Beteiligung – nur in der Politik?

Die öffentliche Wahrnehmung von „Beteiligung im Internet“ ist stark geprägt von spektakulären Einzelfällen, die – zumindest temporär – eine entsprechend große Medienaufmerksamkeit auf sich ziehen: der Präsidentschaftswahlkampf Barack Obamas in den USA, die Gründung der Piraten-Partei in verschiedenen europäischen Ländern, Twitter- und Facebook-„Revolutionen“ im Rahmen des Arabischen Frühlings. Alle diese Ereignisse deuten darauf hin, dass Bürger neue Medien nutzen, um sich aktiv einzubringen, ihre Interessen zu organisieren und zu koordinieren, sich Gehör zu verschaffen, und so etablierte Institutionen und Prozesse unter Druck setzen oder sogar ganz infrage stellen.

In Deutschland erlebt die Bürgerbeteiligung derzeit eine Art politischen Aufschwung. Proteste von sogenannten „Wut-“ oder „Angstbürgern“, Demonstrationen wie rund um den neuen Stuttgarter Bahnhof oder erfolgreiche Volksinitiativen, etwa in Hamburg und Berlin, zeigen: Die Menschen sind zunehmend unzufrieden mit den gewohnten politischen Prozessen, sie wollen direkt mitsprechen und beteiligt werden. Praktisch alle Parteien schreiben sich inzwischen Bürgerbeteiligung und direkte Demokratie auf ihre Fahnen. In diesem politischen Kontext kommen die neuen Medien wie gerufen: Das Internet bietet neue Möglichkeiten, Interessengruppen in Entscheidungsprozesse einzubinden.

Doch wie kommt es eigentlich, dass sich so viele Hoffnungen einer aktiven Beteiligung mit dem Medium Internet verbinden? Vier Gründe sprechen dafür, dass das Internet Chancen für Beteiligung schafft:

1. Das Internet verschafft Zugang zu Informationen

Information gilt als die grundlegende Stufe jeder Beteiligung. Im Netz können die Nutzer auf mehr Informationen zugreifen, als dies je zuvor in der Geschichte möglich war. Diese Vielfalt ist zwar auch mit der Herausforderung verbunden, die passenden Informationen zu finden und die relevanten und zuverlässigen zu selektieren. Doch in jedem Fall hält das Internet die Chance bereit, Menschen zu informieren und aufzuklären. Dies ist eine Voraussetzung für ihr Interesse an einer aktiven Beteiligung und erhöht zugleich deren Qualität.

2. Das Internet verschafft Zugang zu Diskursen

Gerade in den sozialen Medien können Anhänger gemeinsamer Interessen schneller und einfacher denn je zueinanderfinden, sich organisieren und ihre Aktivitäten koordinieren. Nutzer werden so in Diskussions- und Deliberationsprozesse eingebunden, und sie entwickeln Zugehörigkeiten zu sozialen Netzwerken und Gruppen. Das aktive Engagement in einer solchen Gruppe stellt für sich eine Form der Beteiligung dar; sie ist zugleich hilfreich für eine Beteiligung über den Rahmen der eigenen Gruppe hinaus.

3. Das Internet erleichtert bekannte Formen der Beteiligung

Neue Medien machen es einfach und günstig wie nie zuvor, schnell mit anderen Nutzern, aber auch mit Organisationen in Kontakt zu treten. Kommunikation und Vernetzung ist die „Kernkompetenz“ des Internets. Auf dieser Basis können viele Prozesse vereinfacht werden – z.B. Einkaufen, Rechnungen bezahlen, Nachrichten lesen und Behördengänge abwickeln. Diese Vereinfachung – ökonomisch: eine Senkung der Transaktionskosten – gilt auch für Beteiligungsprozesse. Elektronische Kommunikation, Koordination und Abstimmungsverfahren lassen sich blitzschnell und von jedem Ort mit Internetzugang aus abwickeln.

4. Das Internet ermöglicht neue Formen der Beteiligung

Im Netz werden bekannte Prozesse der Beteiligung nicht einfach nur bequemer oder günstiger. Das Netz ermöglicht auch neue Formen der Beteiligung. International organisieren und koordinieren sich hier Interessengruppen und entwickeln Formen der Beteiligung, die so in der Vor-Internet-Ära nicht existierten oder nicht praktikabel waren: von Flashmobs über Crowdfunding und Online-Petitionen bis hin zu Hacker-Angriffen. Fluide, flexible, oft auch schnelllebige Formen der Beteiligung werden durch das Internet begünstigt.

Es gibt somit gute Gründe anzunehmen, dass das Internet die Beteiligung von Menschen unterstützt, erleichtert und möglicherweise stärkt (engl. „Empowerment“). Die eingangs erwähnten Beispiele haben jedoch eines gemeinsam: Es handelt sich bei allen um eine Form der politischen Beteiligung. Tatsächlich erhält die politische Beteiligung besonders große Aufmerksamkeit, sowohl in den Medien als auch in der Forschung.

Im ersten Projekt des DIVSI-Forschungsprogramms „Beteiligung im Internet“ hatte die Universität St. Gallen eine systematische Literaturanalyse durchgeführt (DIVSI, 2014). Quer durch alle Disziplinen wurde erhoben, was Forscher, die sich mit Beteiligung im Internet befassen, eigentlich genau untersuchen. Über 2.300 Studien wurden gesichtet, selektiert und ausgewertet. Das Ergebnis: Die Forschung sieht auf einem Auge besonders scharf und ist auf allen anderen ein wenig kurzsichtig. Der scharfe Blick fällt dabei auf den Bereich der politischen Beteiligung (s. Abbildung 1).

