- und gemeinwohlorientierte Jugendliche mit einer sozialkritischen Grundhaltung und Offenheit für alternative Lebensentwürfe zusammen.4 Die junge Frau beschreibt dazu, dass das Café ein in der unmittelbaren Nähe gelegener Treffpunkt ist und sie die „intime Atmosphäre“ schätzt. Die WG-Couch hat einen besonderen Wert, weil sie „Treffpunkt der WG ist, zum gemeinsamen Essen, Quatschen, kurzen Moment Ausruhen“ dient. Das Lieblingskleidungsstück Kimono bezieht seinen Status ebenfalls aus einer immateriellen, rein ideellen Wertschöpfung: „Er gehörte meinem Onkel, der ein Weltentdecker war und den er auf einen seiner vielen Reisen mitgebracht hat. [… Ich] bewundere ich ihn sehr für seine Abenteuerlust und Offenheit […]. Es ist ein Stück Erinnerung und Anstoß.“ Die Gitarre ist für die junge Frau wichtig, weil sie ihr ermöglicht „runterzukommen, mich auszuprobieren“.

Collage (Beispiel 2)

Collage (Beispiel 2)

Zum Vergleich zeigt diese Bild-Collage die Lebenswelt einer jungen Frau zwischen 18 und 24 Jahren aus dem materialistisch-hedonistischen Lebenswelt-Segment. Dieses Segment beherbergt die freizeitorientierte Unterschicht mit ausgeprägten markenbewussten Konsumwünschen.5 Auch diese junge Frau hat ihre Lieblingsorte (Balkon der Wohnung, nahegelegenes Einkaufszentrum und das eigene Bett) sowie Lieblingskleidungsstücke (High Heels und ein Oberteil) und die wichtigsten Dinge (Hund und Fernseher) fotografiert. Für sie ist das Einkaufszentrum ein wichtiger Ort, weil „man da gut shoppen kann und es nah ist“. Der Balkon ist ihr wichtig, weil sie sich dort „sonnen und Musik hören“ kann. Das Top zählt zu den Lieblingskleidungsstücken, weil „man darin gut Party machen kann und ich mich wohlfühle“. Die Schuhe hat sie gewählt, weil „sie hoch, aber trotzdem bequem sind“.

Die Bild-Collagen der beiden jungen Frauen verweisen nicht nur auf unterschiedliche Freizeitkulturen und Lebensstile. Vielmehr lassen sie grundsätzlich verschiedene Wertorientierungen erkennen. Einer materialistisch geprägten, konsum- und unterhaltungsorientierten Lebenswelt in der zweiten Collage steht eine postmaterialistisch geprägte, an authentischen Erfahrungen orientierte Lebenswelt in der ersten Collage gegenüber.

Diese lebensweltlichen Unterschiede zeigen sich auch in den „Medienzeitkuchen“, die die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in den Fokusgruppen-Diskussionen erstellt haben, um ihre Mediennutzungsgewohnheiten zu skizzieren.

Mediennutzung (Beispiel 1)

Mediennutzung (Beispiel 1)

Das erste Beispiel zeigt den Medienzeitkuchen eines jungen Mannes des sozialökologischen Lebenswelt-Segments. Besonders auffällig ist hier die hohe Bedeutung, die das explizite Lesen von Büchern und Texten einnimmt. Im zugehörigen Zitat erläutert er, dass eine – für Jugendliche und junge Erwachsene oft recht typische – Parallelnutzung verschiedener Medien für ihn keine Rolle spielt.

Mediennutzung (Beispiel 2)

Mediennutzung (Beispiel 2)

Das zweite Beispiel zeigt einen Medienzeitkuchen, den eine weibliche Jugendliche des materialistisch-hedonistischen Lebenswelt-Segments erstellt hat. Im Vergleich mit der vorherigen und der folgenden dritten Skizze fällt die Konzentration auf wenige Medien und zugleich wenige Aktivitäten auf: Das Handy steht im Zentrum der Mediennutzung und wird für die wichtigen Aktivitäten Telefonieren und Musik hören genutzt. Daneben ist auch der Fernseher relevant. Die Jugendliche erläutert zudem, dass das Handy auch als Internet-Zugang für sie immer wichtiger geworden ist und den Laptop fast komplett ersetzt.

