8.2 Bewusstsein für Illegalität

Die Nutzung kostenfrei verfügbarer Inhalte im Internet ist unter jungen Menschen – wie aufgezeigt – alltägliche Praxis. Ob sie durch das Streamen, Herunterund Hochladen von Filmen und Musik etwas Legales oder Illegales machen, ist jedoch nur zwei von zehn Befragten egal.

Rechtsverständnis von Online-Aktivitäten

Rechtsverständnis von Online-Aktivitäten

Die Mehrheit (über 60 Prozent) ist sich bewusst darüber, dass es sich dabei zumindest um rechtlich bedenkliche Nutzungsarten handelt. Dass Mainstream-Künstler und Mega-Stars schon reich genug sind, zählt bei über zwei Dritteln der Befragten nicht als Legitimation für den kostenlosen Bezug von Musik.

Von anderen online bereitgestellte Inhalte werden andererseits dankbar angenommen: Fast acht von zehn Befragten freuen sich darüber, dass es Menschen gibt, die kostenlos Musik und Filme ins Internet stellen. Personen, die Inhalte hochladen, werden häufig positiv wahrgenommen. Ihnen unterstellt man auch ein Engagement für das Gemeinwohl („Die tun uns ja was Gutes“). Dass bei der „kostenlosen“ Bereitstellung von Inhalten auch kommerzielle Interessen eine Rolle spielen, wird nicht gesehen.

„[…] ein Kinderschänder hat sechseinhalb Jahre Haft bekommen und Ralf Schmitz [Kim Schmitz], der Chef von Megaupload, der alle möglichen Spiele, Filme und Lieder hochgestellt hat, hat 25 Jahre Haft bekommen. Das kann doch nicht sein, dass nur der jetzt so viel kriegt. Er hat selbst nicht mal so viel Geld daraus gemacht, vielleicht mit den Werbungen. Aber damit kann man ja kein Geld verdienen, denn die ganzen Downloads waren gratis.“ (14-17 Jahre, m)

„Das ist wirklich falsch, sich das illegal runterzuladen. Auch wenn es nicht viel Geld ist, es geht um 79 Cent bis 1,25 pro Lied. Aber es fällt mir schwer, da noch mal eine iTunes-Karte zu kaufen, wenn ich dann irgendwie nur ein Lied möchte. […] mit diesen 15 Euro kann ich was Besseres anfangen.“ (14-17 Jahre, w)

„[…] naja, also am Anfang, wo ich ja nicht wusste, wie das geht, mit diesem rüber ziehen und so, habe ich mir halt die ganze Musik gekauft, ist eine Rechnung über fast 600€ gekommen, mein Vater ist richtig ausgerastet. Und dann ist ein Kumpel gekommen, hat mir das erklärt, wie man das macht, und seitdem mache ich das immer ohne Bezahlen.“ (9-13 Jahre, m)

Legalitätsempfinden ist abhängig von der tatsächlichen Nutzung eines Online-Angebots

Die Bewertung einer Nutzungstätigkeit (Streaming, Herunter- bzw. Hochladen) als legal oder illegal hängt dabei nicht von der jeweiligen Vermittlungsform (Film oder Musik) ab. Personen, die das Streamen bzw. Hoch- und Herunterladen von Filmen als legal oder illegal einstufen, bewerten auch die entsprechenden Nutzungsarten von Musik in ähnlicher Weise.

Das Legalitätsempfinden von 9- bis 24-Jährigen bezüglich der Nutzung online verfügbarer Inhalte und Angebote steht vor allem im Zusammenhang mit der Häufigkeit der jeweiligen Nutzung. Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die Filme bzw. Musik streamen, hoch- oder herunterladen sind mehrheitlich der Meinung, dass dies durchaus legal sei. Verstöße gegen eventuelle Urheberrechtsverletzungen entstehen eher vor dem Hintergrund abweichender Legalitätseinschätzungen als mit einer bewusst illegalen Handlungsabsicht.

