Engagement im Internet

Engagement im Internet ist aus Sicht der Internetnutzer die höchste Form der Beteiligung. Engagement im Internet weist in der Wahrnehmung viele Eigenschaften auf, die sie nahe an das generelle Verständnis der Beteiligung (auch außerhalb des Internets) rücken:

Aktivität

Engagement ist die aktivste Form der Beteiligung, womit auch gesagt sein soll: Engagement ist immer aktiv. Engagement erfordert den Einsatz von Ressourcen – Zeit, Geld, Energie. Im Internet bedeutet Engagement ein aktives Einbringen, die Übernahme von Verantwortung – für eine Sache und damit ein Stück weit auch für das Internet.

„Engagement sollte mehr sein als Beteiligung. Beteiligung vielleicht eher Nutzung. Engagement ist es, Beiträge zu liefern.“

„Zwischen Beteiligung und Partizipation hätte ich jetzt auch nicht so eine große Differenzierung gesehen, aber Engagement ist schon was anderes. Das ist schon das Wesentliche.“

Abbildung 3: Assoziationen der Befragten mit „Engagement im Internet“

Abbildung 3: Assoziationen der Befragten mit „Engagement im Internet“

Engagement wird praktisch durchgängig mit dem Erstellen und Teilen von Inhalten assoziiert. Das Internet wird daher durch Engagement „bereichert“. Allerdings gehen die Vorstellungen durchaus auseinander, welche Formen der Aktivität unter Engagement fallen – Seiten erstellen, Communitys aufbauen und moderieren, Fotos und Videos hochladen, Texte verfassen, Dinge verkaufen, das alles sind für die Befragten recht eindeutig Formen von Engagement im Internet.

„Da ist vielleicht der, der so einen Thread eröffnet. Der, der Engagement wirklich zeigt, und die Leute, die dann mitschreiben, die sind beteiligt dann.“

Schwieriger wird es bei Spenden, Kommentieren, „Liken“, Teilen oder auch bei konsumtiven Tätigkeiten wie Einkaufen. Hier muss die Aktivität dann mit weiteren Dimensionen der Beteiligung oder des Engagements verbunden werden, um eine Zuordnung vornehmen zu können. Mit anderen Worten: Es muss berücksichtigt werden, mit welcher Haltung oder Absicht die Aktivität ergriffen wurde. Je nachdem kann ein „Like“ oder ein Einkauf Ausdruck eines Engagements sein – oder eben auch nicht.

Motivation/Aufwand

Engagement bedeutet für die Nutzer, wie gesagt, die Übernahme einer Verantwortung. Dahinter steht eine klare Motivation. Engagement wird darum auch mit „Emotion“, „Leidenschaft“ und „Überzeugung“ assoziiert. Nutzer engagieren sich nicht aus Langeweile oder Mangel an Alternativen, sondern weil sie sich aus einem inneren Antrieb für eine Sache starkmachen wollen. Nur darum sind sie bereit, den für Engagement notwendigen Aufwand zu erbringen, also Zeit, Geld und Energie zu investieren. Engagement im Internet wird darum auch mit „Opfer bringen“ in Verbindung gebracht.

„Das ist halt wirklich auch eine Steigerung. Ich kann einen Zweizeiler als Bewertung schreiben, das wäre für mich auch eine schlichte Beteiligung. Wenn ich aber was initiieren möchte, was bewirken möchte und dementsprechend auch eine wesentlich längere Bewertung schreiben würde, dann finde ich, das hat auch was mit Engagement zu tun. Einfach, weil damit möchte ich ja durchaus auch andere Leute ganz anders beeinflussen oder informieren.“

„Das finde ich schon Engagement, was der Andreas macht, mit Fotos hochladen und irgendwelche Beschreibungen. Ich finde, da kommt es auch so ein bisschen auf den Arbeitsaufwand drauf an.“

Im Internet engagierte Nutzer stehen für eine Sache ein. Allerdings ist damit noch nicht gesagt, was diese Sache ist. Eindeutig fällt das Urteil bei politischem und zivilgesellschaftlichem Engagement aus. Einstehen für eine „gute Sache“, z.B. Hilfe für Bedürftige, nachbarschaftlicher Einsatz, Unterstützung von Erkrankten und Umwelt- oder Tierschutz, ist eindeutig dem Bereich des Engagements zuzuordnen. Gleiches gilt in der Regel für politische Anliegen.

„Ja, ich habe mich definitiv engagiert! Für eine junge Frau, die sich selbstlos und auf eigene
Kosten um die Straßenhunde in Rumänien kümmert! Ich habe gespendet und mit ihr vereinbart, einen Hund aufzunehmen, sobald er ausreisefähig ist.“

„Man könnte eigentlich an diesen Begriffen den Maßstab der Selbstlosigkeit anlegen, und dann würde Engagement an der Spitze der Selbstlosigkeit stehen.“

Doch Engagement ist nicht auf den sozialen und politischen Kontext beschränkt. Der Aufbau eines Geschäfts, eines kommerziellen Angebots, die Unterhaltung einer Plattform für private Interessen und Hobbys, die Verbreitung von Musik, Filmen, von Kulturobjekten, die Bereitstellung von Schulungs- und Weiterbildungsangeboten – all das wird von den Befragten auch zum Engagement im Internet gezählt. Weil es einen starken Einsatz erfordert, ein aktiver Beitrag zum Internet ist und eine erhebliche Motivation voraussetzt. Engagement im Internet kann somit auch stark von persönlichen Interessen und Präferenzen geprägt und muss keinesfalls selbstlos sein.