Mediennutzung (Beispiel 3)

Mediennutzung (Beispiel 3)

Das dritte Beispiel zeigt schließlich den Medienzeitkuchen, den eine junge Frau des postmodernen Lebenswelt-Segments erstellt hat. In diesem Segment werden Jugendliche und junge Erwachsene zusammengefasst, die als erfolgs- und Lifestyle-orientierte Networker auf der Suche nach neuen Grenzen und unkonventionellen Erfahrungen bezeichnet werden können.6 Die Skizze zeigt ein breites Spektrum genutzter Medien und unterschiedlicher Aktivitäten. Die junge Frau beschreibt vor allem den zentralen Stellenwert von Musik, der alle anderen (Medien-)Aktivitäten begleitet.

Diese sich hier bereits andeutenden soziokulturellen Unterschiede zwischen den Lebenswelten lassen sich in ähnlicher Weise auch in ihren Haltungen zum Internet wiederfinden. Neben direkten Befragungen wurde auch die Methode des Online-Chats eingesetzt, in dem Studienteilnehmer aus verschiedenen Lebenswelten gemeinsam befragt worden sind. Dabei wurde deutlich, dass es sehr unterschiedliche Kommunikationsformen gibt und sich in dem exemplarischen Chat-Ausschnitt offenbar Menschen begegnen, die sich ansonsten nicht an gleichen Orten im Netz treffen und daher die Kommunikationsmodi aushandeln müssen:

Moderator: mit wem besprecht ihr, was ihr im internet macht und was da passiert?
Igor 04: freunden
Sahin54: meistens mit freunden
Lukas: nur freunde
Sahin54: selten der familie
Ertunc: FREUNDEEEEE
Can22: mit niemanden
Andrea: kommt drauf an, das kann ich pauschal nicht beantworten
Enzan: freundee
Jul: mit freunden meine eltern und familie sind zu alt, die können gerade mal email
Moderator: worauf kommt es denn an, andrea?
Enzan: haha
Tom: ey das ist doch echt nicht zielführend. dieses haha und rumgekaspere… mensch wir sind doch alle zumindest auf dem papier erwachsen. das nervt echt.
Andrea: ich spreche mit meinem freunden, als auch mit unikollegen oder meiner Eltern über Themen
Ertunc: lets right
Ertunc: unikollegen ??? sowas kenne ich nicht
Igor 04: ahaha ertunc
Enzan: @ Tom hol mal luft
Tom: machs selber diggi
Ertunc: ich gehe seit Jahre nicht zur schule
(…)
Moderator: woher wisst ihr denn, was im internet sicher ist und was unsicher ist?
Ertan: heute zu tage ist nichts sicher
Can22: ja das stimmt
Andrea: ich denke das kann man nicht sagen
Can22: auch wenn man denkt das es sicher ist kommt doch noch was am ende
Igor 04: ich kann beim 2 chat leider nicht teihlnehmen muss zur reha1
Tom: bei mir wurde zu schulzeiten auf sowas auch nicht eingegangen. zur nächsten frage: aus der zeitung/nachrichten
Ertunc: was has du denn IGOR ??
Moderator: bitte beim thema bleiben!
Lukas: es gibt ja sicherere seiten und welche die kaum sicher sind. ich denke immer, dass je bekannter eine seite ist, desto sicherer ist sie
Andrea: Leute, privates hin und her bitte lassen
Sahin54: sicher sind meistens seiten die sehr bekannt sind
Ertunc: es ist nicht sicher ich könnte jetzt eine Destopkopie machen und Facebook hochladen aber mache ich nicht gehört sich nicht
Andrea: ich denke da z.B. an google oder Facebook (wenn es jetzt um daten geht)
Igor 04: @ Ertunc kreuzbandriss
Igor 04: ok sorry andrea
Igor 04: andrea cheffin weiter gehts