Bewertung legal/illegal und Nutzung

Bewertung legal/illegal und Nutzung

Dieser Zusammenhang wird dann besonders deutlich, wenn man das illegale Herunterladen eines Filmes oder Musiktitels mit dem Diebstahl einer DVD im Kaufhaus verbindet. Gut die Hälfte aller Befragten (55 Prozent) setzt beide Verhaltensweisen miteinander gleich und bewertet das Streamen, Herunterladen und Hochladen von Filmen und Musik als illegal. Demgegenüber stehen 38 Prozent der Befragten, aus deren Sicht der Diebstahl im Internet etwas anderes ist als der Diebstahl im Laden. In dieser Gruppe zeigt sich eine anders geartete Legalitätsannahme: Hier sind die Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mehrheitlich der Meinung, dass das Streamen, Herunterladen und Hochladen von Filmen und Musik legal, das heißt nicht dramatisch ist.

Auch wenn Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zustimmen, dass Diebstahl im Laden und das Herunterladen von illegalen Seiten im Internet gleichzusetzen sind, bedeutet dies nicht, dass sie verschiedenste Möglichkeiten zum kostenlosen Bezug von Filmen und Musik automatisch auch als illegal verorten. Ungefähr ein Drittel derjenigen, die das Streamen von Filmen als illegale Handlung bewerten, setzt das Herunterladen von illegalen Seiten nicht grundsätzlich mit einem Diebstahl in einem Kaufhaus gleich. Hintergrund dieser Unsicherheiten und Widersprüchlichkeiten in der Bewertung ist die enorm komplexe Rechtslage, die von Internet-Nutzern insgesamt kaum begriffen werden kann. Die nachfolgende Grafik veranschaulicht diese Befunde:

Lesebeispiel für die folgende Grafik:
Von den 620 Befragten, die das Streamen von Filmen für illegal halten, sind auch 62 Prozent der Meinung, dass das Herunterladen von Filmen oder Musik mit dem Diebstahl von DVDs/CDs im Kaufhaus gleichzusetzen ist. 34 Prozent dieser Befragten sind hingegen der Ansicht, dass das Herunterladen von Filmen oder Musik nicht mit dem Diebstahl von DVDs/CDs im Kaufhaus gleichzusetzen ist.

Vergleich Online/Offline-Diebstahl

Vergleich Online/Offline-Diebstahl

In den qualitativen Befragungen verdeutlichen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen zudem, dass der eigene aktive Part beim Herunterladen weniger deutlich wahrnehmbar ist. Sie haben das Gefühl, dass die eigene Handlung nicht als der Moment des Diebstahls bezeichnet werden kann, da die Güter technisch zur Verfügung stehen und der Zugang ohne direkt stattfindende Folgen (z.B. Aufgehaltenwerden am Ausgang des Kaufhauses, Sicherheitsalarm etc.) möglich ist und damit ohne Konsequenz bleibt.

Zwischen den verschiedenen Bezugsmöglichkeiten von kostenfreien Inhalten werden Risikoabstufungen vorgenommen; zentrale Frage hierbei ist: Wie wahrscheinlich ist es, dass ich strafrechtlich belangt werde? Im Alltag überwiegt aus Perspektive der Befragten dennoch die schlichte Notwendigkeit, bestimmte Dinge haben zu müssen.

„Ist ja auch ein bisschen was anderes. Wenn man das jetzt im Laden klaut, dann klaut man auch vom Laden, weil die das ja kaufen müssen. Wenn man jetzt aber im Internet runterlädt, bei Pirate Bay1, dann ist das, als würde einer mit den ganzen Alben auf der Straße stehen und sagen hier, könnt ihr haben, wenn ihr wollt.“ (14-17 Jahre, m)

„Der Unterschied ist, dass du bei dem einen wirklich aktiv was machst. Das ist schon was anderes für mich, wenn du in so einem Laden stehst und mit einer geklauten CD rausgehst, als wenn du vorm Internet bist und das eher passiv machst.“ (14-17 Jahre, w)

