Beteiligung mit und ohne Internet

Das Verhältnis von Beteiligung im Internet und außerhalb des Internets unterscheidet sich erheblich zwischen den befragten Internet-Milieus. Während für manche das eine ohne das andere nicht denkbar ist, stellen andere sogar einen Widerspruch, eine Ausschließlichkeit fest. Wenn über alle Internet-Milieus hinweg ein allgemeines Verständnis – oder zumindest ein besonders weitverbreitetes – beschrieben werden soll, so wäre das ein ergänzendes, unterstützendes Verhältnis von Beteiligung inner- und außerhalb des Internets.

„Allerdings, ich bin im Chor. Wir treffen uns gerne einmal die Woche, aber bestimmte Noten tauschen wir übers Internet aus, oder Auftritte werden aufgezeichnet. Als Ergänzung.“

„Durchs Internet wird das aber nur schneller. Die Möglichkeiten sind die gleichen, das konnte ich vor 20 Jahren schon mit Demoband machen. Mehr Möglichkeiten sind es nicht geworden, es ist nur schneller und effizienter geworden.“

Vor allem für solche Nutzer oder Milieus, die wenig mit dem Internet vertraut sind und dieses bestenfalls passiv, konsumtiv nutzen, ist Beteiligung ein deutlich überwiegendes oder sogar ausschließliches Offline-Phänomen. Solche Nutzer sind durchaus an verschiedenen Gruppen und Initiativen beteiligt und zu unterschiedlichen Anliegen engagiert – jedoch ohne dabei das Internet zu nutzen. Da vor allem unter einigen älteren Nutzern das Internet stark mit Sorgen und Gefahren assoziiert wird, passt ein so positiv besetzter Begriff wie „Beteiligung“ – oder auch „Engagement“ – für sie nicht zu diesem Medium.

„Mit dem Wort ‚Engagement’ kann ich im Internet wenig anfangen. Engagement heißt für mich persönlich reale Aktion und nicht im Internet. Mit Ausnahme eventueller Unterschriftaktionen – unter Umständen erreicht man Leute, die man auf der Straße nicht ansprechen kann.“

Am anderen Ende des Spektrums finden sich die „Digital Natives“, für die das Internet ein selbstverständlicher Bestandteil des Alltags ist und ein ständiger Begleiter. Für solche Nutzer ist es zum Teil schwierig, For-men der Beteiligung zu nennen, die nicht mit dem Internet verbunden sind. Viele ihrer Aktivitäten in diesem Kontext finden ausschließlich im Internet statt. Das Internet, in dem sich ihre Freunde, Bekannte, Familien und Kollegen bewegen, ebenso wie jene Institutionen und Unternehmen, mit denen sie sich regelmäßig austauschen, ist für sie ebenso realer Lebensraum wie die Offline-Welt. Im Internet für eine Sache einzustehen, Position zu beziehen sowie Zeit und Geld zu investieren, ist daher ebenso „real“ und gleichwertig wie Offline-Formen der Beteiligung.

„Ja, vielleicht muss man einfach umdenken, da das Internet schon fast alle Lebensbereiche erfasst hat (oder zumindest erfassen kann), muss man sich wohl eingestehen, dass man sich auch im Internet AKTIV engagiert, obwohl man nur Tasten drückt :-)“

Zwischen diesen Positionen befinden sich vor allem jene Nutzer und Milieus, die das Internet durchaus rege nutzen, aber ein distanziertes, instrumentelles Verhältnis zum Medium aufweisen. Für sie ist das Internet ein hilfreiches Instrument bei der Erreichung von Zielen, das selektiv herbeigezogen wird.

„Bei mir ist es auch Mittel zum Zweck, aber ich finde, es ist auch ein Zeitfresser, fesselt auch. Deswegen habe ich es jetzt eingeschränkt.“

Über alle Internet-Milieus hinweg kann dennoch festgestellt werden, dass Beteiligung außerhalb des Internets als aufwendiger und darum oft auch realer oder hochwertiger empfunden wird. Dies ist sicher auch damit zu erklären, dass Beteiligung im Internet ein breiteres Konzept ist, das mehrere, auch niederschwellige Aktivitäten umfasst. Die Bequemlichkeit der Beteiligung im Internet ist ein Vorteil des Mediums, der aber diese Beteiligung zugleich in ihrer Wertigkeit reduziert. Eine Beteiligung, die mehr Aufwand, mehr Opfer erfordert, ist nach diesem Verständnis höher anzusehen.

„Ich glaube, in der Offline-Welt muss man viel mehr handeln. Da reicht es nicht, wenn man einfach nur danebensitzt, ein Fenster öffnet und ein paar Zeilen tippt. In der Offline-Welt muss man wirklich aktiv sein, sich erkundigen, von A nach B gehen, laufen, fahren, fliegen. Da ist viel mehr Mühe dahinter.“

Verbunden mit dieser Haltung ist die Einschätzung, dass eine reine Online-Beteiligung als oberflächlich, schnelllebig, wenig nachhaltig betrachtet wird. Oft wird auch – weil vor allem aktive Beteiligung im Internet unweigerlich mit Sichtbarkeit verbunden ist – ein Motiv der Selbstdarstellung, des Ego-Marketings vermutet. Auch dieses vermutete Motiv entwertet in den Augen vieler die Beteiligung im Internet.

„Es gibt ein sehr verknapptes, quasi ‚Schein-Engagement’, wenn z.B. eine Aussage, ein Statement ‚geliked’ wird, nur weil ein entsprechender Button geklickt wird.“

Trotz dieser kritischen oder skeptischen Haltung wird der Beitrag, den das Internet zur Beteiligung seiner Nutzer leistet, praktisch über alle Internet-Milieus hinweg geschätzt. Wenngleich der Begriff des „Empowerment“ im Sprachgebrauch der Nutzer nicht verbreitet ist, sind sie sich des Phänomens doch sehr bewusst. Das Verfolgen persönlicher Anliegen – seien es zivilgesellschaftliche, politische, kulturelle oder wirtschaftliche – wird unterstützt und erleichtert durch die Möglichkeiten der neuen Medien. Dabei stehen vor allem die Verbreitung von Information, die Kommunikation und Koordination der Nutzer im Vordergrund. Wenn also das Internet „reale“ Beteiligung auch außerhalb des Internets ergänzt und unterstützt, wird dies durchgängig als positiv empfunden. Dies ist auch die Form, in der das Internet im Kontext der Beteiligung am häufigsten seinen Einsatz findet.

„Engagement im Internet bedeutet, eine Aktion selbst zu initiieren. Meistens organisieren sich Menschen im Internet (Chats, Foren etc.), um in der realen Welt Engagement zu zeigen.“

„Das Internet kann als Medium für ‚klassisches’ Engagement genutzt werden, z.B. für Verabredungen zu Demonstrationen, Versammlungen etc. Es kann aber auch Engagement allein im Netz geben, ohne körperliches oder sonstiges Engagement.“

Ob das Internet sogar die Beteiligung der Nutzer in der Offline-Welt fördern und intensivieren kann, ist eine wichtige Frage, die in künftigen Schritten des Forschungsprogramms vertieft zu untersuchen sein wird. Durch die Vereinfachung von Kommunikations- und Koordinationsprozessen hat das Medium jedenfalls das Potenzial für einen solchen förderlichen Einfluss.