Diese verschiedenen stilistischen Ausprägungen, Zugangsweisen zum Internet und Kommunikationskulturen lassen sich verdichtet in Form von Internet-Milieus beschreiben, die sich entlang ihrer Einstellungen, Wertvorstellungen und Verhaltensweisen im Umgang mit dem Internet unterscheiden. Die folgende Grafik gibt einen Überblick der im Rahmen der vorliegenden Studie erarbeiteten „DIVSI U25-Internet-Milieu-Landschaft“ in Deutschland.7 Die digitalen Lebenswelten der Jugendlichen und jungen Erwachsenen bewegen sich entlang der beiden Hauptachsen „formales Bildungsniveau“ (vertikal) und „normative Grundorientierung“ (horizontal). Je höher eine Gruppe in dieser Grafik angesiedelt ist, desto höher ist das formale Bildungsniveau; je weiter nach rechts sie sich erstreckt, desto moderner im soziokulturellen Sinn ist ihre Grundorientierung.8

DIVSI U25-Internet-Milieus – 14- bis 24-Jährige

DIVSI U25-Internet-Milieus – 14- bis 24-Jährige

Im Vergleich der DIVSI Internet-Milieus der Gesamtbevölkerung mit denen der 14- bis 24-Jährigen fallen die beschriebenen Unterschiede deutlich ins Auge. Die digitalen Lebenswelten der Jugendlichen und jungen Erwachsenen entsprechen zwar denen der Gesamtbevölkerung nicht eins zu eins – damit ließe sich den generationellen Unterschieden nicht gerecht werden –, die farblich gekennzeichneten Äquivalenzen erlauben jedoch eine basale Vergleichbarkeit. Die Internet-affineren, in der Grafik in Rot-Tönen gefärbten digitalen Lebenswelten der Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben einen insgesamt höheren Anteil als die entsprechenden digital affinen Milieus in der Gesamtbevölkerung. Die in blau gehaltenen Lebenswelten machen dementsprechend bei den Jugendlichen und jungen Erwachsenen einen quantitativ deutlich geringeren Anteil aus als in der Gesamtbevölkerung.

Die Grafiken veranschaulichen zudem, dass die 14- bis 24-Jährigen insgesamt „digitalisierter“ leben, jedoch auch innerhalb dieser Altersgruppe deutliche Unterschiede in der Haltung zum Internet bestehen.

DIVSI Internet-Milieus – Gesamtbevölkerung

DIVSI Internet-Milieus – Gesamtbevölkerung

  1. Die DIVSI Milieu-Studie wurde im Jahr 2013 aktualisiert. Die hier angegebenen Prozentzahlen und grafischen Darstellungen basieren auf den aktualisierten Befunden. Vgl. DIVSI Milieu-Studie zu Vertrauen und Sicherheit im Internet. Aktualisierung 2013 []
  2. Kinder werden im Folgenden nicht nach verschiedenen Lebenswelten differenziert. In der Altersgruppe der 9- bis 13-Jährigen dominiert noch das soziale Milieu des Elternhauses, siehe hierzu auch weitere Erläuterungen innerhalb dieses Kapitels. []
  3. Im Zuge der Studie „Wie ticken Jugendliche 2012“ des SINUS-Instituts wurden „ausgehend von den typischen Vorstellungen, was wertvoll und erstrebenswert im Leben ist/sein könnte, Jugendliche [in Lebenswelt-Segmente] zusammengefasst, die sich in ihren Werten, ihrer grundsätzlichen Lebenseinstellung und Lebensweise sowie ihrer sozialen Lage ähnlich sind: Konservativ-Bürgerliche, Adaptiv-Pragmatische, Sozialökologische, Prekäre, Materialistische Hedonisten, Experimentalistische Hedonisten, Expeditive.“ Vgl.: Calmbach/Thomas/Borchard/Flaig 2012: Wie ticken Jugendliche 2012: S. 31 []
  4. Ebd.: S.287 []
  5. Calmbach/Thomas/Borchard/Flaig2012: S.211 []
  6. Calmbach/Thomas/Borchard/Flaig 2012: S.325 []
  7. Die DIVSI U25-Internet-Milieus gelten für die Altersgruppe der 14- bis 24-Jährigen. Wie weiter oben erläutert, ist es nicht möglich, Milieu- und Lebensweltunterschiede für die unter 14-Jährigen zu beschreiben, da hier die Lebenswelt in der Regel durch das Elternhaus vorgegeben ist. []
  8. Deutsches Institut für Vertrauen und Sicherheit im Internet 2012: DIVSI Milieu-Studie zu Vertrauen und Sicherheit im Internet. Kurzfassung. S. 14 f. []