Beteiligung im Internet

Einige der oben genannten Dimensionen der Beteiligung mögen selbstverständlich sein, erhalten aber eine neue Bedeutung, wenn man sich dem Begriff „Beteiligung im Internet“ nähert. Denn eine wichtige Erkenntnis der durchgeführten Untersuchung ist: „Beteiligung im Internet“ ist nicht dasselbe wie „Beteiligung“.

„Beteiligung im Internet“ besteht aus zwei Komponenten: dem Anliegen und dem Medium, „Beteiligung“ und „Internet“. Der Begriff wird so komplexer und vielschichtiger. Dies wird auch dadurch deutlich, dass sich die Verständnisse von „Beteiligung im Internet“ in den Internet-Milieus zum Teil deutlich unterscheiden (siehe Kapitel 5).

Die soziale Dimension der Beteiligung spiegelt sich darin, dass Beteiligung im Internet auch etwas mit „Dabeisein“ zu tun hat. Doch wobei? Für manche Nutzer steht die Sache, das Anliegen im Vordergrund – die Beteiligten sind also bei einer Gruppe dabei, die sich für etwas einsetzt. Für andere Nutzer steht aber das Medium im Vordergrund: Beteiligte sind am Internet beteiligt, sind Teil des Mediums.

„Ich habe mehrere Seiten im Internet, von daher, damit beteilige ich mich. Ich biete den Leuten eine Anlauffläche, Informationen zu bekommen, Kontakt mit anderen Menschen zu schließen, all so was. Ich biete überhaupt erst mal diese Plattform an.“

Abbildung 2: Assoziationen der Befragten mit „Beteiligung im Internet“

Abbildung 2: Assoziationen der Befragten mit „Beteiligung im Internet“

Häufig wird festgestellt, dass „das Internet“, die persönliche digitale Lebenswelt, in der sich die Nutzer bewegen, von der Beteiligung anderer Nutzer lebt. Ohne die anderen wäre das Internet tot, leer und langweilangweilig. Umgekehrt lässt sich daraus schließen, dass ohne das eigene Dabeisein, die eigene Nutzung, das Internet etwas weniger lebendig und wertvoll wäre. Das Internet lebt von seiner Nutzung, Anbieter sind auch ökonomisch auf die Nutzung angewiesen, ohne eine Nutzung könnte das Internet nicht bestehen.

„Ob ich eine E-Mail schreibe, was lese, irgendwo Blogs schreibe; also, sobald man online geht und auf einer Seite was tut. Entweder lebt die Seite davon, dass man sie besucht hat – gut, ich habe den Werbeblocker –, aber alleine durchs Aufrufen der Seite hat derjenige vielleicht schon was verdient. Jeder Klick wohin hinterlässt eine Spur, und irgendwer verdient wahrscheinlich auch dran.“

„Wir sind alle Internet“ könnte demnach das Motto lauten. Für viele Befragte ist darum schon die reine Nutzung des Mediums eine Beteiligung im Internet. Nicht beteiligt ist man aus ihrer Sicht folglich, wenn man das Internet nicht nutzt oder „verlässt“. Für manche wäre dies ein erheblicher Einschnitt, sie müssten die Internetverbindung ganz bewusst kappen, um also nicht beteiligt zu sein – für sie eine eher unangenehme Vorstellung. Und eine aufwendige: Einige Befragte stellen fest, dass ihre Endgeräte im Netz sind, auch wenn sie gar nicht aktiv genutzt werden. Man müsste also alle Endgeräte ausstellen, um nicht mehr beteiligt zu sein.

„Der Rechner ist sowieso dauernd online. Nicht mehr wie früher mit den Modems, wo man sich bewusst anmelden musste, um ins Netz zu gehen und die Minute kostete, sondern es ist einfach da, wie Strom für Telefon.“

„Dann muss man sich ja offline melden, um passiv zu sein.“

Für andere Befragte ist dagegen klar: Sie sind nicht im Internet beteiligt. Sie gehen eher selten und unter Vorbehalt „ins Internet“. Aber Teil dieses fremden Mediums sind sie in der eigenen Wahrnehmung nicht. Internet, das machen andere. Teile der Befragten haben tatsächlich Schwierigkeiten, die Begriffe „Beteiligung“ und „Internet“ in Verbindung zu bringen, weil sie das Internet nur so selten und zurückhaltend nutzen. Für „Digital Natives“ ist es dagegen eher schwierig, „Beteiligung“ ohne „Internet“ zu denken. Zu selbstverständlich ist, dass alle wichtigen Aktivitäten und Interaktionen in ihrem Alltag irgendwie digital vermittelt stattfinden.

Festhalten lässt sich, dass das komplexere Phänomen „Beteiligung im Internet“ deutlich breiter ist als allein die „Beteiligung im Allgemeinen“. Die Anforderung an die Aktivität und Verantwortungsübernahme, auch die Motivation der Beteiligten – zwei wichtige Dimensionen der Beteiligung im Allgemeinen – sind auf einen Schlag weniger streng oder hoch, wenn das „Internet“ dazukommt. Unter Beteiligung im Internet fallen also mehr niederschwelligere, weniger aufwendige Aktivitäten als nur unter Beteiligung. Sogar der Begriff der „Aktivität“ ließe sich hinterfragen, wenn für manche Befragte das reine „Online-Sein“, also ein bloßer Zustand, unter Beteiligung im Internet fällt.

„Wenn ich zum Beispiel eine Seite online habe, wo es wirklich gescheite Informationen gibt oder irgendwelche tollen Downloads, dann, finde ich, bin ich einer, der sich am Internet beteiligt.“

„Ich denke auch, wenn ich was mache, bin ich dabei, sobald ich online bin.“

Wichtig ist dabei die Feststellung: Beteiligung im Internet ist „breiter“ als Beteiligung, in diesem Sinne also „mehr“ als Beteiligung, nicht „weniger“. Denn Beteiligung im Internet hört nicht auf beim „Online-Sein“, es fängt dort an. Auf dieser Basis gibt es viele weitere Formen oder Aktivitäten, die auch zur Beteiligung im Internet zählen. Das Verständnis der Beteiligung im Internet aus Sicht der Nutzer macht also eine Differenzierung notwendig. Eine Differenzierung, die die Befragten von sich aus vornehmen, wie Kapitel 5 unterschieden nach den untersuchten Internet-Milieus zeigen wird. Einige wichtige, übergreifende Differenzierungen sollen aber schon hier vorweggenommen werden: aktive und passive Beteiligung, freiwillige und unfreiwillige Beteiligung sowie positive und negative Beteiligung.