„Ich habe nach Jahren der Suche endlich eine Schallplatte besorgen können, diese auf CD gebrannt und mit einem Bild des Labels und zwei selbst mit PowerPoint gebastelten Inhaltsbeschreibungen den Nutzern von YouTube zur Verfügung gestellt. Im Forum habe ich meinen Bericht zur Restauration eines Motorrads fortgeführt und Bilder eingestellt, um die mich jemand im Forum gebeten hatte. Wegen eines gesuchten Bauteils bin ich mit einem anderen Mitglied per PN in Kontakt getreten. Durch diese Aktivitäten habe ich der Community Material und Informationen zur Verfügung gestellt, die dieser helfen oder zumindest helfen können.“

Sichtbarkeit

Eine wichtige Dimension, die aus Sicht der Nutzer sowohl Engagement im Internet von Beteiligung im Internet unterscheidet als auch Engagement im Internet von Engagement außerhalb des Internets, ist die Sichtbarkeit. Engagierte Nutzer beziehen Position, indem sie sich für eine Sache einsetzen. Weil das Internet eine Kommunikationsplattform ist, ist Engagement im Internet notwendigerweise mit (quasi)öffentlicher Kommunikation verbunden. Im Internet ist das Engagement eines Nutzers immer auch für andere sichtbar. Wie in Kapitel 4 beschrieben wird, kann dies als ein Vorteil des Internets gewertet werden, weil durch die hohe Sichtbarkeit auch die Wirksamkeit eines Engagements erhöht werden kann.

„Ich habe auf Facebook einen kurzen Text verfasst über eine politische Kunstaktion. Den Text sehen dann eventuell meine 600 Kontakte. Es ist ein klein wenig so, wie einen Zeitungsartikel zu schreiben, finde ich. Deswegen finde ich, dass ich da beteiligt und engagiert war.“

Engagierte Nutzer exponieren sich also, indem sie Verantwortung übernehmen und etwas zum Internet beitragen, indem sie Inhalte veröffentlichen und teilen. Damit machen sie sich aus Sicht der Befragten auch angreifbar. Diese Angreifbarkeit ist für sie eine mindestens so bedeutsame Schattenseite des Engagements im Internet wie der mit einem Engagement verbundene notwendige Aufwand. Denn engagierte Nutzer können von verschiedenen Seiten angegriffen werden.

„Und umso öffentlicher ich mitmache, desto angreifbarer mache ich mich.“

Nutzer mit abweichenden Interessen, wie zum Beispiel anderen politischen Positionen, könnten negativ reagieren, engagierte Nutzer könnten Fehler begehen, sich lächerlich machen, hinsichtlich ihrer Motive hinterfragt werden, sie könnten also von anderen Nutzern attackiert oder „gemobbt“ werden. Immer wieder wird auch die Sorge vor einer öffentlichen Verfolgung laut – sei es durch Mitbürger („Political Correctness“) oder durch öffentliche Institutionen (NSA, Verfassungsschutz etc.). Das Schlagwort „Das Internet vergisst nicht“ spielt hier eine zentrale Rolle – was wäre, wenn engagierte Nutzer heute zu ihrer Sache stehen, aber sich in der Zukunft davon distanzieren? Was, wenn ein Einsatz heute legal ist, aber morgen verboten wird?

„Es gibt ja auch den Spruch, das Internet vergisst gar nichts. Der Server wird 28-mal gesichert, und zwar die nächsten 100 Jahre, und irgendwann kann mir dieses Engagement oder Beteiligung zu meinen Lasten ausgelegt werden.“

Wenn Engagement im Internet also nicht nur sichtbar, sondern dauerhaft sichtbar ist, erfordert es eine gründliche Abwägung oder eine sehr starke Überzeugung. Die Sichtbarkeit des Engagements im Internet führt auch dazu, dass es eng mit „Selbstdarstellung“ assoziiert wird – im Guten wie im Schlechten. Positiv gesehen wird das sichtbare Einstehen für eine Sache, das mutige Position-Beziehen. Andererseits wird jedoch auch schnell hinterfragt, ob das Aufpolieren des eigenen Images, der Wahrnehmung durch andere nicht das wahre Motiv des Engagements ist. Zahlreiche Befragte unterstellen ihren Mitmenschen jedenfalls ein solches Motiv – und fürchten sich selbst wiederum vor dieser Unterstellung.

Aufwand, aktive und produktive Nutzung, die eine gewisse technische Kompetenz erfordert, starke Motivation, Sicht- und Angreifbarkeit – es deutet sich an, dass Engagement im Internet, als stärkste Form der Beteiligung, erhebliche Hürden aufweist. Auf die Vorteile von Beteiligung und Engagement im Internet geht Kapitel 4 vertieft ein, während Kapitel 6 näher auf Hürden eingeht sowie Möglichkeiten und Ansätze beschreibt, Beteiligung und Engagement im Internet zu fördern.