„Aber ich sehe das immer so: Auf YouTube ist das veröffentlicht. Und wenn im Radio die gleiche Musik laufen würde und ich es einfach aufnehmen würde, hätte ich ja auch die Musik.“ (18-24 Jahre, m)

„Ich meine, warum soll ich jetzt im Laden kaufen oder auf Amazon mir eine DVD oder CD bestellen, am Ende warte ich zwei, drei Tage, bin meine 20, 30 Euro vielleicht los. Dann spare ich mir das lieber und zack, ein paar Klicks, dann kann ich den Film gucken. Vielleicht nicht in perfekter Qualität.“ (18-24 Jahre, m)

Erlaubt ist, was alle machen

Den Befragten ist somit häufig klar, dass viele ihrer Aktivitäten im Netz nicht legal sind. Dass sie dennoch nicht darauf verzichten, wird auf verschiedene Weise begründet. „Kostenloses“ Herunterladen eigentlich kostenpflichtiger Inhalte wird vor allem durch den Verweis auf die gängige Praxis legitimiert, die überwiegend als Maßstab für das eigene Handeln angesetzt wird.

Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen machen sowohl in zeitlicher wie auch sozialer Hinsicht die Erfahrung, dass ja doch nichts passiert, d. h. der tägliche Umgang mit Umwandlungen und dem Herunterladen von Dateien führt zu einer stetigen Abnahme des Problembewusstseins („es ist schon so lange nix passiert“), und in der eigenen Wahrnehmung handeln ohnehin alle so wie man selbst („noch keinem ist irgendwas passiert“).

„Also ich glaube, man orientiert sich generell immer an der Mehrheit. Also wenn jetzt beispielsweise alle illegal Filme runterladen, dann macht man das auch irgendwie so. Und ich denke mal auch, dass die wenigsten sich immer an die Gesetze bzw. Regeln halten.“ (18-24 Jahre, m)

Neben der Orientierung an dem, „was alle machen“, als Legitimationsstrategie finden sich weitere Erklärungsmechanismen, die das eigene Handeln rechtfertigen, allen voran die folgenden:

  • Man hat nicht genug Geld, und Musik und Filme sind zu teuer.
  • Downloads über YouTube sind legal, weil der Converter nicht verboten ist. D.h. aus Perspektive der Befragten sind der Staat, die Polizei oder „irgendwelche Ämter“ in der Bringschuld, klare Strukturen zu schaffen.
  • Die Musik erreicht kostenlos eine weitere Verbreitung, was positiv für die Künstler ist („YouTube macht Stars“).
  • Teilweise wird behauptet: Mainstream-Künstler/Mega-Stars sind reich genug und müssen nicht noch mehr verdienen.

Die Bereitstellung von eigentlich kostenpflichtigen Inhalten zum kostenlosen Download wird zudem tendenziell durch den Vergleich mit Gewaltverbrechen banalisiert.

„Ja, man sollte Stalking bestrafen, aber man darf sich kostenlos eben Filme und Musik runterladen. […] Ist ja auch etwas anderes. Wenn man sich jetzt ein Lied runterlädt, verletzt das ja keinen, oder schadet…“ (9-13 Jahre, m)

„Ja, Geld ist dagegen gar nichts. Wenn man das jetzt mit diesem Vergewaltigen vergleicht.“ (18-24 Jahre, w)

  1. The Pirate Bay (englisch für „Die Piratenbucht“) ist ein BitTorrent-Indizierer, der 2003 etabliert worden ist und seit 2010 von der schwedischen Piratenpartei angeboten wird. Dieser Dienst nimmt selbst nicht direkt am Tausch von Dateien teil, sondern hilft nur den Anbietern und Nachfragern bestimmter Dateien, sich gegenseitig zu finden. Dem schwedischen Urheberrecht zufolge konnte The Pirate Bay, da sie als Tracker selbst keine urheberrechtlich geschützten Dateien anbietet, nicht belangt werden. []