Hürden

Verantwortungsbedachte Etablierte weisen erhebliche Bedenken bezüglich einer Garantie des Datenschutzes im Internet auf und betrachten die Speicherung und Nachverfolgbarkeit von Daten im Netz kritisch. Dies gilt jedoch weniger für die Milieu-Angehörigen selbst als für ihre Wahrnehmung der Aktivitäten anderer Nutzer.

„Es gibt sicherlich auch Länder, wo es zu einer politischen Verfolgung kommt, wenn man sich beteiligt im Internet.“

Kritisch wird dabei betrachtet, dass Engagement im Internet mit einem persönlichen, identifizierbaren Einstehen für ein Anliegen verbunden ist. Durch Engagement werden Nutzer im Netz auffindbar, Daten werden – möglicherweise dauerhaft – mit der Öffentlichkeit geteilt. Angst vor dieser Art der Öffentlichkeit kann daher Engagement verhindern oder hemmen.

„Ich habe nicht mehr die Auswahl, wem ich meine Einstellung zukommen lassen will. Wenn ich einen politischen Standpunkt habe, den werde ich meinen Freunden erzählen, aber ich würde es nicht unbedingt öffentlich machen.“

„Ich könnte drauf verzichten. Ich möchte nicht so präsent sein mit dem, was ich gesucht habe. Ich möchte mir meine Informationen holen, aber nichts hinterlassen, aber man hinterlässt ja einen Fußabdruck.“

„Man gibt schon viel von sich preis. Wenn ich mich für Homosexuelle in Russland engagiert habe und will ein Einreisevisum nach Russland haben – also, ich habe schon von Leuten gehört, die nach Amerika einreisen wollten, die wurden an der Grenze abgewiesen, weil sie sich mal kritisch über Amerika und NSA geäußert haben. Also, wie gesagt, das Internet ist ein riesiger Datenspeicher, wo jeder Geheimdienst zuschaut.“

Neben der Auffindbarkeit im Netz wird vor allem auch „Spam“ und Werbung als Nachteil der Beteiligung im Internet betrachtet. Notwendig sind aus Sicht der Verantwortungsbedachten Etablierten daher ein gründliches Abwägen und eine gezielte Auswahl der genutzten Anbieter und Plattformen.

„Bei den Privatbildern klicke ich ‚Like‘ an, aber wenn was Kommerzielles da ist, da habe ich einmal für einen Bekannten geklickt, der Musiker ist, der hat eine Fanseite, und seitdem bekomme ich von dem ständig Einladungen, was mich auch nervt.“

„Man fühlt sich belästigt irgendwo. Es ist lästig an sich, und ich fühle mich wirklich belästigt von denen, die da die Werbung ewig einstellen. Wenn ich einmal was angeguckt habe und kriege das 14 Tage lang jeden Tag wieder.“

Die kritisch-distanzierte Sicht des Internets vieler Verantwortungsbedachter Etablierter lässt sie Online-Interaktionen als weniger „real“ betrachten. Stark im Internet engagierte Nutzer erscheinen ihnen daher sozial isoliert. Ohne Offline-Beteiligung befürchten sie die Vereinsamung der Nutzer.

„Sorry. Meine Erfahrung ist, dass je mehr Internet und Computer es gibt, je mehr vereinsamen die Leute. Je weniger soziale Kontakte haben sie, je weniger reden sie miteinander.“

Analog dazu betrachtet dieses Milieu das Engagement im Internet als eher oberflächlich und beliebig. Sie vermuten hinter verschiedenen Formen der Beteiligung eine übersteigerte Selbstdarstellung und -inszenierung der Nutzer.

„Es geht so ein bisschen in die Richtung Mittelalter, wo man noch keine moderne Kriminalistik kannte, diese Eideshelfer. Wer sagt, ‚Ich habe denjenigen nicht verletzt‘ oder ‚Ich habe diesen Anspruch‘ oder ‚Ich habe diesen Kaufpreis nicht bekommen‘, wenn er 20 statt 10 Eideshelfer bringen konnte, dann war das eben als Rechtsfindung maßgebend. Ich habe das Gefühl, es geht so ein bisschen in die Richtung. In manchen Schulklassen soll das ein Problem sein. Wenn man nicht mindestens doppelt so viele Follower oder ‚Likes‘ hat, wie in der Klasse sind, dann ist man schon der Loser. Das war zu meiner Zeit vollkommen egal, ob einer aus der Parallelklasse mein Bild toll fand oder nicht.“