Abbildung 1: Bereiche der Beteiligung (prozentuale Verteilung der Studien, s. DIVSI, 2014)

Abbildung 1: Bereiche der Beteiligung (prozentuale Verteilung der Studien, s. DIVSI, 2014)

67% aller gefundenen Studien befassen sich mit der einen oder anderen Form der politischen Beteiligung. Eine weitere wichtige Erkenntnis der Analyse ist jedoch: Es gibt noch viele andere Bereiche der Beteiligung im Internet. Wirtschaft, Bildung, Gesundheit, Kultur… – das Internet wird in den unterschiedlichsten Lebensbereichen eingesetzt und führt in allen zu Formen der Beteiligung (zum Teil zu ähnlichen, zum Teil aber auch zu unterschiedlichen).

Natürlich spricht nichts gegen eine gründliche Untersuchung der politischen Beteiligung im Internet. Und doch ist eine einseitige Perspektive auf das Phänomen mit Gefahren verbunden: Politik ist ein anderes „Spielfeld“ – mit Luhmann ließe sich sagen: ein anderes System – als Wirtschaft, Bildung oder Kultur. Setzt man also kurzerhand Beteiligung im Internet mit politischer Beteiligung gleich, muss es zu verzerrten Wahrnehmungen kommen, zu Fehlinterpretationen und zu blinden Flecken.

Ein treffendes Beispiel hierfür ist die anhaltende akademische Debatte über die Auswirkung des Internets auf politische Beteiligung: Führt es zu mehr, weniger oder anderer Beteiligung? Mobilisiert es zuvor Inaktive, oder verstärkt es die Beteiligung ohnehin schon Aktiver? Der Blick auf die Wahlbeteiligung und -ergebnisse lässt eher resignieren und führte in der Forschung zur „Normalisierungsthese“. Diese besagt: Im Internet passiert im Grunde genau dasselbe wie außerhalb des Internets. Es unterstützt zwar Beteiligung, aber vor allem von ohnehin Beteiligten, profitieren werden also die heute auch schon Einflussreichen.

So wichtig diese Erkenntnisse sind, sie lassen sich nicht ohne Weiteres auf andere Lebensbereiche übertragen. Die Politik ist geprägt von stark institutionalisierten, wenig flexiblen Spielregeln, von Prozessen, die etablierte Akteure bevorzugen. Politik ist ein elitäres Phänomen, an dem sich auch ohne Internet nur wenige beteiligen. Die Beeinflussung und Veränderung von politischen Institutionen ist mühsamer und schwerfälliger als die von Vereinen oder Unternehmen. Bürger, die sich politisch engagieren, unterscheiden sich möglicherweise auch in ihren sozioökonomischen Eigenschaften von solchen, die eher ökonomisch oder kulturell engagiert sind. Kurzum: Das Phänomen „Beteiligung im Internet“ lässt sich nicht vollständig begreifen, seine Chancen und Herausforderungen nicht umfas- send abschätzen, wenn alleine die politische Beteiligung betrachtet wird.

Eine zentrale Gefahr dabei ist, dass die Bedeutung der Beteiligung im Internet unterschätzt werden könnte, wenn sie nicht in ihrer ganzen Vielfalt verstanden wird. Denn eine Beteiligung im Internet kann auch – oder vielleicht gerade – jenseits der Politik zahlreiche Vorteile bereithalten, für die Gesellschaft wie auch die Nutzer selbst. Beteiligung in den Bereichen Zivilgesellschaft, Kultur, Bildung, Gesundheit oder Wirtschaft schafft Sozialkapital, sie macht eine Gesellschaft lebendig, schafft Zusammenhalt, erzeugt diverse Hilfestellungen, fördert gegenseitige Unterstützung und bietet auch Potenzial für Innovation und Wachstum. Die Vielfalt dieser positiven Auswirkungen wird erst sichtbar, wenn der Blick über die politische Beteiligung im Internet hinaus erweitert wird.

Manche Beobachter befürchten, dass moderne Lebensformen – bis hin zum Konsum neuer Medien – den sozialen Kitt einer Gesellschaft schwächen könnten (Putnam, 1995). Umso wichtiger ist die Erkenntnis, dass neue Medien, indem sie Beteiligung ermöglichen und fördern, umgekehrt auch das soziale, kulturelle und Humankapital einer Gesellschaft stärken können. Wenn die gebotenen Chancen genutzt werden. Und wenn die neuen Medien verantwortungsvoll, produktiv und souverän eingesetzt werden. Dies gilt für die gesellschaftlichen wie auch für die Vorteile einer Beteiligung im Internet auf der individuellen Ebene. Denn wie diese Studie zeigt, können die Beteiligten für sich ganz konkrete Vorteile aus einer aktiven, partizipativen Nutzung neuer Medien ziehen.

Aus all diesen Gründen ist es wichtig, die Perspektive zu öffnen und nach der Analyse der wissenschaftlichen Literatur zu fragen: Was bedeutet für die Deutschen eigentlich Beteiligung im Internet? Wer beteiligt sich wie und wo? Und welche Vorteile erwachsen daraus? Welche Hürden müssen auf dem Weg zur Beteiligung im Internet genommen werden?